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Body Void & Keeper – Split

Paul Pavlovichs Roman Numeral Records mausert sich in beeindruckender Konsistenz zu einer Liebhaber-Bank, was den Veröfflichungs-Roster des Labels angeht, ohne sich auf stilistische Dogmen festnageln zu lassen. Keeper und Body Void beweisen dies (neben horrenden Versandkosten der Vinyl-Version) im Morast aus beklemmenden Doom und Sludge.

Gut, Jacob Lee und Penny Keats waren in den vergangenen fünf Jahren mit Elder Devil, Skull Incision, PlasticBag FaceMask und zahlreichen anderen Projekten irgendwo omnipräsent. Trotzdem war die Funkstille von Keeper selbst eine schwer zu ertragende – weil man nie genau wusste, ob das Duo nach dem überragenden Doppel aus MMXIV (2014) und The Space Between Your Teeth (2015) sowie grandiosen Split-Releases mit Sea Bastard und Old Witch überhaupt weitermachen würde. Die gute Nachricht insofern: Tun sie. Die noch bessere: Keeper halten das Niveau ihrer bisherigen Veröffentlichungen entlang zweier neuer Songs trotz einer gewissen Wohlstandsverwahrlosung weitestgehend – und zeigen zwischen den Zeilen sogar Evolutionsspuren.

Trial & Error speit seinen Ekel über sludgige Riffkaskaden, die ihre Distortion-Dynamiken mit zählflüssige Repetitionen und konzentrierter Schwergängigkeit wälzen, aber früh zeigen, dass die garstigen und charakteristischen Vocals nun weiter ins Zentrum des Mixes gerückt sind, dominanter neben den (nicht mehr derart dreckig plättenden) Gitarren stehen und phasenweise eine latent psychedelische Atmosphäre im punktgenau-archaischen Sound erzeugen. Vor allem arbeiten Keeper mehr denn je mit einer stakkatohaften Ausdauer, einer simplen Monotonie, die sich im Instrumentarium und gerade den durchaus komplexen Drums immer wieder wie in den Blackened Doom übersetzter Industrial anfühlt.
Die pure, ungestüme und rohere Hässlichkeit der bisherigen Keeper-Splitbeiträge wird damit zwar nicht erreicht, allerdings legt die Band auch die tendenziell epischen Post Metal-Texturen ihres Debütalbums ab und inhaliert eine finstere, klare Hässlichkeit. Damit positionieren sich Keeper selbstsicher in einer asketischen Verortung, spielen methodischer und kontrollierter – der Sound ist dennoch abgründig dunkel, satt, voluminös und mächtig, auch majestätisch.

Zur Mitte von Trial & Error könnten wir uns jedenfalls gar in einem instrumentalen Part einer besonders tektonischen Deftones-Abrissbirnen-Halluzination befinden, bevor die Nummer für Sekunden in einem etwas willkürlich anmutenden Goth-Intermezzo durchatmet – und damit in diesem Part auch Probleme destilliert, selbst wenn Keeper danach noch vage eine majestätische Pallbearer‚eske Transzendenz skizzieren.
Die knapp zehnminütige Nummer wirkt in ihrer progressiven Sucht immer weiter zu mutieren schon beinahe mit (sich in den vergangenen Jahren angestaut habenden, aber kein Ventil bekommen habenden?) Wendungen überladen, weil jede einzelne Passage hier durchaus noch weiter ausformuliert hätte werden können, anstatt nicht bis zum Punkt der beklemmendsten Intensität erforscht zu werden, und sich Trial & Error deswegen gerade in den Kennenlernphase eher wie eine fragmentarische Aneinanderreihung starker Einzel-Parts anfühlt – mit jedem Durchgang (und gerade mit Hinblick auf den Titel und das Talent, die Übergänge zwischen den Phasen homogen zu gestalten) aber auch immer mehr als konzeptionelle Suite anmutet.
Beinahe paradoxerweise funktioniert das nahtlos übergehende Twenty umso organischer als logische Entwicklung dieser Leviathan-Phase, lässt die beiden Stücke zu einem (zwar nicht restlos ganzheitlichen, aber) schlüssigen Ganzen verwachsen. Entschleunigte Gitarren legen hier einen raschere Drone irgendwo zwischen frühen Earth und beweglicheren Khanate aus, brauchen keine Drums. Die harsche geifernde Stimme schleift die Saiten als Leitkegel, bis die Nummer im kalten, hoffnungslosen Ambient badet und latent an Pharmakon denken lässt, hinten raus in einer tröstend depressiven Melancholie gebettet oszilliert. Keeper untermauern damit ihre Stellung als Genre-Liebkinder auf eine durchaus überraschende Weise – und brillieren als Meister der destruktiven, nackten, depressiven Atmosphäre.

Alles jedoch kein Grund, den Beitrag der kalifornischen Kollegen von Body Void undankbarerweise beinahe stiefmütterlich abzukanzeln, zumal das Trio mit einigen starken Releases zum letztjährigen You Will Know the Fear You Forced Upon Us das Momentum deutlicher auf seiner Seite hat: Androgyne bestätigt, weswegen sich die Band seit der ersten Demo 2014 eine zuverlässige Reputation in der Szene erspielt hat.
Zumal esBody Void dem Hörer strukturell an sich einfacher machen als Keeper, und die Katharsis mit einem griffigeren, irgendwo erfüllender aufgelösten Spannungsbogen vorbereiten. Androgyne beginnt mit polternden Drums martialisch, wo Grunge sich selbst kasteit, badet im Feedback und Noise, agiert gegen den Strich gebürstet, bäumt sich immer wieder auf und stürzt in sich zusammen. Kurzeitig schaben Body Void der Nummer alles Fleisch von den Knochen und würgen dann sehnig, stockend und dissonant, schleifen unerbittlich ein atonales Feedback, das sich immer ausblutender zieht, malträtiert, phasenweise die Oberhand gewinnt, wo die Riffgeißelungen wie Pfähle unter den Fingernägeln verschwunden sind.
Das ist eine Amplitude aus Giftbrot und Peitsche – bis nach knapp 8 Minuten die Handbremse gelöst wird und die Band beinahe punkig nach vorne poltert, Crust und Hardcore zum Metal-Amalgam in den rockenden Stiernacken-Pit schicken. Und obwohl Androgyne nach und nach in einen stoischen Groove verfällt, der immer mehr der Zeitlupe dient, ist hier eben durch die erlösende Abfahrt und den konventionelleren Klimax deswegen auch klar, wofür sich all die Qual und Folter der Eingangsphase ausgezahlt hat. Das macht den Beitrag von Body Void zum eventuell effektiveren und euphorischer konsumierbaren der beiden Split-Seiten – doch die Hälfte von Keeper eigentlich nur noch faszinierender (und zwischen den Punkten liegend ob der Wiedersehensfreude aufwertend).

 

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