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Messer – Ein Film war zuende, nur ein Film

Die Gruppe Messer interpretiert Auszüge aus Romy Schneiders Tagebüchern. Was nur zu schnell als verkopfte Kunst-Prätention hätte enden können, funktionierte im Sommer 2014 als Hörspiel der inneren Unruhe allerdings so intensiv wie aufwühlend. ‚Ein Film war zuende, nur ein Film‚ entfaltet ein abgründiges Biopic vor dem inneren Auge.

Für all jene, die am 13. Juni nicht im Kulturgut Haus Notteck anwesend sein konnten vielleicht noch wichtiger: selbst auf Tonträger holt die Darbietung der Münsteraner Band (spätestens jetzt endgültig klar: diese Klassifizierung greift mit notgedrungenen Scheuklappen längst zu kurz) mühelos ab und zieht mit atemloser Sogwirkung in ihren Bann. 300 Tapes wurden hiervon übrigens liebevoll produziert, 30 davon samt schicker Holzbox – Downloadcode inklusive.
Fragmentarisch hangeln sich Messer von 1951 bis ungefähr Mitte 1981 durch die Tagebucheinträge der Wienerin. Das beginnt als temperamentvolle Rezitation in den Jugendjahre der Schauspielerin, die sich an der öffentlichen Wahrnehmung als Sissi schneidet: wo die Abneigung unter der Haut brennt, grummelt im Hintergrund ein kalter Drone, der sich nach und nach an einer aufkeimenden Rhythmik labt, sich zusammenzieht und ausdehnt, den Stationen in Schneiders Leben anhand Otrembas fiebriger Darbietung folgt. Die Verabscheuung der Kennenlernphase mit Alain Delon trägt der Sänger mit angeekeltem Spott vor, schlüpft immer haltloser mit regelrecht schizoider Intensität in die Haut der Schneider, schimpft, klagt, schreit, zürnt und spricht mit unterdrückter, leidender Aggressivität zwischen hetzender Tollwut und klarer Sachlichkeit.

Beschwörend baut die Gruppe drumherum Spannungen auf, rund um die in immer neuen Schüben kommenden emotionalen Eskalationen im Leben der Schneider, treibt psychedelische Groove-Wellen durch das Geschehen oder installiert klaustrophobische Ambientwände, klebt schmutzige Noisetapeten rund um das Geschehen. Messer schaffen eine beklemmende Atmosphäre und porträtieren das Leben der Ausnahmeerscheinung als leidenschaftliche Tour de Force, von innen wie außen. Das Feuer der impulsiven Performance überträgt sich nahtlos, ohne prätentiösen Überbau entwickelt der malträtierende Lauf mit seiner Rastlosigkeit eine fingernagelkauende Dynamik, die ansteckend wirkt: während die zum Quintett gewachsenen Kombo ihre langjährige Verehrung für Romy Schneider auf die Spitze treibt, infiziert sie gleichermaßen den Hörer mit der unbändigen Faszination für das bewegende Leben der Schauspielerin.
Nach knapp 50 Minuten hat sich das fesselnde Hörspiel so längst in einen schonungslosen Rausch aus Kunstperformance und flimmernd-drückendem Postpunk hineingesteigert – der mit dem Tod von Schneiders Sohn David seinen dramatischen Höhepunkt findet und in einer energischen (sich zuvor immer wieder anhand eingestreuter Melodiefetzen ankündgt habenden) Impro-Liveversion von ‚Romy‚ explodiert. „Ich liebe es, bis an die Grenzen des Möglichen zu gehen. Man muss viele Leidenschaften haben in seinem Leben“ schreibt Schneider irgendwann, ohne Erschöpfung. Sie spricht der Gruppe Messer aus der Seele.

Tape im Webshop der Sammlung Werner Jägers |

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