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Biffy Clyro – Balance, Not Symmetry

Dem absolut enttäuschenden Ellipsis haben Biffy Clyro ja ausnahmsweise keine ihrer traditionellen (und: traditionell großartigen) B Seiten-Compilations folgen lassen. Diesbezüglich könnte Balance, Not Symmetry nun Abhilfe schaffen.

Mögen die versammelten 17 Songs der Platte nämlich nominell auch als Soundtrack für den gleichnamigen Film von Co-Drehbuchautor Simon Neil laufen, erfüllen nur die drei kurzen instrumentalen Interludes die allgemeine Erwartungshaltung an das, was klassisches Score-Veranlagungen angeht: Pink als verträumt-melancholisch plätschernde Klavierminiatur, Navy Blue als ätherisch pochende Synthwave-Düsternis und das tröstend-schön aus den Tasten zu zarten Streichern träufelnde Yellow. Elegisch schweifende Stimmungsbilder, die nebenbei übrigens auch klären, was Fyfe Dangefield nach dem unerklärlichen Verschwinden der wundervollen Guillemots aktuell so treibt.

Abseits davon ist Balance, Not Symmetry aber im Grunde eine Zusammenstellung waschechter Biffy Clyro-Alternative Rocksongs geworden, wie man sie von den regulären Studioalben der Schotten kennen (und gegebenenfalls – immer noch und trotz allem – lieben) könnte. Vielleicht nicht so unkonventionell wagemutig wie Ausschussware-Vertreter von beispielsweise Similarities, aber auch nicht so definitiv den bisweilen brachial-plumpen Hit einfordernd, wie sonst so vieles aus der Phase seit (dem mittlerweile auch schon unglaubliche zehn Jahre zurückliegenden) Only Revolutions.
Tatsächlich tauchen in den besten Momenten sogar Erinnerungen an die Heydays zwischen Blackened Sky und Puzzle samt latenter Opposites-Färbungen auf: Der eröffnende Titelsong bricht hysterisch-angriffslustig los, zeigt relative Härte und flirtet vage mit der Dissonanz, während das überragende Sunrise Eingangs Radau macht, als wären Mon the Biff (beinahe) wahrhaftig zurück, die Rhytmussektion ausgerechnet Richtung Origin of Symmetry rumorend ungewohnt druckvoll angreift und den lauernden Breitseitenrock mit skurrilen Verzierungen ausstattet, während mehr frickelnde Vertracktheit lauern darf.
Beiden Highlights gemein: absolut hymnische Refrains zum Niederknien, endlich wieder (beinahe) mit emotional packendem Gänsehautansatz. Mehr noch: Die Nummern gehören jedenfalls zu den stärksten Songs, die Biffy Clyro in der vergangenen Dekade vorgelegt haben!

Balance, Not Symmetry an dieser Vorgabe zu messen tut natürlich nicht gut. Denn selbst hier fällt auf, dass auch Adam Noble (unter anderem Liam Gallagher) als Produzent der Band nicht die zu dick aufgetragenen Plattitüden um Stadion-aufdringliche Chöre, die zur Banalität neigenden Coldplay-ismen oder die allgemeine synthetischer Sauberkeit im Auftreten austreiben wollte – oder konnte.
Doch was sind den Schotten da doch dahinter wieder für unfassbar schmissig zündende Ohrwürmer und potentielle Single-Smasher gelungen, für die sich die keine Subtilität brauchende Allgemeinheit in den Armen liegen darf! All Singing And All Dancing ist synthetisch funkelnder Arena- Hochglanz – aber dennoch etwas weniger billig und anbiedernd als zuletzt, weil die Band einfach wieder weniger verkrampft wirkt, impulsiver, gelöster und spielfreudiger agiert. Das catchy  Different Kind of Love kennt man bereits von der Unplugged-Schlaftablette, doch was als  typische Biffy-Gefühlsduselei mit Akustikgitarre unter dem Sternenmeer beginnt, wandert im vollen Studiogewand ganz ungeniert bis zu U2 – selbst die penetranten, mittlerweile zum plakativen 0815-Standard gehörenden „Oohohooo„-Chöre oder das gospelartige Handclap-Stampfen stören nicht wirklich, weil die Melodien selbstsicher genug auftreten, um diese Plattitüden zu stemmen. Tunnels And Trees ist eine noch sicherere Bank für die Hitparaden, weil sich der Killer-Chorus vom flaspsig-verspielten Piano nicht den Weg versperren lässt, bevor der sentimentale Vorschlaghammer The Naturals jede Intimität mit Breitwand-Oppulenz auffettet und Touch seine Spannweite zwischen nonchalant schunkelnd und melodramatischer Epik vermisst, über die beschwörende Bridge immer witer wächst und dessen letzte Minute mit heulendem Solo über die Stränge schlägt.
Also nein: Wer Biffy Clyro seit dem Majordeal, Charterfolgen und nackten Oberkörpern den Rücken zugewandt hat, wird mit Balance, Not Symmetry wohl trotz der Leistungssteigerung nicht restlos glücklich werden.

Zumal es auch einiges an weniger zwingenden Bagatellen und Experimenten gibt, die mal besser, mal schwächer aufgehen. Das ätherische Colour Wheel legt sich vorsichtig polternd in den Pop – kleine Ideen wie das Fuzz-Distortion-Sequenz sind lebendige Überraschungen, die zuletzt fehlten, obwohl die gefällige Nummer trotzdem nur nett und betörend bleibt, auch zu lange dauert. Gates of Heaven reminisziert R.E.M., kommt aber als auf Gesangsharmonien gebaute, zurückgenommen klimpernde Nummer nicht über eine Melodie ist aus dem Baukasten hinaus, das Drumherum bleibt angenehm unfokusiert und beiläufig.
Fever Dream ist ein nett pluckernd-programmiertes Elektronikstück aus dem Fundus von ZZC, dessen zum R&B tendierenden Weg das entspannt orgelnd-groovende Plead mit massivem Riff aufbricht – schade, dass die finale Stakkatosalve nur eine ziellose Finte ist. Jasabiab jubiliert beatlesk stompend mit flirrenden Synthies, bevor Adored als minimalistisch gehaltene Einfühlsamkeit mit dem Scheinwerferlicht auf dem Piano samt sehnsüchtiger Gitarre daneben verweilt, einen nuancierten Schlusspunkt ohne Spektakel bietet. Das Songwriting der Band bleibt durch den Mangel an nachhaltigen Ecken und Kanten im glatten Sound eben kaum herausfordernd, schnell zu durchschauen und damit übersättigender als in der Frühphase – das muss man wohl nicht mehr explizit erwähnen.

Nichtsdestotrotz: Keine Ahnung, wie diese die Formkurve so gravierend nach oben korrigierenden Songs nicht von den dazugehörigen Bildern des Films ablenken werden. Doch nach gängigen Soundtrack-Kriterien will Balance, Not Symmetry ohnedies nicht betrachtet und bewertet werden, sondern positioniert sich gefühlt viel mehr als direkter Nachfolger der 2016er Austauschbarkeit – und gewinnt damit auf ganzer Linie.
Denn sicher wäre Balance, Not Symmetry diesbezüglich mit etwas mehr Kantigkeit in der Inszenierung noch besser geworden, hätte eine straffere Selektion und fokussierterer Spannungsbogen im Sammelsurium der Stringenz einer zu langen Platte gut getan. Allerdings wirkt die Zusammenstellung aus dem Kontext (sowie der damit verbundenen Ansprüche) der regulären Studioalben entlassen auf eine überraschend konsequente Art offensichtlich absolut befreiend für Biffy Clyro, die hier mit einer wiedergefundenen Lockerheit ihre Stärken ausspielen und die Bürde der Verkaufszahlen unter dem Soundtrack-Deckmantel untertauchen: Wäre dies der offizielle Nachfolger zu Ellipsis, müsste man (vielleicht eher rundum zufrieden, als intensiv leidenschaftlich, wenn die erste Euphorie über der kaum vorhandenen Erwartungshaltung nachlässt) angesichts dieser 67 Minuten von einer beeindruckenden Rückkehr zur (Post-Puzzle-)Form sprechen. Chapeau, Biffy!

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