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Géonne Hartman – He Went To The Sea

Géonne Hartman - He Went To The Sea

Manchmal genügt ein wunderbares Artwork, um auf ein Album bisher unbekannten Ursprungs aufmerksam zu machen – in diesem Fall gelingt dies He Went to the Sea, dem märchenhaften Debütalbum von Géonne Hartman.

Noch besser ist da nur, dass abseits der so unwirklich anziehenden optischen Komponente eigentlich alleine schon die ersten 4 Minuten der Platte genügen, um restlos zu verzaubern: Der Opener Landscape ist ein friedlich-melancholisch im Morgengrauen eines warmen Sommertages schwelgender, auf der angenehmen Akustikgitarre gezupfter Indie Folk, in der Hartmann im Duett (mit sich selbst und Jon Ari) latente Kings of Convenience-Vibes erzeugt, bevor (ausnahmsweise) ein behutsam pluckernder elektronischer Beat entschleunigt zappelnd unter das Geschehen streichelt. Die Hook des verträumten Refrains („This landscape is always waiting/ always staying, always at my feet/ Carrying, carrying, carrying“) will nicht mehr aus dem Kopf, denn das ist ein bittersüß verhuschter Ohrwurm, ätherisch und anachronistisch, seltsam entrückt und atmosphärisch so universell fesselnd wie mystisch bleibend.

Und auch sonst bewahrt sich der erste Konzept-Langspieler der 26 jährigen Musikerin aus Utrecht, die bisher nur mit der weitestgehend unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung erschienenen Salt Wind EP vorstellig wurde, entlang seiner Breakup-Sehnsucht eine geheimnisvolle Aura – die hinter der grandiosen, weil so vielschichtigen Produktion von Tessa Rose Jackson (Someone) und einem guten Dutzend an instrumentalen Helfern eine ebenso homogene wie variable und abwechslungsreiche Wunderwelt aus zahllose Details und Nuancen zu entdecken erschafft.
Gleich Two by Two dämpft mit seinen minimalistischem Gitarren-Geplänkel in gefühlvoller Reduktion die Romantik ab und lässt sich dabei doch so subtil von zahlreiche Facetten im Hintergrund begleiten. The Building ist vorsichtig elektronisch eingefangener Dreampop mit vagen Radiohead-Assoziationen, eine nostalgische Fantasie mit latent orchestraler Dramatik in den Arrangements, die vom Piano bis zur schüchtern angedeuteten Trompete schwofen. Im Titestück oszillieren Klavier und Gitarren friedlich in der intimen Inszenierung, bittersüß gedoppelt, die Harmonien erinnern an Amber Coffman zu Dirty Projectors-Zeiten – allerdings unter dem Meeresspiegel, als geduldiges und im besten Sinne mäandernd-dösendes Uhrwerk mit aller Zeit und Raum der Welt; das von Hartman weitestgehend instrumental wandernd losgelassen wird. Überall begegnen wir großen und kleinen Gewässern als Sinnbildern und Metaphern, die sich so kohärent im Sound der Platte widerspiegeln.

Das gemütlich schippernde Reflection erinnert ästhetisch entfernt an Mac DeMarco, doch das Instrumentarium hat sogar Bläser in petto, obgleich es dem konstanten Rhythmus entspannt tröpfelnd folgt. Since Then sinniert gedankenverloren im Kontrast aus hellen Vocals und tiefer Acoustic-Gitarre, während I Climbed a Mountain weiter in die 60s träumt, und Cotton Grief liebenswürdig wie ein vergessenes Kleinod aus der Vergangenheit tänzelt – ein bisschen wie die heimliche Sternstunden von Sufjan Stevens, wenn sie eben auf einen spacigen Trip von Other Lives ein klatschendes Gemeinschaftsgefühl gefunden hätten. Denn dass das Album derart viele Singles abgeworfen hat, macht schon Sinn – dass keine davon große Wellen geschlagen hat, aber auch: So vieles hier bleibt hängen, aber zwanglos und auf eine freiheitsliebende Weise auch unverbindlich, nahezu unmerklich sogwirkend, naturalistisch. Wie rätselhafte Seemansgeschichten, die keinen Unterschied zwischen Realität und magischem Rätsel machen; erst unscheinbar und irgendwann faszinierend.
Correct Me if I’m Wrong kuschelt tröstend und betört schwelgend, bevor sich After All auf seine jazzigen Tendenzen verlässt und Last Song als kontemplative Tabla-Formel am Lagerfeuer beschließt, wie es auch Fiona Apple gefallen könnte. Vorwerfen kann man der so klar durch ihre schleierhaft verführende Vision leitenden Géonne Hartman danach höchstens, dass He Went to the Sea eben stets mit dem Gefühl entlässt, eher das Skizzieren des tatsächlichen Potentials der Niederländerin zu sein, als bereits das maximale Ausschöpfen davon – was angesichts des aktuelles Niveaus der Newcomerin freilich eher als immenses Zukunftsversprechen zu verstehen ist (und deswegen zwischen den Punkten auch die Aufwertung verdient). Immerhin hat Hartman, die etwa Phoebe Bridgers, Laura Marling oder The Weather Station als explizite Inspirationsquellen deklariert, diese Idole subjektiv gefühlt bereits aus dem Stand heraus überholt. Nicht nur artwort-technisch, versteht sich.


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