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Blood Incantation – Timewave Zero

Blood Incantation – Timewave Zero

Wohl eher ein Zwischenspiel denn ein Paradigmenwechsel. Doch Blood Incantation tauschen ihren Alien Death Metal auf Timewave Zero in absoluter Konsequenz gegen die formoffenen Sphären des Space Ambient, der kosmischer Musik und einer progressiver Analog-Elektronik.

Den Puristen unter den rund um die 2019er Schönheit Hidden History of the Human Race ja zahlenmäßig eklatant gewachsenen Blood Incantation-Fans wird der totale Verzicht auf harsch gurgelnde (bzw. ganz allgemein in welcher Form auch immer auftauchenden) Vocals, rasende Riffs und treibende Rhythmen wohl irritierend vor den Kopf stoßen – die Erkenntnis, dass da kein überlanges Intro läuft, sondern zwei knapp zwanzigminütige Welten einen stilistischen  Umkehrschub in die pure Stimmungs- und Atmosphärearbeit frei von klassischen Songwriting-Motiven (obgleich orthodoxen Spannungsbögen folgend) exerzieren, kann aber auch zumindest überraschend.
Dabei ist der Bruch mit der Erwartungshaltung radikaler und unkonventioneller, als der Ausflug einer Metalband in den Ambient an sich – wie unzählige Szene-Kollegen, von Ulver über Loathe bis Wolves in the Throne Room bestätigen werden.
Gerade wenn man verfolgt hat, welche Platten ihr Gitarrist Paul Riedl zuletzt veröffentlichte, kommt die Entwicklung von Blood Incantation aber sogar keineswegs von ungefähr. Und dass man das mit der Kategorisierung ohnedies generell nicht zu eng sehen sollte, zeigt dann auch die Einstufung dieser 40 Minuten seitens der Band und ihrem Label: Offiziell ist Timewave Zeronur“ eine EP, obwohl tatsächlich mit einer längeren Spielzeit daherkommend als die beiden nominellen Alben Starspawn und Hidden History of the Human Race.

Wie dem auch sei spielen sich Blood Incantation mit einem klar ausgeprägten Gefühl für den Ambient in aller Ruhe, ihre Leitmotive an den Synthies unaufgeregt mutieren lassend nach allen Regeln der Genre-Kunst von Vorbildern wie Tangerine Dream, John Carpenter, Popol Vuh, Dead Can Dance oder einer potentiellen Symbiose der tonalen Kosmen von Blade Runner und Alien: Timewave Zero funktioniert – was so ja das mitunter wichtigste für derartige Forschungsreisen ist – auf imaginativer Ebene als Score für das Kopfkino, bisweilen sogar absolut exzellent.
Io erzeugt mit düster-dunklen, dystopischen Synth-Feldern den bedrohlichen Soundtrack für die klaustrophobischen Weiten des Alls, der Suspence brütet mit verdächtiger Percussion hinter den Drone- und Nebel-Schwaden, angespannt den Atem anhaltend in Lauerstellung, und wird auf anachronistische Weise halluzinogener, tranceartiger. Wenn die Nummer in seinem dritten Viertel ein ein paar gedankenverlorene Akustik-Gitarren-Sehnsüchte a la Gustavo Santaolalla durch das bildhafte Welraum-Western-Szenario plätschern lässt, und damit eine körperlose Anmut durch die Texturen schimmert, wächst Io aus der Hintergrundbeschallung, kreiert eine Fokus auf den subversiven Klimax – und zieht sich schnell wieder in seine Ursprünge zurück.
Allerdings haben Blood Incantation gerade in dieser Phase eigentlich erst begonnen ihre eigene Handschrift stärker freizulegen und hätten sie gefühlt noch stärker herausarbeiten können – damit Timwave Zero nicht nur gut in dem ist, was es tut, sondern auch charakteristisch dabei ist. Dem selben Aufbau folgend ist Ea danach noch einmal um das Quäntchen erfolgreicher in diesem Vermessen der Achse aus Können und Individualität: Zur Hälfte ein unbehaglich modulierter Melodie-Loop aus der stellar-geduldigen Elegie kommend, weht das Stück ab der Hälfte seiner Wegzeit über harmonische Felder, begutachtet traumwandlerische Kraut-Seancen in weicher, nostalgischer Schönheit – und ist in seiner konturoffenen Grandezza beinahe zu früh beendet: Egal ob Timewave Zero der Beginn eines neuen Kaptitels oder nur eine ausführlich eingeführte Nebenhandlung ist – es ist eine vielversprechende Reise, die (obgleich Blood Incantation, sofern man sich entscheiden müsste, zugegeben die bessere Death Metal- als Ambient-Band sind) hoffentlich auch zukünftig ihre Fortsetzung in der einen oder anderen Erscheinungsform findet.

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