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Kadavar – The Isolation Tapes

Kadavar - The Isolation Tapes

Rein in die Quarantäne, raus aus der Komfortzone: Die aus dem Touralltag ausgebremsten Kadavar hatten neben den Studio Live Sessions Zeit und erfinden sich und ihren Sound für The Isolation Tapes kurzerhand neu.

Eine Neuorientierung, die keinesfalls nach zwangsläufig auferlegter Verlegenheitslösung klingt, sondern nach einer kompletten Frischzellenkur, nach einem Befreiungsschlag. Immerhin war der bisher so synonym für eine abonnierte Melange aus Proto-Stoner, Retro-Heavy Paych und Ursuppen-Hardrock stehende Sound der Berliner nicht erst mit dem absolut kompetenten For the Dead Travel Fast im vergangenen Jahr einer austauschbar und leicht auszurechnenden Formelhaftigkeit anheim gefallen.
Für The Isolation Tapes bleiben Kadavar nun einem in die Vergangenheit blickenden Eklektizismus treu, verschieben aber die Perspektive beeindruckend unangestrengt. Als mehr oder minder durchgehender Jam in den psychedelischen Prog und Krautrock, flächig und nebulös grundiert, geschmeidig um unverbindliche Melodien fließend, die eher wie Erinnerungen interpretiert werden, kennen die Gitarren Riffs zwar noch, tauchen damit aber ambiente Sehnsüchte Richtung sphärischer Synth-Schwaden an, driften durch Pink Floyd-Landschaften, die weich und schwerelos in den Space Rock flanieren.

II – I Fly Among the Stars sinniert in bittersüßer Melancholie davon, sich zu verlieren, findet wie in IV – (I Won’t Leave You) Rosi eine entschleunigt auftauchende, auf kaum greifbar werdende Klaviertöne gebaute Ballade, die flott nach vorne ziehend auf links kippt, kompositionell aber keinen Ausweg als den zahmen Exzess findet, das Spiel mit den Dynamiken aber dezidiert beherrscht. V – The World Is Standing Still blüht mit seinen Früh-70er-Leads wunderbar auf, bleibt aber wie alles hier verhältnismäßig entspannt und leger. Eternal Light (We Will Be OK) folgt man Can‘scher Leichtigkeit dem Rhythmus und Peculiareality (!) schmiegt sich in ätherische Mellotron-Harmonien und Melodien, die so auch den späten Beatles gefallen haben könnten, bevor Black Spring Rising mit Ilgen-Nur (stimmlich so nahe bei Chris Neuburger von Slut) den Schulterschluss zu David Gilmour sucht. Ein feiner Reigen, assoziativ und einnehmend – The Isolation Tapes nutzen den Raum und wohl auch den Abschied von Nuclear Blast.

Wenn Everything Is Changing, wie wahr, eine heimelige Eingängigkeit, ja sogar fast poppige Zugänglichkeit erzeugt, ist es aber symptomatisch (für The Isolation Tapes im Speziellen, aber auch für das Songwriting von Kadavar im Allgemeinen), dass die Band nicht den finalen Schritt zum Genieblitze geht, sondern sich für eine mit geschlossenen Augen am Stadion und dem Formatradio vorbeiplätschernde Beiläufigkeit entscheidet. Eben wieder so verdammt kompetent ist – aber nicht mehr.
Wenn auch diesmal in einem anderen, subjektiv weitaus interessanteren Gewand als bisher, ist es doch wieder die Atmosphäre, die Aura und Ästhetik die in ihren Bann zieht, wo die Nummern an sich unverfänglich nicht in letzter Konsequenz zwingend packen, eine stärker schraffierte Kontur da und dort missen lassen.
Durch die imaginative Mühelosigkeit, mit der das Gesamtwerk authentisch und halluzinogen auf Reisen schickt, als ein so in sich geschlossener, weitestgehend nahtloser Trip, sind The Isolation Tapes als überraschender Paradigmenwechsel vielleicht Puristengift, mit ein bisschen Distanz aber wohl dennoch das beste, was der Band passieren konnte.

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