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Cult of Luna – The Long Road North

Cult of Luna schließen mit The Long Road North eine Trilogie, die Zuverlässigkeit und konstante Qualitätsgarantie, ja eigentlich gewissermaßen sogar Perfektionsnähe, zur tugendhaften Maxime erhoben hat und über der Komfortzone thront – dosieren die Modifikationen des formvollendeten MO dabei allerdings auch wieder eine Spur augenscheinlicher als zuletzt.

Wer dem achten Studioalbum der Schweden eine überraschungarme Gangart vorwerfen will, dem mangelt es entlang dieser 69 Minuten sicherlich nicht an einer gewissen Beweisgrundlage. Tatsächlich argumentiert dieser Sachverhalt allerdings eigentlich für den Umkehrschluss. Also dafür, dass ein (bis zu einem gewissen Grad typisiertes) Bedienen der Erwartungshaltung im Falle von Cult of Luna einmal mehr bedeutet, schlichtweg nicht enttäuscht werden zu können: Das Sextett macht praktisch keine Fehler, demonstriert pures Können, zeigt Herz und unbedingte Klasse. Denn selbst wenn der Baukasten hier wie ausgerechnet im Titelstück – einer extrem stimmungsvollen, sich alle Zeit der Welt nehmenden How-to-Post-Metal-Lehrstunde mit imaginativer, malerischer Tiefe, die anderswo ein triumphaler Kraftakt samt machtdemonstration wäre, gemessen am hauseigenen Level und Kontext aber „nur“ ein toller Standard ist – mit einer latenten Formelhaftigkeit zum Einsatz kommt, dann ist das immer noch ein Schaulaufen, das zeigt, warum die Gruppe von Magnus Líndberg und Johannes Persson im Post Metal schlichtweg über allen anderen steht.

Die Achse aus Effektivität und Trademarks sowie einer gewissen Vorhersehbarkeit mitsamt dem Vermeiden von Risiken schließt schließlich Ambitionen nicht aus. Cult of Luna können ihre Kunst merklich auch ohne basisfremde Reibungspunkte wachsen lassen, die hohen Ansprüche (an sich selbst) und geltenden Wertmaßstäbe sinken durch das Maß an Vertrautheit und Routine nicht – diese Band klingt auf The Long Road North immer, als würde sie jenseits des Autopiloten etwas beweisen wollen, nein müssen, stets hungrig bleiben.
Das Songwriting, die Performance und der (diesmal aber auch wirklich wieder so unheimlich) grandios produzierte Sound formen ein für Qualität bürgendes Gütesiegel, dessen konstant liefernde Leistung Cult of Luna in einer Liga mit anderen langdienenden Instanzen  wie den Deftones, Elbow oder Mogwai bestätigt: so viele Jahre auf dem Buckel und einfach zu keinem schlechten, langweiligen oder redundanten Album fähig.

Dass diese Kernkompetenz-Ausrichtung auf The Long Road North nicht ganz das Niveau des diese Philosophie bereits verinnerlicht habenden Karrierehighlights A Dawn to Fear (2019) erreicht – geschenkt (gerade nach dem nicht enttäuschenden, aber die Begeisterung auslassenden The Raging River von 2021)!
Einerseits, weil Cult of Luna trotzdem Juwelen in einem grandiosen Fluß staffeln: Cold Burn ist der martialisch dröhnende, schwitzend treibend-arbeitende Inception-Moment der Band, gigantisch und imposant und monströs wie eine Alpha-Drohgebärde neben Godzilla und King Kong, seinen strengen Korpus allerdings auch weitschweifend in die Atmosphäre öffnend, bis das kriegerische Momentum ins sinnierende mutiert.
Das besonders stiernackig gebrüllte The Silver Arc entpuppt sich als Traum von Oceanic und Panopticon, während Full Moon als stampfender, klatschender Chain Gang-Marsch im Licht des Blood Moon die Aufgaben eines stimmungsvollen Interludes übernimmt. Blood Upon Stone beschwört spirituell und melodisch eine dringliche Dramatik, bevor der Klimax sich wie eine euphorisierende Urgewalt anfühlt: Cult of Luna machen den Weg zum Ziel und umgekehrt, zelebrieren den Ausblick über ihre Welt, durchziehen die Kompositionen im Allgemeinen wie Speziellen mit kleinen oder großen, subtilen oder brachialen Geistesblitzen, die aus sehr guten Nummern brillante machen, überragende, nach Superlativen verlangende Monolithen wachsen lassend, die mit Haut und Haaren fressen, in denen jedes Element perfekt positioniert und in Szene gesetzt ist.
Dass Into the Night als die obligatorische ruhige Nummer mit Klargesang (wie schon das jüngste Lanegan-Gastspiel) latent abfällt, weil die Vocals ein bisschen zu bemüht intoniert werden und der Chorus theatralisch mit Goth-Geste pathetisch schwoft, wird spätestens dann aufgewogen, wenn das Kollektiv den einnehmenden Reigen mit Fortdauer strukturell fast zum Jam leitet.

Und andererseits ist dann ja auch noch der Fakt, dass The Long Road North seine puristische Ader ohnedies immer wieder dezidiert öffnet, neue Schattierungen auftauchen, die dem Werk einen eigenen, individuellen Charakter verleihen und für interessante Facetten im fesselnden Spektrum sorgen.
Beyond I  lädt Mariam Wallentin in einen mystisch-okkulten Klangraum, der soulig-rauchig, sanft und ätherisch in die ätherische Sanftheit orgelt, wohingegen Colin Stetson mit Beyond II entlang eines stellaren Synth-Ambient-Stückes im Stile seiner Score-Landschaftenverabschiedet. Über allem steht jedoch das dazwischen liegende An Offering to the Wild: Das Herzstück der Platte ist ein Diskografie-Geniestreich, ein andächtiger Wanderer mit Stetson als hypnotisch flimmernde Fantasie im Hinterkopf. Eine melancholische Gedankenschwere wird von einem schmissigen Gitarrenmotiv durch eine dynamische Lawine gewirbelt, verzweifelte Intensität trifft auf eine leidenschaftliche Wucht, die vor allem von der Brillanz von Schlagzeuger Thomas Hedlund lebt, derweil die Bridge den Bogen zum Beginn spannt und sich ein monolithisches Riff-Monstrum aufschichtet – und Stetson von der Leine gelassen im Rausch der Textur dann sogar doch noch die Ahnung einer latenten Unberechenbarkeit provoziert. Symptomatisch ist dies trotzdem nicht der Moment, auf den diese Platte exklusiv hinarbeitet, der eine selektive Epiphanie destilliert oder alles drumherum in den Schatten stellt, sondern eine Nuance einer ganzheitlichen Glanztat, die man sich eigentlich genau so erhoffen und erwarten durfte.


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