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Chastity – Home Made Satan

Chastity - Home Made Satan: Live Additions

Brandon Williams legt kein Jahr nach Death Lust (immerhin eines der Highlights von 2018) bereits das zweite ChastityAlbum vor – und bleibt auf Home Made Satan ein innerlich zerrissener, stilistisch multifunktionaler Ohrwurmlieferant.

Die Unzufriedenheit mit den finalen Versionen seiner Alben ging ja bereits bisher in direktem Schulterschluss zur hohen Outputrate von Chastity – weswegen als Korrektiv zu Death Lust erst vor wenigen Monaten die dazugehörigen Cuts erschienen waren.
Wo sich diese Unruhe auf dem Debüt mitunter aber auch in einer Trackliste niederschlug, die in ihrer physischen und digitalen Anordnung keine fixe Reihung vornehmen wollte, geht Home Made Satan insofern noch einen Schritt weiter und treibt das sprunghafte Wesen von Chastity zu einem beinahe willkürlich anmutenden Songsammelsurium weiter, der in seiner Vielseitigkeit gar keinen – wie auch immer geordneten – Bogen zu kuratieren gedenkt.

Flames fadet (wie später auch das getragenere Last Year’s Lust) als unbeschwert flotte Reminiszenz an den Pop von The Smith ein, bevor Dead Relatives alle Spannungen auf eine einsame Reverb-Gitarre reduziert wieder rausnimmt – eher am melancholisch schwofendem Abschlussball, als am Lagerfeuer. Spirit Meet Up ist danach der angriffslustige, mit ordentlich Schub um seine funkelnde Kontemplation pressende Beißer mit feinen Tempowechseln, während das mächtige Sun Poisoning und das Midwestern-Emo-infizierte Anxiety als astreine Alternative Rock-Smasher mit einer fast schon stadiontauglichen Kante in den Nachthimmel strahlen. Hits, wie sie auch auf Death Lust triumphiert hätten.
Bliss schmiegt sich gedankenverloren weiter in den Dreampop und Shoegaze, was The Girls I Know Don’t Think So in einen sommerlich-beschwingten Kontext übersetzt. I Still Feel the Same stellt sich mit maschineller Rhythmik quer und explodiert vielleicht gerade als Brücke zum Finale weniger offensichtlich, als es dem Spielfluß vielleicht gut getan hätte, obwohl das bratzende Strife dann mit epischer Geste die Kastanien aus dem Feuer holt.
Dass keine dieser Nummern ein ansatzweiser Ausfall darstellt oder überhaupt schwächeln würde passt zur bisherigen Makellosigkeit von Chastity. Jeder einzelne Songs macht mit depressiver Schlagseite zudem Laune und ist ein schmissiger Ohrwurm. Am Stück scheitern sie aber dann doch dezent am bisherigen Output der Band, der weniger flüchtig erschien – Home Made Satan wirkt eher wie eine Zwischenepisode, denn als neuerliches Hauptwerk.

Dass dabei durchaus eine übergeordnete Idee hinter dem zweiten Album steckt, musste auch erst rückwirkend von Williams klargestellt werden. „I want to clarify that home made satan is a concept record about a person experiencing personal turmoil in times of political unrest. it is meant to be an emotional record that sees beyond someone’s own social troubles, a record for the times that young people live today, anxious in scrutiny and austerity. my hope for any chastity record is to sing my neighbourhood’s song. there are thousands of whitby ontario’s, millions of skid kids. canada is a country caught between conservatives polling in the lead and our current leader in brownface – this is the record that i needed to sing right now. 1 in 8 children are food insecure here. entire indigenous nations are still unable to drink their own water. 2 canadian billionaires have as much wealth as 1/3 of the entire country.  this record is about restlessness, urgent direct action and coming together for the cause of a better world for those most vulnerable.

Das inhaltliche Spektrum hat sich also von der stark introspektiven Sicht auf eine breitere Perspektive verlagert, macht das Persönliche zum Politischen auf einer globalen Ebene. Im Kontrast zur fast leichtgängigen Nonchalance der Musik steht so eine textliche Wut, die in ihrer aufwühlenden Radikalität eine bestürzende Intensität entwickelt.
Life is simple, life is plain/ Fuck the future, stay the same/ (…)/ Life is bad, but life is fast/ I get sad, and it seems to last/ Oh if only it worked like that/ For my life, my happiness/ (…)/ The world is not laughing/ American gashes, elected fascist“ singt Williams gleich zu Beginn. „There’s a special place in hell for the christian right/ Bury your parents tonight“ wenig später und verleiht den zwingenden Hooklines und catchy Melodien der Platte eine schonungslose Brutalität.
I’ll bring my weapons/ Unmask em skin em cut em/ Watch them run/ Organs bleeding/ Falling, dying/ (…)/ Making a killing, is taking on new meaning/ When you’re fighting, when you’re dying for something“ drückt er die Finger in die Wunde. „All I ask
 is the impossible task
/ Of being happy as a human and making it last/ (…)/ Bliss
, it’s an empty promise/ That I’ve always wanted/ I had it in a moment but I lost it“.

Und natürlich: „My eyes on fire, flashing lights/ But robbing thieves is fine/ Credit card fraud is victimless crime/ I still feel the same/ (…)/ If you want 
to show the world love
/ Kill a cop“.
Das Leben bleibt für Williams also ein Kampf. Aber mittlerweile eben einer, den er nicht mehr unbedingt verlieren muss. Dass lässt die musikalisch phasenweise etwas nebensächlichere Gangart gerne verschmerzen, wenn die bittere Pille hier wie superschmackhaftes Öl runtergeht und ihr eigenes Spiel mit der Verdaulichkeit und Langzeitwirkung treibt.
Ob man, wenn es ganz am Ende „You make your family as you live your life/ I’m making mine“ heißt deswegen aber gleich hoffnungsfroh in die Zukunft blicken muss? Zumindest ein bisschen Zweckoptimismus zulassen ist aber wohl drinnen.

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