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Eyehategod – A History of Nomadic Behavior

Eyehategod - A History of Nomadic Behaviour

Eine Bestätigung der Theorie hätte es so vielleicht nicht unbedingt benötigt, aber dank A History of Nomadic Behavior besteht nun zumindest Gewissheit: Selbst ein schwaches Eyehategod-Album kann eindeutig immer noch mehr, als ein Gros der rechtlichen Mitstreiter im Sludge-Morast.

Dass Studiowerk Nummer 6, die erste Platte nach – diesmal „nur“ – knapp sieben Jahren, eine unbedingte Ambivalenz in der Rezeption erzeugt, liegt primär an der Produktion und dem Mix von A History of Nomadic Behavior. Die Inszenierung hebt nämlich die Vocals von Mike Williams geradezu sauber in der Vordergrund auf ein Podest, was seiner Performance jenseits der gespienen Kotzbroken eine ansatzweise Hardcore-Rezitation verleiht, kein fauchendes Gebrüll mehr. Zumindest sind seine nihilistischen Texte ohne zusammengebissene Zähne und aus dem keifenden Maul geschleuderten Geifer mittlerweile klar verständlich in zeternd-gespuckten Schwällen kommende Tiraden – transportiert der 53 Jährige seine extrem räudige Angepisstheit insofern gar kultiviert?
Dass seine Band dahinter (natürlich grundsätzlich typisch zerüttet den patentierten Southern Sludge über schwergängige Tempi ächzen lassend, die Heaviness wie einen holprigen Mühlstein schmetternd, und nur im ausnahmsweise aufs Gaspedal drückenden, absolut grandiosen The Outer Banks vom Doom zum Punk randalierend) mittlerweile weniger verstörend-impulsiv und animalisch-chaotisch, ja auch zugänglicher agiert, verleiht A History of Nomadic Behavior einen ebenso überraschenden und interessanten wie unorthodoxen, sicher auch charakterstarken und individuellen Sound, der wohl wirklich näher an den Akzenten einer jüngeren Eyehategod-Liveshow platziert ist und asketisch-prägnant seine Definition zeigt – aus der Platte allerdings eben doch auch ein polarisierende Ergebnis macht.

Gerade die Drums zeigen an der Rhythmusachse immerhin einen im Vergleich zu bisherigen Eyehategod-Alben reduzierten Punch, die Saiteninstrumente verschlingen nicht mehr derart mahlstromartig im permanenten Angriffsmodus gegen den schmutzigen Strich gerichtet – der ranzig triefende Southern Discomfort wurde einfach aus dem Morast gezogen. Jimmy Bower arbeitet regelrecht aufgeräumt und rührt die verqueren Riffkaskaden nunmehr im Alleingang kommend gesittet an, die einst unübertroffen räudige Ästhetik gibt sich zugänglicher. Die ausgemergelte Reduktion ist klanglich differenziert, die sich selbst attackierende, kasteiend-malträtierende Garstigkeit fehlt jedoch.
Eine suboptimalen Evolution, deren Schattenseiten sich verdeutlichen , wenn kompositorische Standards wie High Risk Trigger oder Anemic Robotic der monotonen Eindimensionalität anheim fallen, oder ein herausragender Bastard wie Current Situation stets so wirkt, als wäre sein Noise-Katalysator in einen verdaulichen Rahmen domestiziert worden, und die fiepend-rückkoppelnde Kakophonie deswegen nicht so konsequent, schonungslos und unerbittlich ausgespien worden, wie das für eine wirklich erfüllende Schlammschlacht nötig gewesen (und ganz zu schweigen davon, wie es auf den bisherigen fünf wuchtigeren Vorgängeralben wohl der Fall gewesen) wäre – ohne deswegen notwendigerweise von einem tatsächlich glattproduzierten Gewand sprechen zu wollen.

A History of Nomadic Behavior ist eben mehr als Kantenglättung auch Kind der aktuellen Umstände; Ausdruck und Spiegelbild der Geschichte von Eyehategod seit deren selbstbetitelten Werk von vor sechs Jahre selbst. Frontmann Williams hat etwa einen Leidensweg samt Lebertransplantation hinter sich und Eyehategod sind seit dem Ausstieg von Gitarrist Brian Patton (merklich, aber nicht ausnahmslos zum Nachteil gereichend, sondern wohl wirklich eine neue Inkarnationsphase öffnend) zum Quartett geschrumpft – was man dem Volumen der Band nun eben alles genauso anhört wie die Tatsache, dass Williams als Teil der Hochrisikogruppe in Corona-Zeiten seine Parts nicht mit der restlichen Mannschaft in New Orleans (bei James Whitten) einspielen konnte, sondern sie gesondert mit Sanford Parker in Chicago aufnahm.
Auch so ist aber nicht nur der erwähnte, symbolträchtig betitelte atonale Kreuzgang Current Situation als unbequemes Herzstück voller ausgemergelter Riffs ein verstörend anziehender Reibungspunkt geworden, der sicherlich exemplarisch für liegen gelassenes Potential (ein so zu einem nicht geringen Teil übrigens durch die eigene Nostalgie und Blick auf die bisherige makellose, freilich in einer anderen Liga spielenden 90er-Diskografie projiziertes Manko) steht, im Umkehrschluss aber auch die im fortgeschrittenen Alter anhaltende Klasse von der ikonischen Vorreiter Eyehategod transportiert.

Nachzuhören auch, wenn die Stafette aus The Trial of Johnny Cancer (die melancholische Ader entpuppt sich als boshafte Brutstätte für einen giftigen Rundumschlag, eine Litanei gegen alles und jeden), Smoker’s Piece (ein jazzig verschleppt groovendes Instrumental Zwischenspiel von atmophärischer Frivolität) und das Bollwerk Circle of Nerves einen lichtdicht fließenden Sog erzeugt und aus diesem Wulst der Unzufriedenheit herausragt. Oder wenn noch vor der bockstarken Abschlussphase schon eingangs die trockene Kurzweiligkeit der Platte installiert wird, indem Built Beneath the Lies mit walzender Kante über den Berg geschliffen wird oder Three Black Eyes als sündige schleppender Schwertransport keine Sekunde verschwendet.
Spätestens beim (auf der Bühne schon lange in verschiedensten Inkarnationen aufgeführten) Closer Every Thing, Every Day ist dann auch in der Kloake einer betonten Gleichförmigkeit badend klar, dass Eyehategod mit einer neuen Pesrpektive auf ihre Black Flag-Liebe immer noch Songs schreiben, für die andere ähnlich veranlagte Bands willfährig ihren Drittgittaristen verhökern könnten, ohne sich ein ähnliches Ergebnis leisten zu kommen.
Letztendlich ist es also vielleicht sogar egal, dass A History of Nomadic Behavior auf einigen Ebenen das ziemlich sicher bisher schwächste Album der NOLA-Gang ist. Weil die aufgefahrenen 42 Minuten trotzdem nur dann eine Enttäuschung sind, wenn man sie mit einer unverrückbaren Erwartungshaltung von der bisherigen Albenriege kommend gegenhört), und weil das neuerliche Comeback der Band nichtsdestotrotz aber ein (sehr) gutes ist. Vor allem auch eines, das absolut Bock macht, die (in einen neuen Lebenszyklus gestartete) Veteranen-Kombo mit diesem Material endlich live sehen zu können.

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