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Mizmor & Thou – Myopia

Mizmor & Thou - Myopia

Die Zusammenarbeit zwischen Mizmor und Thou für ein Zola Jesus -Cover (mit der gemeinsamen Bekannten Emma Ruth Rundle) war also nicht erst der Beginn: A.L.N. und die Band aus New Orleans haben mit Myopia im vergangenen Jahr bereits heimlich still und leise ein Kooperations-Album gemeinsam aufgenommen.

Zwei Jahre nach der legendären Misfits-Sause beehrten Thou das Roadburn 2022 nicht nur überraschenderweise  für  ein unangekündigtes Set am ersten Tag des Festivals. Nein, die NOLA-Gang spielte an jedem Tag ein Überraschungsset. Neben dem abschließenden Black Sabbath-Coverabend und der & Friends-Session war da auch noch eine gemeinsame Show mit A.L.N. alias Mizmor (alias Hell) – für die dann auch gleich ein gemeinsames Album der zwei Kombs am Merchtisch bereit lag: Plötzlich war da das aus dem Nichts kommende Myopia: ein 74 minütiger Koloss, der nicht nur die doomige Schnittmenge von Mizmor und Thou in den jeweiligen Hohheitsgebieten destilliert – also sich damit begnügen würde, Mizmor weiter in den Sludge zu ziehen oder Thou als Black Metal zu inszenieren -, sondern so organisch als Einheit verwachsen beinahe das gesamte Spektrum der beiden Gruppierungen abzudecken, vertiefenden zu erforschen und die beiden Welten mit neuen Schattierungen zu assimilieren.
Weswegen letztendlich auch die Frage im Raum stehen wird, warum diese nunmehr so sehr auf der Hand liegende Zusammenarbeit – trotz überschneidender Bekanntschaften in den jeweiligen Diskografien (Stichwort: Emma Ruth Rundle, da wie dort) und einer auf beiden Seiten dokumentiertermaßen mehr als nur ausgeprägten Kooperationsbereitschaft – erst jetzt passierte.

Myopia nimmt sich derweil keine Vorlaufzeit, sondern startet beinahe in medias res: Prefect beginnt als heulender Black Metal mit tackerndem Blast Beat im moderaten Tempobereich, als keifender Mahlstrom, der seine dramatischen Gitarren wie Tremolo-Sturzbäche auf ein unendlich dichtes Wandmassiv prallen lässt. Ausgerechnet der Einstieg von A.L.N. am Mikro bewegt den Song in eine doomige Richtung, in der die Zeit angehalten wird, obwohl das symptomatisch so melodisch agierende Riff mit tektonischer Geduld immer weiter zum Stillstand gerollt wird. Dort erwacht Subordinate noch deutlicher in einer solch erhebenden klassischen Grandezza, wie es aktuell sonst nur zeitlosen Bands wie Pallbearer vorbehalten ist. Malmend umgarnt das hässliche, aber sich ideal ergänzende Gebrüll von Funck und A.L.N. die tonnenschwere Kaskade, gestikuliert hinten raus erst episch aufgehend und dann verträumt sinnierend.
Drover of Man wirkt danach in sich gekehrter, geradezu verzweifelt an der Sehnsucht brütend, wirft seine flehende Geste mit kontemplativer Geschwindigkeit in die Katatonie, während ständig kleine heulende Details der Gitarren im ebenso imaginativen wie plättenden Klangbild auftauchen, die Komposition alle Zeit der Welt bekommt, um sich melancholisch dem sludgigen Slo-Mo-Grunge zu widmen, bevor The Host so erfüllend niedergeschlagener in ein Meer der bedrückten Depression growlt, Thou mit dem Mann aus Portland eine Ballade in vielseitiger Pein bewandern, die Schönheit von nihilistischer Elegie und einnehmender Wehmut emporheben: Man kann sich förmlich verlieren in der tragischen Anmutdie Thoumor zelebrieren.

Mehr noch: in seiner ersten Hälfte kratzt Myopia sogar an der Perfektion. Die Chemie stimmt zu jeder Sekunde, man treibt sich zu einer ganzheitlichen Höchstleistung.  Das Sequencing der Platte ist zudem einfach herausragend, der so natürliche Spielfluß und die fesselnde Dynamik interagieren wie aus einem Guß. Die Atmosphäre entfaltet sich absolut packend und jedes Element sitzt an seinem Platz, wobei auch die Produktion und der Mix enorm viel Gewicht bündeln, ohne den Raum, die Transparenz oder die Perspektiven zuzustellen.
Dass die zweite Hälfte hier nicht restlos mithalten kann, ist dann sicherlich vor allem Jammern auf hohem Niveau – aber eben doch der merkliche Schönheitsfehler über die elaborierte (niemals langweilende, aber doch zu lange) Gesamtspielzeit, die im Verlauf weniger neues an den Tisch bringt, als bereits etablierte Tugenden mit kompromissloser Konsequenz auszuwalzen. Tatsächlich fällt zwar nur Manifold Lens (dessen monumental schleppende Epik als kompetenter Standard stoisch-mäandernd im Drone Metal ausblutet) ab, doch fordert es seinen Tribut, dass drei der vier Songs in Hälfte zwei über zehn Minuten laufen, ihre Stärken dabei aber nur bedingt auf den Punkt bringen.
Der Titelsong dreht seine Schrauben gemein als monolithischer Stampfer im Behemoth-Ausmaß eng, kreist wie eine Planierraupe um eine catchy Hook und kippt das Szenario dann über ein kurzes Intermezzo in die Stakkato-Presse, deren Hummelflug einfach besser zur Geltung gekommen wäre, wenn die Platte bis zu ihrer finalen Phase etwas mehr Luft zum atmen – oder ein paar wirklich unerwartete Wendungen jenseits der Komfortzonen – spendiert bekommen hätte. Der grummelnde Moloch The Root steigt so vielleicht herrlich böse in den Abgrund der  Qual, doch erst das erlösende abschließende Gitarrenmotiv, das aus der Finsternis thronend auftaucht, löst in seiner majestätischen Grandezza Gänsehaut aus, obwohl – aber nicht weil! – der Weg dorthin auch ein Kampf ist, der nicht zu jedem Augenblick essentiell aufgewogen wird.

Das grandiose The Indignance nutzt seine Reichweite da schon effektiver, beginnt als Ambient mit latentem Bohren-, Dialetheia und Goth-Chick, und der naheliegende Blick in den Dark Folk wäre wie gemacht für KC Stafford – die hat Myopia aber ausgelassen. Nachdenklich und ruhig entfaltet sich deswegen die schwermütige Heaviness des dystopischen Dooms, bekümmert und schicksalsschwer. Und ja, genau genommen ist The Indignance dabei „nur“ ein grandioser Standard, der vor allem durch die Farben der beiden Stimmen – giftig und bestialisch – seinen Reiz gewinnt, aber eine überwältigende Linie bekommt, wenn der knüppelnde Gallop der (im gesamten Verlauf sparsam eingesetzten, aber für Sternstunden sorgenden) BM-Drums sich von heroischen Gitarren begleiten lässt. Und wieder ist da dazu diese Sorgfalt in der Ausstattung beeindruckend: Alleine das manische Flirren im Hintergrund, das wie irre Streicher-Crescendos klingt, wie ein kaum wahrnehmbares Jucken unter der Haut, ist Beweis dafür, dass die Platte trotz ihrer frontalen Auftrittsfläche auch nach zahlreichen Durchgängen noch Feinheiten zum Entdecken bereit hält – von dem heulenden Outlaw-Solo-Abgang über der nackenbrechenden MO-Deklination ganz zu schweigen.
Myopia auch deswegen eine Art forcierte Kurzsichtigkeit vorzuwerfen, würde der Wahrnehmung des Werkes einen unverdient negativen Beigeschmack verleihen. Und doch scheint die Titelwahl des Albums angesichts der Unschärfe jener Ideen, die in der genialen Distanz liegen, in gewisser Hinsicht doch auch im übertragenen Sinn schlüssig zu sein: Der Verbund aus Thou und Mizmor erzeugt durch seine Masse eine immense Gravitation, frisst mit Haut und Haaren, bekommt aber die überlebensgroßen Szenen oft nicht mit restlos überwältigender Begeisterung in den Fokus seines zu langen Atems. Aber eben: Das können nur deswegen Probleme für die beteiligten Musiker sein, weil sie mal wieder an der Makellosigkeit kratzen.

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