Website-Icon HeavyPop.at

Coldplay – Music of the Spheres

Die Songs von Coldplay tragen nun wahlweise Emojis als Titel und auch sonst fühlt sich Music of the Spheres wie eine universell funktionieren sollende Anbiederung an möglichst viele Märkte an.

Man hat sich ja daran gewöhnt, dass die Diskografie von Coldplay mittlerweile beinahe im Wechselspiel einer qualitativen Berg-und-Talfahrt gleicht, die auch geradezu manisch zwischen freudestrahlenden Endorphinen und niedergeschlagener Melancholie in die Extreme pendelt.
Das bedeutet prognostisch, dass die Geschichte der Band letztendlich versöhnlich enden könnte, weil sie einstweilen eben wieder in einer weiteren Talsohle angekommen ist – obwohl man Music of the Spheres gleich vorab zu Gute halten muß, dass das neunte Studioalbum der Briten nicht so demonstrativ geschmacklos ausgefallen und seine Banalität nervtötend aufdringlich serviert, wie manches Vorgängerwerk, sondern eher auf harmlose Weise eine reibungslose Gefälligkeit zeigt, die die anbiedernde Natur der Platte mit einer Nonchalance (zumindest wenn Nonchalance das Vermeiden einer Over the Top-Übersättigung meint) artikuliert.

Als Konzeptalbum jenseits von Mike Oldfield erdacht („set in a fictional planetary system called The Spheres, which contains nine planets, three natural satellites, a star and a nebula, each of which corresponds to a certain song. Its concept and themes were inspired by the Star Wars film franchise, which made Chris Martin wonder what other artists could be like across the universe“) fühlt sich Music of the Spheres mit sehr weltlichen Ambitionen wie ein gemütlicher Blockbuster an, der seine Inszenierung an möglichst viele monetär relevante Schauplätze verlegt, um das dortige Publikum mit solider Pastiche reibungslos für sich zu gewinnen.
Zusammengehalten werden sollen die 42 weitestgehend an modernen Pop-Standards ausgerichteten Minuten dabei von vier Interludes – wobei aka der Titelsong und aka Alien Choir als esoterische Ambient-Skizzen funktionieren, die Pseudo-Live-Interferenz alias der zweite Teil des Titelsongs jedoch absolut redundant den Spielfluß stört und alias Infinity Sign spielzeittechnisch zum vollwertigen Song aufgeblasen praktisch inspirationsfrei klingt, als hätte ein Disco-Roboter einen einfältig-sphärischen Interlude-Remix auf der Grundlage von Olé, Olé, Olé angefertigt -, die jedoch im Verlauf vor allem das Gefühl unterstreichen, dass die Platte ein unausgegorenes Sammelsurium darstellt.

Higher Power und das zu U2 schielende Humankind sind Zeitgeist-Übungen mit trendiger 80er-Synthie-Verzierungen, die so plakativ den optimistischen Positivismus und die Lebensfreude feiern. In dieser Ausrichtung haben Coldplay schon schlechtere, weil nervigere Nummern geschrieben, sofern das ein Qualitätssiegel ist: Die Stadion-Balance stimmt diesmal, weil eine gewisse Lockerheit da ist, der Vorschlaghammer nicht erzwungen wirkt, die unbedingten Feel-Good-Vibes zumindest nicht die Waffe an den Schädel halten, sondern eine nicht unangenehme Beiläufigkeit wählen – selbst wenn die die (diesmal klimafreundlich) kommende Tour vorwegnehmen sollenden Animationsgesten und Zwischenrufe im tanzbaren Humankind etwas fremdschamerregendes haben.
Auch warum über weite Strecken im schon okay-relaxten Biutyful eine enervierende Heliumstimme die Führung übernimmt lässt Fragen offen, während die Agenda von My Universe auf funky Licks kommend schon klar ist: Coldplay wollen den asiatischen Markt knacken und laden dafür die südkoreanische K-POP-Kombo BTS ein. Die Bands schmachten sich gegenseitig an, doch die rein marktwirtschaftliche Ader dieser Romanze ist relativ offensichtlich. Dass der Ausflug im Kontext auch so willkürlich anmutet, tut sein Übriges.

Ebenso kalkuliert, aber weniger berechnend und meist schlüssiger in das Ganze assimiliert, visiert auch der restliche Reigen unterschiedliche Kundschaft an. Wie sehr man Bon Iver, Bon Iver missverstehen kann, zeigen etwa die Elektro-Piano-Ballade Let Somebody Go, die als trivialer Lovesong mit abstrusen Texten beginnend seine schöne Harmlosigkeit bald gegen Selena Gomez, einen Baukastenbeat und eine vollkommene Beliebigkeit eintauscht, oder die Acapella-Vocoder-Nummer alias Human Heart mit We are KING und Jacob Collier, die Geschlechter-Klischees auf einen gemeinsamen Nenner bringen will. Alles besser jedoch als People of the Pride, das hüftsteif pumpend die eindimensional Seite von Muse so plump als Riffrocker imitiert. Es wäre ein Wunder, wenn Martin dazu auf der Bühne wohl authentische Posen einfallen würden.
Noch wundersamer ist, dass der Closer Coloratura noch beinahe eine eklatante Wahrnehmungsänderung bewerkstelligen kann. Coldplay spielen hier eine zehnminütige, reibungslose Kaskade aus netten Melodien und Atmosphäreschichten, die in Erinnerung an Everyday Life erwacht: eine Klavierballade mit schimmernder Gitarren-Patina, die orchestral aufmacht, ambient-märchenhaft sinniert, und so ruhig wie bezaubernd und unspektakulär enden wird. Dass davor noch die altbekannte „Ohooo“-Stadion-Formel den expliziten Höhepunkt der Nummer markieren muss, geht schon klar – Music of the Spheres war ja auch bis dahin nicht das subversive, als das man auf die letzten Meter noch Understatement walten lassen müsste.

Die mobile Version verlassen