Bon Iver – i,i

von am 25. August 2019 in Album

Bon Iver – i,i

Immer noch viel Sound, diesmal aber wieder mit mehr Song dahinter: Justin Vernon findet Bon Iver mit i,i auf einem gelungenen Update zu 22, A Million wieder, fasst auf seinem deklarierten „Herbst-Album“ darüber hinaus aber auch gewissermaßen die bisherige Diskografie seiner Band zusammen.

Im Jahr nach dem 2018er-Meisterstück Double Negative darf es durchaus überraschen, dass Justin Vernon seine Band für deren viertes Studioalbum erstmals nicht neu erfindet, sondern sich für eine aktuelle Standpunktverortung den Blick zurück  gönnt: i,i erforscht primär die Wege des „Sommers“ von 22, A Million noch einmal ausführlicher, reichert sie allerdings immer wieder mit assoziativen Erinnerungen an die Phil Collins– sowie Holocene-Momente des „frühlingshaftenBon Iver, Bon Iver (2011) und sogar dem „Winter“ der Einkehr For Emma, Forever Ago an. Vernon gönnt sich also eine gewisse Nostalgie für den Blick nach vorne.
i,i führt die Ansätze seines direkten Vorgängers so gewissermaßen ausführlicher in die Tiefe weiter, gibt sich weniger abstrakt und bietet mehr Griffigkeit um sich festzuhalten; ist immer noch strukturoffen, aber dennoch konventioneller. Die Ideen wirken nicht mehr derart willkürlich zu einem überfrachteten Mosaik vereint, sondern funktionieren auch für sich schlüssiger, zielführender, auch die Vocals verzichten auf permanenten Pitch – es ist durchaus sinnbildlich, dass das Artwork im direkten Vergleich zu 22, A Million wieder aufgeräumter und die Spielzeit länger ausgefallen ist, die Trackliste weniger prätentiös verkopft kunstfertig artikuliert daherkommt. Selbst den kryptischen Albumtitel denkt Vernon schlüssiger nachvollziehbar, wenn aus dem vermeintlich egomanischen i,i im Gemeinschaftsgefühl ein „wir“ wird.

Externe Songwriter, Idole und Kumpels wie James Blake, Jenn Wasner, Aaron Dessner, BJ Burton, Bruce Hornsby, Moses Sumney und Channy Leaneagh oder aber auch der alte DeYarmond Edison-Kollege Brad Cook helfen, das aus all den kryptischen Ansätzen diesmal keine frustrierenden Red Herring-Momente mehr werden, sich das Sounddesign nicht wichtiger nimmt, als das Songwriting. So fusioniert die Melange aus Chamberfolk, Indie und Elektronik, aus modernem R&B und Singer-Songwriter-Grundfesten diesmal weitaus einnehmender und zugänglicher. Das Kollektiv bringt die Klangmalerei und Ästhetik, die Atmosphäre und den Schaltkreis-Spleen in Einklang mit dem (hier niemals alleine schreibenden) Songwriter Vernon, wodurch Bon Iver endlich wieder originär und unverkennbar klingen, vor allem aber auch heimelig und ungezwungen im Einklang mit sich selbst agierend.
Ein bisschen über allem anderen steht dabei auf einem in sich geschlossenen Werk (interessanterweise wie schon auf dem Vorgänger) der Mittelteil der Platte als ihr Herzstück: Hey, Ma legt sich in seinen erhebend-flehenden Refrain, lässt seine melancholisch-balladesken Synthieflächen mit viel friedlicher Wärme so nahe wie im Kontext möglich am Hit schwelgen, bevor U (Man Like) als reduzierte Klaviernummer bei Ryūichi Sakamoto beginnt und über einen Chor bei Michael Jackson endet.

Auch wenn i,i nicht immer wirkt, als würde es sein Potential bestmöglich bündeln und im Zweifelsfall eben lieber flüchtig bleibt, als zu packen, ist der gravierendste – und nachhaltigste – Unterschied zu 22, A Million jener, dass dieses „Herbst„-Werk auch abseits seiner Highlights auf emotionaler Basis funktioniert, nur selten auf Durchzug schalten lässt und nahezu alles Gimmickhafte hinter sich gelassen hat.
Mag Vernon auch wie in Sh’Diah nur ein einlullendes Geplänkel aus ätherischen Bläsern und verträumten Pianotupfern spielen, kann sich in dessen Stimmung und Tiefenwiekung verlieren, wo eine genügsame Beinahe-Acoustic-Nummer wie Marion schon gar als unwirkliche Zeitreise in eine verloren geglaubte Waldhütten-Intimität anmutet. Alleine Naeem gibt insofern ein schönes Sinnbild dafür an, wie Bon Iver diesmal stets finale Ziele im Auge behalten und Szenarien befriedigend auflösen, wenn der inbrünstig beschworene Song irgendwann einen funkelnden Drive in die eigene Vergangenheit bekommt.

Alleine der Kniff, so viele vertraute Motive und (selbst)referentielle Szenen einzubauen, um zu einem höchst versöhnlichen Gesamtwerk zu gelangen, erweist sich als eklektische Umarmung. iMi übersetzt seine Melodie etwa mit verschiedenen Programmen, mit organischen und digitalen, Harfen und Beats umarmen sich hinter der Worm Crew als natürlichste Sache, sogar Saxofone jubilieren später freejazzig – und irgendwie ist das alles nicht weit von Blonde aus der Assume Form-Perspektive entfernt.
Auch um We tummeln sich pluckernde Rhythmen und selektive Cut-and-Paste-Bläser, doch der R&B dahinter bleibt erkennbar, fühlbar. Holyfields, schimmert neonfuturistisch, mit romantischen Streichern gar, bleiben wie alles ein wenig entrückt auf seiner Balance zwischen Score und Ballade. Jelmore nutzt eine mysteriös fiepende, geloopte Klangkonstruktion als Basis, die mit den Harmonien und Arrangements mutwillig nicht zusammenarbeitet, ihnen aber eben nicht mehr im Weg steht. Die schnaufende Distortion von Faith arbeitet dagegen in Einklang mit einer weichen Milde und majestätischen Eleganz – ebenso tröstend wie die subtile Aufbruchstimmung von Salem mit dezenten Streichern sowie sanft treibende Percussion. Da passt es dann dennoch, dass das kaum konkrete RABi als unverbindliches Lächeln und Kulmination der Bon Iver-Karriere entlässt: „Well, it’s all fine and we’re all fine anyway/ But if you wait, it won’t be undone“.
Was so stimmt. Auch, wenn das Gefühl bleibt, als könnte nach diesem nachgeschobenen Optimierungsprozess vielleicht erst ein weiterer, dritter Besuch in diesen verfremdeten Gefilden auch tatsächlich endlich jene Magie herbeiführen, die Referenzwerken wie Double Negative oder auch den ersten beiden Bon Iver-Alben innewohnt. Noch schöner wäre es allerdings doch, wenn Vernon nach diesem gefühlten Conclusio nun endgültig in gänzlich andere Gebiete weiterziehen würde.

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