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Die Alben des Jahres 2021: 40 – 31

| HM | Kurzformate  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01  |

40. Swarrrm – ゆめをみたの – i dreamed​.​.​.

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Swarrrm tun offenbar alles, um ihre Fanbase außerhalb von Japan nicht zu vergrößern, zumindest versorgungstechnisch: Von ゆめをみたの – I Dreamed…, dem Nachfolger des eigentlich bereits eine breitere Hörerschaft anziehenden こわれはじめる – Beginning to Break von 2018 gibt es im Bandcamp digital nur zwei separate Songs, dazu bei Kauf einen Wulst aus allen anderen Nummern der Platte zusammengeflickt als „Bonus“-Paket; bei allen anderen Anbietern (Apple, Amazon, etc.) und Streamingdiensten hat man sich gleich sowieso nur auf die beiden Singles beschränkt. Was schon okay wäre – sofern der Import aus Japan nicht derart absurd teuer bis unmöglich wäre.
Wenn man die Mühen auf sich genommen hat und an eine vollständige Version des Albums rangekommen ist, wird man zwar selbst als nicht-audiophile Person über das groteske Mastering/Mixing und die praktisch nicht vorhandene Dynamik-Reichweite staunen – aber eben auch über Songs, die den patentierten Yakuza-Karaoke-Grind/Hardcore der Band näher an Flower rückend schmissiger, poppiger, rockiger, avantgardistischer – ja sogar jazz-balladesk- zelebrieren als zuletzt und damit herrlich eigenwillige, aggressive Ohrwürmer züchten, die so einfach einzigartig auf dem Markt (oder eben abseits davon) sind.
Dass sich Dog Knights Productions unlängst der Sache angekommen hat (selbst nach einem Store-Facelift aber leider keine vernünftigen, sondern eben zeitgemäße Shipping-Preise bieten kann), ist da dennoch ein ziemliches Weihnachtswunder.

39. The Body – I’ve Seen All I Need To See

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Als offenkundiger Beweis dafür, dass The Body in der Kooperationsrolle ideal aufblühen, dient heuer natürlich in erster Linie Leaving None but Small Birds, die jenseits aller Erwartungen stattfindende Liaison von Chip King und Lee Bufford mit BIG | BRAVE.
Dass die neuerliche Zusammenarbeit mit Seth Manchester, der nach I Have Fought Against It, but I Can’t Any Longer diesmal alleine für die Produktion verantwortlich zeichnet, eigentlich ähnliche Synergien freisetzt, ist nämlich weniger offenkundig, indem I’ve Seen All I Need to See sich als Gegenreaktion zum überbordenden Vorgänger dezidiert auf die Kernkompetenzen des Duos im experimentellen Metal, Death Industrial und Power Electronics-Wahnsinn fokussiert: Der externe Einfluss von Manchester ist es, der The Body mit viel Reverb, Distortion und psychotischer Heaviness so nahe an ihr innerstes (Live-)Selbst führt, um dabei in einem relativen Minimalismus neu und schrecklich zu beeindrucken.

38. The Antlers – Green to Gold

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Ihre offen und ehrlich kaum noch für möglich gehaltene Rückkehr nach sieben langen Jahren – respektive dem Neubeginn der Band ohne Darby Cicci – legen The Antlers absolut barrierefrei an, schmiegen sich in eine unspektakuläre Komfortzone und klingen schön, wohlig, phasenweise erstaunlich direkt und doch vor allem sehr überraschungsarm.
Was vielerorts (und durchaus nachvollziehbarerweise) zu verhaltenen, auch enttäuschten Reaktionen geführt hat – aber eben auch zu einer Platte, die gerade in jenen Monaten, deren Tage länger im Dunkeln als im Sonnenschein liegen, ihre Stärken wie eine wärmende Decke ausspielt und dort tröstend in den Arm nimmt, wo die bisherigen Meisterwerke (also Hospice und Familiars) von Peter Silberman und Michael Lerner erschütterten. Eine Platte wie ein beruhigendes Trostplaster also – im besten Sinne.

37. Sugar Horse – The Live Long After

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Hätten die The Live Long After seit fünf Jahren vorauseilenden Non-Album-Singles und EPs nicht ohnedies darauf vorbereitet, dass sich all die Verrenkungen sicherlich zu einem runden Ganzen zusammenfügen werden würden, sobaldman nur erst einmal einen Schritt zurückgetreten ist, den Kraftakt sacken hat lassen und der Verarbeitungsprozess jeden neuen Durchgang beeindruckender und erfüllender gestaltet als den davor, ja dann könnte man dem Debütalbum der Band aus Bristol auf den ersten Blick glatt unterstellen, einfach zu viel zu wollen: Nur selten können Sugar Horse sich den Kontrast aus Hart und Zart, Laut und Leise verkneifen, forcierenden nicht den Würgegriff aus brutal walzenden Postmetal-Abrissbirnen und erhebender Pop-Grandezza.
Wenn sie es tun, dann badet ein Phil Spector in Space zwar umso anmutiger in seiner puren Postrock-Schönheit oder steigert sich Dadcore World Cup zu einer Hymnik, die beschwört, wie Cave In im Jimmy Eat World-Stadionmodus auftreten könnten; ringen Sugar Horse allerdings mit ihren sperriger ausgelegten Versatzstücken aus Noise- mit Softrocksprengseln, sludgiger Atmosphäre und metallischem Feingeist, dann mausert sich das alles eben eher hinterrücks zu einer Achterbahn an Hooks, die an solch anachronistische Bands wie Aereogramme oder Your Yourcodenameis:milo denken lässt.

36. Hellish Form – Remains

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Jacob Lee (Keeper, Elder Devil) und Willow Ryan (Body Void) wissen wie Doom aus dem Universum von Blade Runner klingen muß: Kasteiend und auslaufend heavy, aber mit einer Sehnsucht ausgestattet, die sich in einer finsteren Welt nach einer Sonne sehnt, die man längst nur noch aus vagen Erinnerungen kennt.
Die aus dem retrofuturistischen Wave und Goth kommenden Synthies sind hier also mehr als nur ästhetische Textur, elementare Leitbilder eher, die die Riffkaskaden über den stoisch-zähflüssigen Rhythmen immer wieder zum ambienten Drone in schillernder Blüte verführen. Schade zwar, dass Remains justament dann sein abruptes Ende findet, wenn diese Synergie  ihrem Höhepunkt entgegensteuert. Was allerdings ein adäquates Sinnbild dafür ist, dass Hellish Form ihre wirklichen Großtaten wohl erst vor sich haben, während Lee und Ryan jetzt schon aufpassen müssen, mit dieser Zusammenarbeit nicht all ihren bisherigen Spielwiesen den Rang abzulaufen.

35. King Woman – Celestial Blues

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Mögen die Ergebnisse auch einer (mitunter durchaus drastischen) qualitativen Schwankungsbreite unterworfen sein, ist es eine Tugend von Kristina Esfandiari, dass sich all ihre musikalischen Expeditionen immer absolut natürlich motiviert anfühlen – egal, ob sie gerade The Prodigy als Death Industrial covert oder sich am ambitioniert Trap verhebt.
Ihre Königsdisziplin bleibt allerdings der atmosphärische, sludgig-doomige Metal, den sie mit King Woman in aller abgründigen Schönheit und heavy riffenden Spiritualität zelebriert. Schwelgend und massiv, ätherisch und brutal, veträumt und psychedelisch. Celestial Blues muss insofern (übrigens ästhetisch als ideale Ergänzung zum nahverwandten Bloodmoon gesehen werden könnend) sogar als vorläufiger Zenit für die 33 jährige Kalifornierin gelten, weil Esfandiari die Tugenden von Doubt und Created in the Image of Suffering hier nun so kohärent auf Albumlänge einen Level höher hebt, dazu mit Nummern wie Golgotha aber auch individuelle Sternstunden liefert.

34. Atvm – Famine, Putrid and Fucking Endless

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Dass Atvm mittlerweile bei Transcending Obscurity unterschrieben haben und als erste Veröffentlichung in der neuen Heimat ein Split mit den nunmehrigen Labelmates von Diskord angekündigt wurde, versetzt in Schnappatmung. Weil Degenerations ein über allen Erwartungen liegendes Comeback der norwegischen Eigenbrötler war und sich mit Famine, Putrid and Fucking Endless zumindest einen absolut abgefahrenen Zugang zum Bassspiel teilte – wo das im Verbund wohl hinführen wird?
Was das (lange, lange auf sich warten gelassen habende) Debütalbum der englischen Atvm hinter dieser generell verbindenden technischen Virtuosität auf allen Ebenen allerdings (im direkten Vergleich zu Degenerations und bis zu einem gewissen Grad auch im Metal-Jahr 21 ganz allgemein) zu bieten hatte, waren Songs, die einfach so enorm viel Spaß hatten und machten.
Atvm nehmen sich selbst nicht zu ernst, aber ihre Musik unbedingt; bieten den Prog Death Metal (was hier als Klassifizierung dann übrigens doch einfach zu kurz greift) als abgefahrene Freakshow an, der es nicht an seriöser Durchschlagskraft mangelt und packen die Konfettikanone nur deswegen dort aus, wo andere den Nihilismus pflegen, weil man ja auch mit einem Haufen bunter Schnipsel auf einer Party die Gäste erschlagen kann.

33. Lamp Of Murmuur – Submission And Slavery

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Submission und Slavery als beinahe klassisches Drama: Lamp of Murmuur-Maestro M dirigiert die beste und wichtigste seiner vier Veröffentlichungen im Jahr 2021 nach ergiebigen Vorspiel schon in ihrer Mitte zum konzipierten Höhepunkt, indem er am Ende des absolutes Über-Highlights Deformed Erotic Visage ein exzentrisches Thrash-meets-Hardrock-Solo a la Dire Straits in den wilden Gallop einer Platte ejakulieren lässt, die sich immer wieder an den 80ern, dem Goth- und Deathrock und sogar Johnny Marr reibt – damit aber auch zu früh kommt.
Immerhin kann nichts, was danach noch passiert, sich mit den ersten beiden Dritteln der Platte messen (was Punishment and Devotion nebenbei noch essentieller macht). Das mindert zwar  ein wenig den eklektisch-expandierenden Eindruck, den das kurzweilige Submission and Slavery hinterlässt, soll das weichenstellende Album aber freilich nicht unter Wert verkaufen: Es braucht schließlich keine Extrapunkte für das famos interpolierende Artwork, um sich einen Platz so weit vorne in dieser Liste zu sichern.

32. Mare Cognitum – Solar Paroxysm

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Seit bald zehn Jahren veröffentlicht Jacob Buczarski als (u.a.) Mare Cognitum seine Musiker auf dem italienischen Edel-Underground-Label I, Voidhanger, das sich seit seiner Gründung 2008 zu einem praktisch unfehlbaren Sammelbecken an herausragenden Metal-Veröffentlichungen gemausert hat – alleine in den vergangenen zwölf Monaten war die Releaseliste an herausragenden Veröffentlichungen, die aus dem Hause I, Voidhanger stammend mit der Zunge schnalzen ließen, wieder eine absolut beispiellose Stafette an Pflichtkäufen, von denen der Black Metal-Kosmos Solar Paroxysm dann als möglicher Mare Cognitum-Zenit gefühlt das ultimative Highlight war.
All das steht allerdings seit einigen Wochen insofern im Hintergrund, als dass Labelbetreiber Luciano Gaglio seit Mitte Dezember wegen COVID-19 intensivmedizinisch behandelt werden muss und sich eine Besserung seines Zustandes zuletzt offenbar nur sehr schleichend abzeichnete (mittlerweile aber glücklicherweise eingetreten ist). Weswegen an dieser Stelle weniger noch einmal die exorbitanten Qualitäten von Solar Paroxysm unterstrichen werden sollen, als Luciano (und natürlich auch seinem Label) alles Gute zu wünschen.

31. Elbow – Flying Dream 1

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Wie eine Platte, die von vornherein den Anspruch stellt, entlang prägender Alben – nein, eigentlich schon weitestgehend dezitierter Meisterwerke – von Chet Baker, Van Morrison, John Martyn, Kate Bush, PJ Harvey, Talk Talk oder The Blue Nile erdacht sein zu sein, dabei aber weder vor Ehrfurcht in die Knie geht, noch niemals nicht ganz und ausschließlich bei sich selbst klingend auftritt, ist vielleicht einer der insgeheimen Reize von Flying Dream 1, aus dem Guy Garvey und Co. allerdings dem Charakter ihres achten Langspielers getreu keine große Sache machen: Unscheinbarkeit und Subtilität, Understatement und Zuverlässigkeit gehen hier geduldig Hand in Hand mit einigen der schönsten, ruhigsten und optimistischsten Elbow-Songs überhaupt. Spektakel ist das keines, das nicht. Aber die seit 20 Jahre so kontinuierlich am Lodern gehaltene Liebe, die man für die Musik der Engländer empfinden kann, fühlt sich hiernach gerade in Summe doch irgendwie doch noch freundlicher, familiärer und persönlicher an, als womöglich je zuvor. Ein heimliches Meisterstück, wenn man so will, unheimlich zeitlos.

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