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Mastodon – Hushed and Grim

Mastodon - Hushed and Grim

Mastodon verarbeiten den Tod ihres Managers Nick John auf Hushed and Grim mit einem anvisierten Opus Magnum, das sogar Crack the Sky in Sachen Volume und Monumentalität überragen soll, nein, muß!

In gewisser Weise schließt das Quartett auf seinem achten Studiolbum eine Phase, die mit (dem im direkten Vergleich deutlich schlankeren und sportlichere, seine Highlights individueller heraushebenden) Emperor of the Sand (2017) als Rückkehr zur konzeptionellen Hochphase mit einem (phasenweise auch erzwungenen) Monolithen, das genauso gut das Alterswerk der Band einläuten oder sogar epischer Epitaph einer Karriere sein könnte (nicht nur, weil Scott Kelly hier erstmal seit dem Debüt nicht auf der Gästeliste steht und sich so ein Kreis schließen würde) – würde der Schlusspunkt Gigantium auf seinen letzten Gänsehaut-Metern nicht derart dezidiert hungrig nach vorne blickend seine erhebende, ja regelrecht erlösende Majestät über das Ende von Hushed and Grim hinausstrahlen lassen und kaum einen Zweifel daran lassen, dass Mastodon den Weg bis zu dieser trauerbewältigenden Epiphanie über zwanzig Jahre nach ihrer Gründung als Katalysator verstehen werden.
Ein Weg, der über knapp eineinhalb Stunden Spielzeit übrigens gerade auf den Erstkontakt erschlägt und plättet, zu gleichförmig, träge und massig wirken kann. Warum man dran bleibt, hat dann sicher auch mit dem überragenden Finale nach dem bereits so hymnisch ergreifenden Eyes of Serpents zu tun, die mit jedem Durchgang entlang des Versprechens verabschiedet, dass sich all der plackende Aufwand doch gelohnt hat, immer mehr lohnen wird. Schon davor hält aber praktisch jeder Song unmittelbar mit dem Aufblitzen mindestens eines genialen Einfalls an der Stange – um den sich das Drumherum dann mit der nötigen Zeit auch langsam zu entfalten beginnt.

Zehn Jahre nach The Hunter (2011) und sieben nach dem rückblickend sehr schlecht gealterten Häppchen-Sammelsurium Once More ‚Round the Sun muss man sich Mastodon also endgültig wieder erarbeiten, genau genommen gar erstmals in dieser Größenordnung.
Zwar wird auch mit genügend Investition nicht jede Minute der Platte restlos essentiell erscheinen – dass Mastodon unbedingt einen überlebensgroßen Koloss erschaffen wollten, zeigt sich etwa, wenn das Dave Witte-Feature Dagger mit okkult-schamanistischer, fernöstlicher Psychedelik eine atmosphärisch interessante zusätzliche Facette für Hushed and Grim anbietet, aber kompositorisch nie wirklich zum Punkt findend als grundlegend guter Song hinsichtlich der Stringenz zumindest ein ambivalenter Beitrag zum Spannungsbogen ist, während vor allem das fast neunminütige Gobblers of Dregs trotz seines dualistischen Twistes vor allem mäandert: einmal in seiner schwerfälligen ersten Hälfte, um einen ebenfalls behäbigen, aber packenden Refrain, und dann in seiner zweiten entlang der plötzlich knackig-zappelnden Leichtigkeit, der dafür aber die brillant krönende Idee und damit das Ziel fehlt.
Hushed and Grim wäre mit einigen Straffungen also sicher das noch bessere Album geworden, ohne zudem seine große Präsenz oder übergeordnete impossante Geste zu beschneiden. Auch so erscheint es irgendwann jedoch beinahe absurd, dass man sich so in diese (gerade eingangs zelebrierten) Stafette aus Ohrwürmern tatsächlich hieinkämpfen musste.

Zu entwaffnend ist die fauchende, hymnisch gestikulierende Melodie samt verträumter Einkehr in The Crux eigentlich; zu beschwörend die malerische Dramatik im ätherisch frickelnden, suchenden Sickle and Peace, wo More Than I Could Chew mit seinem herrlich dichten Riffing zwischen Leviathan und Blood Mountain so melodisch bis in den Classic Rock fließt, dass man es so schon erst einmal mit einer gewissen Gefälligkeit verwechseln kann.
Pain With an Anchor ist etwa insofern ein idealer Opener, weil er mit seinen Vorzügen gar nicht erst hinter dem Berg hält, sondern die Stärken der Band sowie den Charakter der Platte auf ein Podest hebt, von der schwelgenden Strophe den Turbo in den Chorus schaltet, und bevor er mit bretternder Heaviness den Abgang macht auch noch etabliert, dass der dualistische, meist brüderlich geteilte Wechselgesang von Brann Dailor und Troy Sanders harmonischer und synergetischer denn je praktiziert wird (was live zwar die Wahrscheinlichkeit markant erhöht, dass die Band daran scheitern wird – im Studio aber ergänzen sich die Stimmfarben ganz wunderbar).
Schade insofern, dass Brent Hinds nur noch selten in Erscheinung tritt, dann aber für absolute Highlights sorgt: Etwa gleich im wie Circle of Cysquatch beginnenden, dann aber zum zurückgelegten Blues und Americana von West End Motel croonenden The Beast, das die stilistisch variable B-Seite der ersten Platte einleitet.

Dort gibt sich Skeleton of Splendor mit expliziter John-Widmung schließlich besonders melancholisch, ruhig und sehnsüchtig, wohingegen das nur augenscheinlich behäbig und simpel auftretende Teardrinker mit seiner 80er-Synth-Patina spätestens beim aufopferungsvollen Chorus besticht.
Auch das Doppel aus Pushing the Tides und (dem bockstarken) Peace and Tranquility nähert sich aus zwei Perspektiven triumphalen Refrains an – mal knackig, zügig und beinahe punkig samt Stargasm-Referenz, mal vertrackter und verquerer, passenderweise auch mit der zweiten der beiden Hinds-Beteiligungen am Mikro als Klammer.
Es ist dann auch die Spannweite aus bekannten Hoheitsgebieten (wie dem besonders dringlich startenden, seinen Zug nach vorne irgendwann vertändelnden Savage Lands) und neuen Perspektiven (so versöhnlich und sanft wie im Kim Thayil-Gastspiel Had it All, einer balladesken Anmut, hat man Mastodon noch nicht gehört) die im tollen Dave Bottrill-Soundgewand für eine Tiefe und Vielschichtigkeit – und irgendwann auch nahtlose Unterhaltung – sorgt; die man Mastodon selbst nach dem schon wieder so tollen Emperor of Sand so außerdem nicht notwendigerweise zutrauen hätte müssen. Denn wo der Vorgänger in seinen besten Einzelszenen beinahe wieder dorthin reichte, wo die ersten vier Studioalben der Band thronen, tut Hush and Grim dies in seiner summierten Masse sogar noch ein klein wenig eindrucksvoller.

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