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BRUIT ≤ – The Machine is burning and now everyone knows it could happen again

BRUIT ≤ - The Machine is burning and now everyone knows it could happen again

Zu attestieren, dass das beste an The Machine Is Burning and Now Everyone Knows It Could Happen Again seine Fähigkeit ist, imaginativ in jene (Hoch)Zeiten des Postrock zu versetzen, in denen Godspeed und Mogwai (für) ein ganzes Genre sozialisierten, würde das Debütalbum der Franzosen schon irgendwie unter Wert verkaufen.

Es stimmt aber zumindest tendenziell eben schon: Das nicht ohne Grund so archetypisch betitelte The Machine Is Burning and Now Everyone Knows It Could Happen Again erzeugt eine Stimmung und Ausstrahlung, die in persönliche Erinnerungen schwelgen lässt; daran, wie es war, als Alben wie Skinny Fists vollkommen neue Welten im eigenen Musikverständnis auftaten; man neugierig Geheimtipps wie Yndi Halda für sich entdeckte; oder aus purer Euphorie für das Genre sogar talentierte Trittbrettfahrer a la Don’t Mess With Texas wohlwollend goutierte. Und das ist subjektiv ein unschätzbar sehnsüchtiger Aspekt an dem Zweitwerk der Franzosen BRUIT ≤.
Doch wo die knapp vierzig so eklektischen Minuten der Platte drei Jahre nach der Monolith EP auch über eine absolute Nostalgie-Ebene einnehmend funktionieren, wäre all dies freilich nur halb soviel wert, würden BRUIT ≤ ihr Epigonentum nicht über ein fesselndes, sogwirkendes Songwriting transportieren.

Zumal der Ansatz nur im finalen Quasi-Titelsong The Machine Is Burning zu Standards führt. Wenn BRUIT ≤ ihre kompetente Trittsicherheit einsetzen, als hätten Godspeed You! Black Emperor sich die fernöstlichen Streicher von Mono für eine heavy agierende Dramatik adaptiert. Ohne apokalyptische Komponente, dafür mit verträumtem Zauber; opulent, aber nicht bombastisch. Das Album zieht sich hier bald zurück und verklingt in der Einkehr, bietet ebenso all jenen stichhaltige Argumente, die der Band ankreiden wollen, sich auf Malen-nach-Zahlen-Muster zu verlassen, wie eben auch jenen, die von einem wundervollen Anachronismus und einem verinnerlichtem Schaulaufen schwärmen.
Was man BRUIT ≤ viel eher vorhalten kann, als die Tatsache, dass sie eben dezidiert Eklektiker sind, die ohne Hehl mit Elementen arbeiten, die man sich von den Ikonen und heimlichen Helden des Genres abgeschaut hat, ist, dass sie ihr Songwriting gerne zum Ende einer Nummer einfach wieder an den Ort des jeweiligen Ursprungs zurückführen und dabei weniger der Eindruck eines runden Spannungsbogens erzeugen, alsdass  eher das Gefühl entsteht, sich im Kreis gedreht und letztendlich wenig Erkenntnis aus den majestätischen Distanzen mitzunehmen, die die Band zurückgelegt hat.

Was alleine mit diesem Händchen für Stimmungen, grandiose Architekturen und szenische Tiefenwirkung allerdings Jammern auf hohem Niveau darstellt.
Wenn das Highlight Industry als cinematographischer Space-Ambient an der Oberfläche knistert und brutzelt, zaubert das in Gefilden, die  65daysofstatic so nicht mehr bewandern: Der Bass grummelt und schimmert, die Rhythmik zappelt wie bei Lite oder Toe, die Streicher folgen einer erhebenden Sehnsucht, fast sentimental und gerührt romantisch, jedoch ohne jeden Kitsch oder Schmalz. Die Delay-Gitarren bauen ihre Grandezza wie Explosions in The Sky über das hibbelig lebendige Gerüst, das mit hymnischer Strahlkraft natürlich zu einem Wall of Sound-Crescendo wächst. Eines, das sich so aber sogar noch länger Zeit nehmen hätte können, anstatt in dem Sprachsample gestützten Dark Ambient abzutauchen. Wie süffig jubilierend das Finale danach jedoch in einem vor Optimismus strotzenden Streichermeer badet, ist dann dafür entlohnende Anmut, die den stärksten Song der Platte krönt.

Renaissance übersetzt danach aus märchenhaften in ein luftiges Gefilde, das die Melancholie mit klarer Folk-Gitarre zupft – als würde man in eine von angenehmen Sonnenlicht durchflutete Erinnerung an Life is Strange eintauchen. Die Streicher begleiten mit einem Gespür für nuancierte Räumlichkeit, wie kammermusikalischer Morgentau, der nach seiner elegischen Wanderung die Rhythmusabteilung aus Industry wiederfindet, nun aber die die synthetischen Aspekte stärker forciert, während die Arrangements etwas von der andersweltartigen Exotik der ersten Other Lives-Platte haben. Dass der Rahmen sich danach nur eben wieder so vorhersehbar zurück zum minimalistischen fingerpickenden Beginn spannt, untergräbt das tatsächliche Gewicht der Nummer auch enervierend.
Als Teil des homogenen Ganzen funktioniert dies jedoch ohne gravierende Ermüdungserscheinungen, zumal Amazing Old Tree das Spektrum abermals variiert – als pianobasierte Traurigkeit, die von subversiver Elektronik genährt klingt, als hätten Jon Hopkins und Jóhann Jóhannsson versucht, mit alten Stars of the Lid-Platten im Hinterkopf einen zwischen Anmut und intrinsischer Spannung reibenden Weltraum-Score zu erschaffen, verträumt und schwermütig. Oder aber: Von den richtigen Idolen inspiriert reifen hier potentielle Meister ihres Postrock-Faches heran, die so klar nach ihren vielen Einflüssen klingen, dabei aber einen eigenen Charakter formen.


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