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Low – Hey What

Low - Hey What

Double Negative war die vielleicht formvollendetste Neuerfindung der vergangenen Jahre und vermeintlich das definitive Meisterstück des Glitchpop in der um Lieblingswerke nicht verlegenen Diskografie von Low. Hey What zeigt nun aber: es geht in der selben Ästhetik nicht notwendiger besser, aber sogar noch radikaler, konsequenter, visionärer.

Ohne den immensen Überraschungseffekt, den das revitalisierende Double Negative (trotz solcher theoretisch wegbereitender Vorgänger wie Drums and Guns oder Ones and Sixes) verbuchen konnte, und der dem unerwartet kompromisslosen Paradigmenwechsel als zusätzlicher Katalysator diente, darf der Erstkontakt mit Hey What allerdings schon ernüchternder ausfallen: Aufgrund der stilistischen Nähe der beiden Werke scheint das dreizehnte Studioalbum in Relation zur 2018er-Meisterwerk nur Mehr vom weitestgehend Selben abzuliefern. Dazu lassen sich aus der Masse herausragende individuelle Highlights wie Always Trying to Work It Out nicht ausmachen.
Die Begeisterung kommt diesmal allerdings nicht als perplex machende Fassungslosigkeit, sondern als trojanisches Pferd.
Wo Double Negative nämlich das regelrecht schockierende Momentum auf seiner Seite hatte, findet Hey Now den Weg über die Hintertür einer relativen Vertrautheit und funktioniert die Erwartungshaltung dennoch nur zu einem gewissen Grad bedienend. Denn während es vor drei Jahren noch „It’s not the end/ It’s just the end of hope“ hieß, haben Low sich nun mit den postapokalyptischen Gegebenheiten abgefunden – und schöpfen diese selbstsicherer aus: „When you think you’ve seen everything/ You’ll find we’re living in days like these.

Subversiv entpuppt sich der Grower Hey What also keineswegs als Wiederholung des Erfolgsrezept, sondern vielmehr als weitere Evolutionsstufe der Low‘schen Entwicklungsphase in der Konstellation Alan Sparhawk und Mimi Parker unter der Ägide von Produzent B.J. Burton – dessen Einfluss man spätestens jetzt gar nicht hoch genug bemessen kann.
Trotz der ästhetischen Nähe zur Initialzündung Double Negative werden die Unterschiede zwischen den beiden Alben schließlich deutlich, wenn das große Ganze noch geschlossener in einem beinahe nahtlosen Fluß die zehn Songs einer Platte verbindet, die ihrerseits diesmal kompositionell, strukturell und vor allem inszenatorische den Schritt weiter geht, noch experimenteller und mutiger ausgefallen ist, das Spektrums exzessiver vermisst, indem instrumentaler Minimalismus mit beeindruckender Klangmanipulation ergiebiger aufgefächert wird: Bis auf ein Schlagzeug im finalen The Price You Pay (It Must Be Wearing Off) besteht Hey What tatsächlich ausnahmslos aus Gitarren und Stimmen (!), schöpft diese Reduktion abseits konventioneller Optionen allerdings so reichhaltig aus, dass es Staunen macht. Gemessen am exzessiven Sound der Platte ist es sogar nichts weniger als Next Level-Genialität, was das Trio aus dieser an sich asketischen Substanz herausholt.

Man spürt, dass da wirklich blindes Vertrauen zwischen der Band und Burton herrscht, dessen Manipulationen über Effekte, Pedale und Modulationen an die Grenzen der Verdaulichkeit gehen, diese aber niemals übertreten – als würde wahrhaftig wie prolongiert jede seiner bisherigen Arbeiten, von Bon Iver bis Charli XCX, mit einer das alchemistische Maximum aus dem Minimum herausprovozierenden Kreativität in Hey What kulminieren. Burton ist jedoch schlau genug, den Fokus weiterhin auf den Songs, wenngleich diesmal endgültig auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, fragmentarisch ausgebreitet und wie meditative Konzentrationen stoisch hypnotisierend, an sich zu belassen. Der Gesang, die Harmonien und die Melodien von Parker und Sparhawk sind in den Vordergrund gemischt, wirken so kräftig und warm aus den abstrakten Landschaften abgehoben und dennoch nahtlos eingefügt. Sie kontrastieren als prägnant in den Arm nehmende Schönheiten, absolut einprägsam und nicht mehr aus dem Kopf wollend, schaffen eine wohlige Geborgenheit in der avantgardistischen Melancholie.
So definiert sich erhebender, auf repetitiven Mustern und Loops gebauter elektroakustischer Ambient Pop, der dann – diese Erkenntnis wächst mit jedem Durchgang – auch nur deswegen keine expliziten Ausnahmesongs aus der Masse hebt, weil hier jeder Part eine Wohltat, mehr aber noch Teil eines übergeordneten Ganzen ist.

White Horses zerstört eingangs die Kopfhörer wie schon Quorum, hier mit einem ohrenbetäubend verzerrten Schwurbeln, das als knisternd-kratzendes Stakkato ohne Haut auf den Sehnen von einem wundervoll weichen Gesang umarmt wird. Streng, systematisch und immer dichter verwoben steigert sich der Opener, wird größer und voluminöser, bis alle Brachialität wegbricht, und die hakende Distortion als tickende, scharfkantige Zeitbombe immer hektischer wird. Der Loop dreht sich wie ein Möbiusband samt ausgehobelten Magen, leitet direkt in I Can Wait, das wie ein leichter Nachhall flotter und flinker agiert. Die Texturen dräuen heavy und finster, finden aber am Ende ein klares Licht am Ende des Stroboskop-Tunnels.
All Night wälzt sich in diffuser Eleganz, ist ein Wellengang mit phasenverschobenen WahWah-Pendel, Dream Pop wie aus der Lavalampe in Zeitlupe, delirant mit „lalala“ jubilierend. Ein minimalistischer Beat martialisiert sich wie aus dem zärtlichsten Industrial kommend in der bittersüßen Anmut. Die Gitarre mutiert zu einem Riff und flirtet mit dem Feedback, man entschiedet sich aber doch für ätherische Trance. Der subkutan pulsierende Slo-Mo-Balsam Disappearing wäre ohne den Gesang danach sogar wohl Drone Metal – so aber zeigt sich der ruhige Wellengang einer sphärischen, so unendlich einfühlsamen Fantasie, samt erstmaligen Cut im Verlauf der Platte.

Auch der behutsam marschierende Herzschlag von Hey könnte aus dem Repertoire von Sunn O))) oder Boris stammen, würden die Vocals von Low nicht einen solch fragilen Zauber erzeugen, der bis zum astralen Ambient wandert und dort als schwereloser, strukturfreier und formoffener Score mit geschlossenen Augen und engelsgleicher Grandezza badet. Danach ist Days Like These nur scheinbar beinahe greifbarer, kompakter, in pastoral-andächtigen Schüben streichelnder Ohwurm, weil die Band nach knapp der Hälfte der Spielzeit doch wieder in ein Meer abtaucht, das bis zum instrumentalen Flimmern des (außerhalb des Kontext symptomatisch doch redundanten) Instrumentals There’s a Comma After Still andauert. Es ist schon auch beachtlich, wie rhythmische Motive auf subversive erzeugt werden und die Dynamik auf dezente Weise zwischen den Zeilen eng halten, eigentlich kaschieren, dass praktisch jeder Song hier nach sehr ähnlichen Mustern konzipiert ist, wie auch das traurige Slowcore-Oszilieren Don’t Walk Away gleichzeitig so eingängig und doch so entrückt-flüchtig unterstreicht.
Die monströse Gitarrenmechanik von More ist demgegenüber geradezu beängstigend massiv, verleibt sich zudem einen stampfenden Beat ein, auch wenn Parker märchenhaft schwerelos über der sturen Härte schwebt, bevor The Price You Pay (It Must Be Wearing Off) den Bogen zurückspannt, gefühlt nach White Horses und I Can Wait einsetzt, aber mit den spät einfallenden Drums samt rauschhaftem Sog auch wie ein erlösender Befreiungsakt wirken. Wie der Aufbruch aus einem Zustand eindringlicher Beklemmung und reinigender Epiphanie; aus einer Platte, die knapp 45 Minuten davor mit den Worten „The consequences of leaving/ Would be more cruel than if I should stay“ eröffnete und keine Antwort darauf liefert, ob sie (alleine schon gemessen an der Besetzung, die diesmal abseits des kongenialen Burton eben nur aus der Konstante Parker und Sparhawk besteht, eigentlich als schlüssiges Conclusio) das finale Kapitel von Low beschreibt. Es wäre jedenfalls ein (weiterer) triumphaler Akt.

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