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LINGUA IGNOTA – Failed Forest // Golden Grid

Lingua Ignota ‎– Failed Forest Golden Grid

Man hatte mit Scott Walkers nachgereichten Gegenstück zu Jolene oder der in Aussicht gestellten Neueinspielung von LET THE EVIL OF HIS OWN LIPS COVER HIM spekuliert, geworden ist es letztendlich weder, noch – sondern mit Failed Forest // Golden Grid ein Blick so weit zurück, als Kristin Hayter eigentlich noch gar nicht LINGUA IGNOTA war.

Dazu gibt die 34 Jährige eine kleine Geschichtstunde die eigene Vergangenheit bestreffend: „FF//GG is pre-Lingua Ignota academic work written, performed, and recorded for Brown University’s Digital Language Arts program in 2016. The piece is about violence, control, repetition, and grief. Text, voice, and sound generate a conceptual feedback loop through algorithmic and predictive processes. Dozens of discrete samples aligned with fragments of text are manipulated and triggered via gestural control and max/msp. The text piece accompanies the composition.
Zu lesen waren diese Linernotes auf der entsprechenden Bandcamp-Unterseite von LINGUA IGNOTA – die so nicht mehr existiert. Immerhin war Failed Forest // Golden Grid eine auf 24 Stunden Verfügbarkeit limitierte digitale Veröffentlichung. Was nicht nur deswegen Sinn macht, weil die exakt elf Minuten der Nummer historisch aus dem Kontext fallen, sondern auch stilistisch eher einer nur in Ansätzen erkennbaren Spurensuche der Entwicklung und Identität von Hayter und ihrem Alias gleichkommen.

Failed Forest // Golden Grid beginnt als eine durch den digitalen dekonstruierenden Schnetzle geschickte Rezitation, ein vom Virus zerfressenes Stück Elektronik, Noise und Glitch, das sich irgendwann zum ambient fließenden Synthieteppich eines entrückten Scores wandelt, seltsam tröstend und (un)ruhig, immersiv – die Überblendungen passieren wellenförmig in Zeitlupe, abstrakt und strukturoffen.
Die Texturen färben sich in einem gespenstischen Abgrund schwarz, entwickeln einen hypnotischen Schleier, wenn sich Twin Peaks‚eske Loops beinahe melodisch skizzierend seltsam einnehmend dem heutigen LINGUA IGNOTA-Sound immer mehr annähern, eine verstörende Anmut faszinierend psychotisch an den sedativen Grundton heranführen, und sakrale Chöre sowie schwere Orgelklänge mit einer im Hintergrund brüllenden, keifenden Furie assimilieren, die sich letztendlich in pastoraler Anziehungskraft auflöst.
Das mag auf den ersten Blick wie eine noch etwas zu unausgegorene Wurzelsuche anmuten, entfaltet aber doch mit jedem Durchgang eine tiefergehende Sogwirkung, die keinen Zweifel daran lässt, dass  Hayter nicht in die Vergangenheit schweifen sollen müßte, um derartig poetische Zeitlupen-Fieberträume im uferlosen Spannungsmeer aus elektroakustischen Ethereal Wave und Dark Ambient zu beschwören.

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