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Charley Crockett – Welcome to Hard Times

Charley Crockett - Welcome to Hard Times

Aus seinem siebten Studioalbum seit 2015 (respektive nach der LoFi-Compilation Field Recordings Vol. 1 bereits der zweiten Veröffentlichung im laufenden Jahr) zeigt sich Charley Crockett als konsistentes Fließband, was unfehlbare Country-Qualitätsware angeht – und bringt den Outlaw-Geschichten von Welcome to Hard Times zudem ein latentes Goth-Flair bei.

Nach einer Herz-Operation 2019 hat Crockett noch weniger Zeit als bisher zu verlieren: „I look at that scar and all I can think about is the limited amount of time I’ve got left, I wanted to make an album that would try to reclaim the conversation about country music. My entering country music has been controversial to say the least but I believe country fans have more eclectic tastes than they are given credit for. My country music is inspired by what I played in the subway car so I could eat, in the French Quarter in ragtag bands. I sat in pastures on farms across this country putting it all together into my own sound. I don’t like labels but if that ain’t country I don’t know what is.
Welcome to Hard Times ist tatsächlich purer Country, denn Crockett schränkt (mit Unterstützung von Produzent Mark Neill und Songwriter-Unterstützung von Pat McLaughlin and Dan Auerbach) die Bandbreite ein, gibt sich hier durch und durch als Traditionalist – während die allgegenwärtige Pedal Steel ebenso meisterhaft verziert wie die klimpernden Piano-Akzente, bleiben Facetten aus der Italo-Spaghetti-Ecke und Spuren aus Soul und R&B nur Ahnungen, die 47 Minuten bleiben meist im Midtempo zurückgelehnt, auch wenn Ausnahmen freilich die Regel bestätigen: Run Horse Run geht flotter nach vorne getrieben unkonventionell beschwingt zu Werke, Tennessee Special, Paint it Blue oder das mit Banjo bestückte Lily My Dear kurbeln die Dynamik gelöst an, bevor Oh Jeremiah Swing und Verve zeigt.

Crockett setzt seine wenig spektakuläre Stimme zu dazu mit tiefer gelegter, wie immer untypischer, beinahe monotoner Intonation sowie seine so vollständig zwanglose Phrasierung immer nachhaltig ein, transportiert Charakter und ungeschönte Realität, zeigt wieder eine neue Facette seiner Anziehungskraft, wenn sich Nuancen in einem fast beiläufigen Storytelling niederschlagen – alleine ein Fool Somebody Else hätte wohl jeder andere überschwänglich dargeboten, Crockett hängt jedoch distanziert im lässigen Rhythmus ab und schärft damit eine zutiefst authentische, unprätentiöse Ausstrahlung, die nicht Retro-affin, sondern zeitlos ist.
So subversiv ausgelegt sticht so auf die ersten Durchgänge wenig überragendes heraus, aber mit jedem weiteren Durchgang einer ohne viel Aufsehen in der Heavy Rotation landenden Sucht treten ausnahmslos hochkarätige Kleinode in den Fokus. Wenn der Titelsong Welcome to Hard Times oder Don’t Cry in melancholischer Sehnsucht schunkeln etwa. Oder die verträumte Romantik von Wreck Me, Heads You Win sowie des bezaubernden The Poplar Tree. Rainin‘ In My Heart schielt zu einem dezenten Rock, wie er auch Dylan gefallen könnte, der balladeske Western-Walzer Black Jack County Chain hat den Tod im Nacken. The Man That Time Forgot pflegt gleichzeitig den Nihilismus und tritt relativ optimistisch auf, selbst Sentimentalitäten wie das fabelhafte When Will My Troubles End klingen hier bodenständig.
Und ja, vielleicht hätte Crockett mit einer demonstrativ dringlicheren Performance noch mehr aus diesen Stücken herausholen können, eventuell liegt aber gerade in dieser Verweigerung auch der letztendliche Reiz. Denn Welcome to Hard Times ist eine ausfallfreie Platte die sich in den besten Momenten sogar wie ein klammheimlich entdeckter Klassiker anfühlen kann, wie eine starke Schulter ohne Ablaufdatum: “This record is for the folks who feel like everything’s fixed. If you think you’re playing a rigged game, you’re right. If it seems like all the cards are marked in advance, they are. But you still gotta roll the dice, even when you know they’re loaded.

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