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Bill Callahan – Gold Record

Bill Callahan - Gold Record

Es beginnt damit, dass bereits der Pressetext amüsant zu lesen ist und endet  gar nicht notwendigerweise damit, dass Bill Callahan am Ende den Traum auflöst: Das spontane, immer noch vor allem eigenwillig schrullige Gold Record fantasiert sich durch optimistisch und positiv ausstrahlende Einzelsongs.

Before the track ends/ Through the wayward symphonies of steel on steel/ As the city falls away to single bricks in the field/ As if I were the conductor and this train were real“ sinniert Callahan im abschließenden, ein bisschen heimeligen As I Wander (das wie alle Songs hier nur Stimme und Gitarre braucht, die vereinzelt auftauchenden Bläserarrangements aber deutlicher einlädt, als ein Gros der Platte) und fasst den Charakter seines sechsten Solo-Studioalbums mit dieser Geschichten vom Ausziehen und Wandern eines Mannes, sowie den sich ihm auftuenden Möglichkeiten zusammen.
Es ist zwar ein vollkommen anderer Kontext, den der 54 Jährige bedient, wenn er bereits zuvor erwähnt „These songs are lies“. Doch es stimmt auch, dass Callahan mittlerweile, so weit als ihm möglich, im realen Leben angekommen ist, sich immer noch aus seiner Haut träumt, sein Storytelling aber durchaus mit sozialer Ader aus der Gesellschaft wachsen lässt und nicht mehr als Adler entschwinden will.

We never met before/ Despite livin‘ next door/ See, I’m the type of guy/ Who sees a neighbor outside/ And stays inside and hides/ I’ll run that errand another time“ reflektiert Callahan etwa mit einer in sich selbst wiegenden Unruhe bedächtig die Motivationen hinter der Freundlichkeit von Fremden.
Später lässt er Protagonisten sogar zur Flasche greifen, um Streit zu vermeiden – denn es sind seltsame Charaktere, die Gold Record bewohnen, und seltsame Arten, wie sie ihr Glück finden wollen. Sei es nun wie im hauseigenen Smog-Cover Let’s Move to the Country (einem Flirt mit einer einzigen, wunderbaren Hook, wo sich das restliche Material oft langsam und geduldig klassische Strukturen und Spannungsbögen verweigert) im Aufbruch zu neuen Ufern oder der Nostalgie am Lagerfeuer als Cowboy mit nur wenigen kulinarischen Bedürfnissen nachklampfend („All I need is whisky, water, tortillas, and beans/ And buffalo meat, one time per week“).
Am deutlichsten wird dies gleich im Opener Pigeons, wenn Callahan sich als Johnny Cash vorstellt und als Leonard Cohen verabschiedet, dazwischen die aber die Geschichte eines Mannes erzählt, der seine eigene Hochzeit so berauschend fand, dass er selbst nun frisch getraute Paare in Limousinen durch die Gegend fährt – dazu kommen eine Handvoll explodierter Tauben. Grandios!

Ein Jahr nach Shepard in a Sheepskin Vest, das Callahan aus einer langer Pause als Familienvater zurückkehren und Altlasten hinter sich ließ, hat der Amerikaner merklich seinen Frieden gefunden, mit sich und seinem Werk.
Deswegen forciert er auch einen flotteren Veröffentlichungsrhythmus, nimmt nun gleich Einzelsongs auf und verbindet diese mit langer Pause zwischen den Tracks zu einem homogenen, episodenhaften Album, das einfach gehalten abseits der ergiebigen Tiefe seiner Texte sparsam mit seiner Erscheinungsform umgeht, auch von der subtilen Kommunikation der Musiker und ihrer Instrumente lebt. „It happened fast. Basics were recorded live, with Matt Kinsey playing guitars, guitars, guitars and Jaime Zurverza holding it down (then letting it go) on bass. Drums and horns were brought in for a couple songs. Spirits was high! Six out of the ten tunes were done first take; overdubs, when needed, came equally quickly.

Mit einer unbekannten Lockerheit passiert hier beherrschter Blues mit latent psychedelischen Phrasierungen, der immer wieder weich, warm und melodisch auf macht, aber lauernd bleibt und Satan wählen würde (Protest Song) im allgemein zwar und lieblich gezupften, höchstens von Besen gestrichenen Ambiente und einer irgendwie körperlos nebenhergehenden Atmosphäre. Ein 35 hat eine vorsichtig erhebende Hymnik, lässt sich aber lieber zwanglos treiben, plätschert durch den Americana. Another Song schlapft nonchalant, zieht das noch einmal und noch einmal und noch einmal Ende repetierend augenzwinkernd hinaus, als würde Callahan schon hier ermüden wollen und lässt damit schmunzeln.
Noch amüsanter dann die amüsant-flapsige, demonstrativ überhöhte Heldenverehrung Ry Cooder, in der die Pferde mit Callahan durchgehen: „Now imagine him laying a part down right here/ Where the song grows thin/ Drawing all the listeners who tuned out right back in“ – wohl auch im Wissen, dass es derartige Gimmicks gar nicht braucht, um bei der Stange zu halten. Gold Record ist schließlich eine kurzweilige, nonchalante kleine Realitätsrelativierung, von der man sich nur zu gerne nebenbei begleiten lässt.

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