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Chromatics – Closer to Grey

Chromatics - Closer to Grey

Das erste Chromatics-Album seit sieben Jahren ist nicht die Platte geworden, auf die man seit 2014 gewartet hat. Es ist aber eine gute Idee, dass sich Johnny Jewel anstelle des wohl zur Sisyphusarbeit aufgeblähten Dear Tommy mit Closer to Grey erst einmal auf die vielleicht bestmögliche Art Luft macht.

Wo die Erwartungshaltungen an das immer wieder angekündigte und stets aufs neue verschobene Dear Tommy ohnedies kaum erfüllbar scheinen, kommt Closer to Grey nun nämlich tatsächlich einem frischen, spontanen Durchlüften der Chromatics-Diskografie gleich.
Obwohl Jewel seine Band in ihrer Funktion als Italians Do it Better-Flaggschiff genau genommen keinen Millimeter aus ihrer Komfortzone abrücken lässt und praktisch nahtlos an Night Drive (2007) und Kill for Love (2012) anknüpft: Das nun offiziell fünfte Studioalbum der zuletzt in Twin Peaks gesichteten Portlander bietet die patentierte Melange aus Synthwave, Indierock und Dreampop, so sentimental und melancholisch wie bittersüß und mysteriös, die auf ihrer mitternächtlichen Fahrt auf endlosen Straßen ins Ungewisse perfekt durchgestylt im neondüsteren 80er Ambiente temperiert wurde. Ein Fanpleaser also.

Nicht nur in Hinsicht auf die eigenen Anforderungen ist Closer to Grey jedoch eine angenehm kompakte, vergleichsweise unkomplizierte Kompensations-Last geworden, die sich Jewel von den Schultern lädt, sondern auch ganz allgemein in Relation zur bisherigen Veröffentlichungsgeschichte der Chromatics.
Closer to Grey hat mit 46 Minuten Spielzeit beinahe nur annähernd die Hälfte der zu langen Brocken Night Drive und Kill for Love, ist auch wegen dieses gesunkenen Volumens absolut angenehm und unbeschwerlich zu konsumieren. Das Quasi-Comeback hat nicht das Gewicht seiner beiden Vorgänger, fühlt sich dafür vergleichsweise allerdings auch kaum nach Arbeit und mehr nach kurzweiligen Spaß an, zeigt weniger Leerlauf und ist gerade in Hinblick auf den mehrmaligen Konsum effizient wie es die Chromatics sehr lange nicht mehr waren. Man erfasst die überraschend unmittelbar und catchy zündenden Nummern zwar noch schneller als das Material auf den Vorgängeralben, doch da der Track-Fluß auf Closer to Grey trotz eines stelenweise auftauchenden Compilation-Flairs schlüssig wirkt und das Songwriting auf einem durchgehenden hohen Level (von solide bis großartig) kohärent abliefert, taucht man ohne allzu gravierende Abnutzungserscheinungen in die entstandenen Tiefen ein.
Noch mehr eingelöstes Optimierungspotential zeigt diesbezüglich nur die mittlerweile praktisch makellose Produktion, die gleichzeitig unnahbar und intim ist, ihre wundervoll schimmernden Texturen in formvollendeter Klarheit artikuliert und trotzdem nicht steril glänzt, viel eher subversiv kantig bleibt und hinter der anbetungswürdig betörenden Ästhetik gar eine gewisse Rohheit anbietet.

Rechtzeitig vor der anstehenden EU-Tour legt Jewel in dieser Verortung gerade den Einstieg in die Platte so direkt und schmissig aus, will wohl nach der langen, frustrierenden Wartezeit explizit griffig an Bord holen.
Mit einer Interpretation des nicht (?) totzukriegenden Gassenhauers The Sound of Silence liefert Jewel deswegen eine weitere Expertise als Cover-Meister, eröffnet Closer to Grey geradezu klassisch: vollkommen entschleunigt, sanft über den funkelnden Bass tickend, entlang der weichen Vocals von Ruth Radelet, beginnt es in erhebender Ruhe zu pulsieren. Später wird mit der The Jesus and Mary Chain-Nummer On the Wall noch eine weitere zu Eigen gemachte Fremdkomposition folgen, doch das prominentere Simon & Garfunkel-Stück braucht natürlich keinerlei Anlaufzeit, um in seinen Bann zu ziehen.
You’re No Good tanzt danach mit schwülstigen Keyboards und zappelnder Hi-Hat auf dem Disco-Floor, klatscht locker-leichtgängig zum Aushängeschild, entwickelt sich angesichts seiner ausführlichen Spielzeit aber genau genommen auch nicht. Hat Closer to Grey eine dezent schwächelnde Phase, setzt sie hier ein. Weil der wunderbare Titelsong (übrigens der einzige der 22 vorab erschienen Singles und B-Seiten, der es letztendlich auf das reguläre Album geschafft hat) sich als flott pumpende Trademark-Nummer in seiner zutiefst typischen Beschaffenheit fast schon ein bisschen wie eine Klischee anfühlt, da der Beat in seiner derart monotonen Eindimensionalität die feinen Melodien nicht so vielschichtig wie möglich zur Geltung bringt. Und weil auch das nichtsdestotrotz ebenfalls sehr feine Twist the Knife wieder zu einfallslos programmierte Drums nutzt, Nat Walker zu durchsichtig arbeitet, es sich und dem Hörer zu einfach macht und langweilt.

Trotzdem bieten sich gerade diese Stücke – potentielle Szene-Hits immerhin – für etwaige Compilations an, um als Aushängeschilder wieder ohne Umstände für den Kosmos von Chromatics anzufixen. Wirklich stark wird Closer to Grey aber erst nach diese Phase. Sobald Jewel mutmasslich keinen Stress auf Arbeitssiege und Pflichten mehr verspürt, den Fuß vom Gaspedal nimmt, die alte Achillesferse der Gleichförmigkeit vermeidet und sich elegischer gehend lassend die Atmosphäre des Signature Sound auffächert.
Das grandiose Light As A Feather folgt ätherisch-nebulösen Synthies und latent jazzigen Rhythmen in die schwerelos-verwunschene, dunkle Ecke der Café Del Mar-Chillout-Lounge, in der auch Gang Gang Dance sinnieren, bevor Move a Mountain alles Tempo rausnimmt, ein verträumtes Rhodes Piano (?) und synthetische flötierende Folk-Anstriche wie eine elegante Erinnerung an vergangene Zeiten anmuten. Touch Red lässt sich unaufgeregt als schwelgende Ballade amR&B treiben, die Gitarre tröstet sich im weichen Licht des Morgengrauens, heult dann sogar sehnsüchtig in Zeitlupe, wundervoll nostalgisch, reibt sich psychedelisch auf, wo Through The Looking Glass als instrumentales Interlude zwischen zarten Akustik-Gezupfe und verzerrt dröhnenden Streicheleinheiten am Shoegaze von My Bloody Valentine entlangfließt und damit Closer to Grey auch prägt.
Whispers In The Hall bimmelt danach schließlich düster im Suspence über wummernd-abgedämpften Downbeats im cinematographischen Panorama. Die intrinsisch beklemmende Spannung in der jede hektische Aufregung vermeidenden Gangart neigt im Hintergrund heulend schaurig zur Psychose, während sich das Szenario vorne sphärisch beruhigt. Das bereits erwähnte On the Wall übernimmt diese Steilvorlage mit bratzend übersteuerten Gitarren, die hier in eine wohlige Watte gepackt friedlich wiegen, auch wenn die verinnerlichte Nabelschau mit über 8 Minuten Spielzeit durchaus ihre Längen haben kann: Der hiermit abgeschlossene Mittelteil von Closer to Grey ist nicht das spektakulärste, aber so ziemlich das beste Material, was unter dem Chromatics-Banner erschienen ist.

Schade nur, dass Closer to Grey mit On the Wall den eigentlich idealen, so ausführlich erschöpfenden und den Kreis zum Opener auch absolut stimmig geschlossen haben könnenden Schlußpunkt verpasst, und stattdessen zu einem subtil unausgegorenen Finale findet, dass die Platte in das unverdiente Licht des Flickwerk-Schnellschusses stellen kann.
Love Theme From Closer To Grey setzt schließlich nur das bereits makellose Light As a Feather fort, addiert im instrumentalen Remix abermals fiepende Gang Gang Dance-Texturen und schafft damit in mehrerlei Hinsicht einen auf sich selbst verweisenden Kontext. Allerdings mäandert die Nummer und fühlt sich schlichtweg nicht essentiell an. Das märchenhaft romantische Wishing Well ist dagegen ein an sich versöhnliches Kleinod, findet sogar zurück zum tickenden Einstieg in die Platte, und bietet damit ebenfalls noch einen adäquaten Rahmen. Trotzdem wirkt die Nummer durch ihre framentarische Struktur (aus Hauptteil, abruptem Uhrwerk und hoffnungsvollem kleinen Apendix) mehr noch wie ein zielloses Stückwerk, das letztendlich ohne elementare Befriedigung entlässt, keinen wirklich zwingenden Klimax anbietet, die Euphorie über die Rückkehr der Band nicht auf die Spitze treibt.
Vielleicht will Jewel dies aber auch nicht. Vielleicht erfüllt Closer to Greynur“ den Zweck, eine immer noch hungrige Band zu zeigen, die ihr Hohheitsgebiet blind beherrscht. Vielleicht ist die Platte aber tatsächlich nur eine Aufwärmübung, um auf die nötige Betriebstemperatur zu finden. Und vielleicht will Jewel sich selbst und sein Publikum auch nur wirklich kurzweilig auf andere Gedanken bringen und pragmatisch den Druck nehmen, mit Dear Tommy das unbedingte Magnum Epos der Chromatics zu verlangen. Was man wegen all dieser Spekulationen fast übersieht: Das Schaulaufen Closer to Grey wäre an sich zu gut zwei Dritteln ohnedies schon auf dem besten Weg gewesen, das Referenz-Meisterwerk der Band zu werden, begnügt sich nun aber quasi damit, die Liebe zur Band auf bisweilen triumphale Art neu zu entfachen.

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