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Gabe Lee – Honky Tonk Hell

Gabe Lee - Honky Tonk Hell

Es ist irgendwo absurd, dass anhand von Honky Tonk Hell auf einschlägigen Plattformen leidenschaftlich darüber diskutiert wird, wie ein Musiker mit asiatischen Wurzeln derart ansatzlos im unamerikanischen Genre des Country aufblühen kann.

Immerhin handelt es sich hierbei nicht nur um das Zweitwerk des Mannes aus Nashville, vielmehr sprechen die auf Honky Tonk Hell versammelten elf Songs eigentlich – wie schon jene von Farmland im vergangenen Jahr – auch einfach für sich, wenn Gabe Lee sich mit einer selbstbewussten Klasse zwischen modernem Country, Americana, Honky Tonk und Southern Rock bewegt und seine eigenwillige, manchmal quäkende Stimme zwischen dem Tallest Man on Earth und Ian Noe platziert.
Einleitend sollte deswegen viel eher thematisiert werden, was sich in der kurzen Zeit seit dem (vielleicht doch um ein minimales Quäntchen stärkeren) Debütalbum nicht verbessert hat, nämlich die Texte. Diese greifen leider mitunter immer noch weit in den Klischee-Baukasten und halten so eine emotionale Distanz aufrecht. Was besonders in jenen (gerade auch zu unvermittelt aus dem restlichen Rahmen fallenden) Momenten in den Fokus rückt, wenn Lee einen auf Whisky Meyers macht und Stimmung in die Bar bringen will – im Titelsong, Susannah oder dem pseudo-rebellisch zum Solo startenden All Dogs Go to Heaven („I wasn’t easy to love/ Got in a world of trouble/ Near chewed up the whole dang town in a couple of weeks/ That’s when the mayor called and he said/ „Son, from now on, I guess you’re wearin‘ a leash/’Til you’ve shown us just what a good boy you can be“/…/ Ain’t scared to raise hell/ ‚Cause all dogs go to Heaven, yeah“).

Abseits davon hat Gabe Lee seine Profession aber bis zum Heartland verinnerlicht, liefert praktisch ausfallfreien bis zu den Lehren von Dylan, Springsteen und Petty ab. In Babylon, mit seinem soulig aufmachenden Finale oder dem orgelgrundierend zurückgenommenen Heartbreaker’s Smile. In dem mit nostalgischen Bläsern feierlich ausgeschmückten Great Big River oder der mit Pathos am Klavier sitzenden Ballade Emmylou.
Ohnedies sind jene Nummern am stärksten, in denen sich Honky Tonk Hell entgegen seines Titels intimer und fragiler gibt. Das wunderbare Piece of Your Heart ist dann verdammt nahbar schunkelnd und besticht mit seinen Tempowechseln, 30 Seconds at a Time erzeugt mit minimalistischen Mitteln Atmosphäre am Lagerfeuer, obgleich das Storytelling keine interessanten, glaubwürdigen Charaktere zu bieten hat. Wie authentische der Inhalt des molochenden Imogene abseits seiner gefühlvoll-melancholischen Folk-Mundharmonika-Form ist, muß dann jeder für sich entscheiden, während die traditionelle Einkehr Blue Ridge Goodbye so entwaffnend ist und keine Diskussion aufkommen lässt, dass der Youngster Lee ein formidabler Rohdiamant der Szene ist – und Honky Tonk Hell im Ganzen knapp aber doch sogar eine sehr gute Bestätigung dessen.

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