HeavyPop.at

James Blake – Before

Für die vier Songs der Before EP verbindet James Blake die elektronisch bastelnden Tendenzen seiner Frühphase mit dem melodiös gelösten Ambiente nach Assume Form für wiederentdeckte DJ-Ambitionen.

Wenn der mittlerweile platinblonde Brite zu Protokoll gibt, dass er nun endlich die Selbstsicherheit gefunden habe, seine eigene Stimme an Dancefloor-Rhythmen heranzuführen, dann bedeutet dies nicht nur eine Symbiose aus beinahe vergessenen Tugenden rund um die eigenen Wurzeln mit den Errungenschaften des poppigen Momentums seiner 2019er-Wohltat, sondern eben sogar, dass Blake für sich und Before gewissermaßen den Club-Sound für eine Welt im Lockdown ohne Clubs gefunden hat – direkt an der Schnittstelle aus treibender Tanzbarkeit und ruhiger Intimität, ohne verschwitztes Shirt, aber romantischer Geborgenheit.

Oder wie es irgendwann in einer der besten Textzeilen des Jahres 2020 heißt: „I’m not the sum of all my worries / And I’m not the sum of yours / I’m not the summer of 2015 / But I can be the summer of now.“ So hat Blake einen erfrischenden Verve für seine melancholische, aber nicht mehr resignierende Natur installiert, die einen latenten Optimismus mit geschlossenen Augen lächelnd und viel Körperbewusstsein bewegt.
Der Opener I Keep Calling tut dies als beschwingte Downbeat-Sehnsucht mit klackernden Dubstep-Rhythmen rund um ein gepitchtes Sample vom adaptierten Charlotte Day Wilson-Song Falling Apart, zeigt eine hoffnungsvolle Lockerheit und jubilierende Harmonien unter einer sedativen Decke. Erstaunlich auch, dass ein rundum homogenes Ganzes steht; wo ein halben Dutzend an Co-Songwritern in den Credits auftaucht – unter anderem Dom Maker von Mount Kimbie.

Das behutsam pumpende Titelstück schraubt gedrückten Minimal an eine erblühend-frohlockende Anmut im Refrain, zieht sich hinten raus selbst durch den Remix, deutet Streicher ohne die greifbare Kontur von Are You Even Real? an und träumt von Thom Yorke und der Tanzfläche.
Do You Ever kann man aus der Werbung kennen, oder in Alternativen Realitäten auch aus Möglichkeiten, die The Colour in Everything nicht derart anachronistisch zum alternativen R&B schielend nutzen konnte, bevor Summer of Now aus dem Ambiente eines schweren Orgel-Keyboards eine theatralisch badende Kontemplation gebiert, unter deren balladeske Traurigkeit mit phasenverschobenen Vocals bald ein abgedämpft pulsierender Beat klettert.
Mit den Erkenntnissen einer mittlerweile über zehn Jahre andauernden Karriere ist Before also gleichermaßen ein Blick zurück wie einer nach vorne, eine neue Perspektive aus der Komfortzone.

Die mobile Version verlassen