LINGUA IGNOTA – CALIGULA

von am 15. Juli 2019 in Album

LINGUA IGNOTA – CALIGULA

Schon mit ihrem triumphal krönenden Kraftakt auf Weeping Choir hat Kristin Hayter dem Musikjahr 2019 ihren Stempel aufgedrückt. Mit welcher Masse und Gravitation sie das dritte LINGUA IGNOTA-Album CALIGULA nun jedoch zu einem Opus Magnum ausdehnt und verdichtet, ist dann schon beachtlich – und bewusst überfordernd.

Über 72 Minuten Gesamtspielzeit und der dezidierten Aufforderung, Interpretin und Titel verpflichtend in Großbuchstaben zu schreiben, macht das (je nach Zählweise) dritte Studioalbum der Amerikanerin keinen Hehl daraus, unbedingt die noch größere, noch ambitioniertere, noch erschlagender auch noch auslaugendere Steigerung der beiden Vorgänger Let the Evil of His Own Lips Cover Him und All Bitches sein zu wollen.
Eine Tortur von einem Brocken mit fanatischer Sogwirkung, das im Koordinatensystem aus klassischer Gesangs- und Klavierausbildung, Neoclassical Darkwave, Noise-Versatzstücken und Death Industrial ein anmutiges schwarzes Loch von majestätischer Haltung öffnet; geprägt von Pharmakon, Jarboe, Scott Walker, Puce Mary, Chelsea Wolfe oder Anna von Hausswolff würgt und brütet sie über der Andacht sakraler Symboliken, kotzt diese mit Eleganz gequält aus dem sich selbst zerfressenden Hass aus; lässt die Dynamiken aus Laut und Leise, aus Brutalität, Selbstkasteiung und Fragilität mit einer ekstatischen Intensität aufeinanderprallen, bindet Gäste wie Sam McKinlay (THE RITA), Lee Buford (The Body), Ted Byrnes (Cackle Car, Wood & Metal), Dylan Walker (Full of Hell), Mike Berdan (Uniform) und Noraa Kaplan (Visibilities) ansatzlos in seinen verschlingenden Kosmos.

Wo LINGUA IGNOTA ihre Motive 2017 über das selbe, durchaus prätentiöse Wesen noch kompakter und auch mit weniger Längen destillierte – weswegen All Bitches auch das per se unterhaltsamere, einfacher zu besuchende Gesamtwerk darstellt – erweitert CALIGULA dessen Essenzen nun über die breitere Form und Palette an emotionaler (manchmal auch zu kunstvoll bemühter) Bandbreite, erhebenden Streichern und apokalyptischen Texturen vor allem um ein unverrückbares, definitives Element.
FAITHFUL SERVANT FRIEND OF CHRIST steigt da als Mantra aus dem Orchestergraben, wogend und hypnotisch, Hayter doppelt ihre Stimme und wird ihr eigener Chor, der für DO YOU DOUBT ME TRAITOR eine unangenehm stille Dramatik findet, über menschenleere Wege zum Schafott wandert, wie Nick Cave in einem Neo-Western. Irgendwann bleibt der Song zwar bedächtig, doch LINGUA IGNOTA fährt mit manischer Hysterie aus der Haut, attackiert die Katharsis wüst schreiend – bevor sich das Geschehen über den ambienten Industrial in den Beichtstuhl schleppt.
Das überragende BUTCHER OF THE WORLD klingt – um einen legendären Vergleich zu bemühen – ebenso wie die Nationalhymne einer verdammt bösen Nation, wie Boris & Sunn O))) es im Verbund taten, nur hirnwütiger: Ein Nervenzusammenbruch passiert vor einem sich erhebend-beschwörenden Hintergrund, der sich zuletzt alleine ans schummrig ausgeleuchtete Klavier setzt, ohne dort versöhnlich zu werden.

Was in MAY FAILURE BE YOUR NOOSE als fast schon romantisch klimpernde Liebeserklärung beginnt („Who will love you if I don’t?/ Who will fuck you if I won’t?“) wird also schnell von der Distortion gegen den Strich gebügelt und jubiliert niemals zum fast schon griffigen entrückte Pop („Everything burns down around me“), während DAY OF TEARS AND MOURNING die Aufmerksamkeit der Kathedrale CALIGULA erst auf die Orgel lenkt und diese dann in einen wuchtig scheppernden Blackened Doom-Entwurf von stampfendem Vaudeville-Stoizismus kippt.
Doch es stimmt spätestens durch FRAGRANT IS MY MANY FLOWERD CROWN schon: Hayter lässt auf CALIGULA mehr Melodien und Harmonien zu, schwelgt weitschweifend phrasierend in einer üppigen, exaltierten Melancholie. Und dennoch: IF THE POISON WONT TAKE YOU MY DOGS WILL könnte ein unkaschiert den Ballast von der Seele weinendes Trauerstück sein, doch entscheidet sich LINGUA IGNOTA (leider) im Zweifelsfall stets für eine auch überkandidelte Theatralik – die zurückhaltendere Balance wäre manchmal allerdings mehr gewesen.

Wenn es ein in sich gehendes Herzstück der Platte gibt, findet man in dem Klavierkleinod SORROW SORROW SORROW, aus dessen Position SPITE ALONE HOLDS ME ALOFT geduldig wächst, in seinem Glanz immer wieder Eiterbeulen aufplatzen lässt. Die angenehm kompakte Träumerei FUCKING DEATHDEALER weht über Klanginstallation – wirkt im Kontext eher wie ein Interlude – dessen Conclusio I AM THE BEAST als kammermusikalisches Klagelied für verwüstete Arenen darstellt, in denen der Hoffnungsschimmer nur eine vage Ahnung darstellt.
Bis sich ein scheußliches Feuerwerk in epochaler Anmut erhebt, der Himmel über der Platte in Flammen steht und damit das unendliche Möbiusband schließt und den Zyklus von Neuem beginnt. CALIGULA wird damit ein Album, „an outsider’s opera“ und ein Gesamtkunstwerk, dass die Erinnerung an seine Peiniger und sich selbst unablässig durch die Hölle schleift – sich dabei aber eigentlich gar nicht erst der Illusion hingibt, Erlösung finden zu können. „Let them hate me so long as they fear me

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