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Moby – Reprise

Moby - Reprise

Moby ist an jenem Punkt in seiner Karriere angekommen, in dem er sich mit einem Orchester im Rücken durch ein Greatest Hits-Potpourri hangelt. Das funktioniert mit Reprise besser als erwartet, fügt sich jedoch auch nahtlos in die durchwachsene Diskografie des Richard Melville Hall ein.

Wer nach einem Gradmesser der Inspirationgehalt des offiziell neunzehnten Studioalbum des 55 jährigen sucht, muß wohl nur einen Blick auf den einzigen neuen Song der Platte werfen – ein aus dem Nichts kommendes, wenig kreativ aufbereitetes, aber stimmungsvoll in den Kontext passendes Cover von Heroes, das sich als sanfte Klavierballade ausgelegt irgendwann nicht mehr der subversiv beginnenden, so archetypisch vom Budapest Art Orchestra konstruierten Dramatik entziehen will: Leider kranken viele der Reprise-Versionen daran, dass ein großes Finale unabdingbar zu sein scheint, die Höhepunkte der Spannungsbögen mit konventionellen Steigerungen erreicht werden sollend gerne auf den Bombast zurückgreifen und die Balance zum Kitsch verlieren. Selbst dann kann man der Werkschau ihre hingebungsvolle Handlungsweise jedoch kaum absprechen.

Reprise vor allem ein ambivalentes Schaulaufen geworden, das in den zurückgenommenen Phasen am stärksten überzeugt, etwa im Acoustic-Beginn von Everloving, sich mit vorhersehbaren strukturierten Arrangement-Wegen aber auch dann im Weg steht. Nachzuhören etwa in God Moving Over the Face of the Waters, das nun wie imaginativer Ambient-Score, breiter und erhebender, funktioniert, irgendwann jedoch zur rein ästhetischen Patina neigt. Nicht erst in der abschließenden, so enervierend auslaugenden Nabelschau The Last Day, übersättigt schließlich das immer gleich gefärbte, so viel Gleichförmigkeit verbreitende Auftreten des Streichquartetts, das vor allem die aufgeblähten finalen 20 Minuten der Platte erdrücken.
Auch muß man das oft gewählte Zusammenspiel aus einer betont lockeren Lounge-Percussion und der bedeutungsschweren Inszenierung der Ungarischen Unterstützer nicht unbedingt goutieren (vgl. den Kontrast aus treibender Rhythmik und der sphärischen Twin Peaks-Verneigung in Go oder der funky Elegie Why Does My Heart Feel So Bad?) – selten funktioniert diese Kombination nämlich so stimmig wie im schönen (aber hinten raus freilich auch den unbedingt ergreifen wollenden Vorschlaghammer herausholenden) We Are All Made of Stars.
Ohne den Eindruck zu erwecken, es bei Reprise mit einem bar jeglicher Kreativität aufbereiteten, penetrant konstruierten Ausschlachten der Moby-Hits zu tun zu haben, kann schlichtweg keine der neuen Aufarbeitungen den Originalen auf Augenhöhe begegnen, stets findet sich (trotz all der namhaften Gäste) ein Haar in der Suppe.

Das beschwingte Mehr an Soul im betont ausgelassenen Natural Blues (mit Gregory Porter) wirkt etwa bemüht, in Porcelain bekommt ein vorsichtiger Jim James keinen Zugriff auf die Nummer. Extreme Ways nimmt sich erst weit in Acoustic-Gefilde zurück und zeigt, dass die Idee dieser Platte auf einem Bryan Ferry-Konzert geboren wurde, bevor die Nummer im orchestralen Pflichtbewustsein ertrinkt, Lift Me Up setzt noch gravierender auf die Amplitude aus Mobys Anti-Gesang und einem beinahe absurd überkandidelt phrasierenden Chor. In The Lonely Night kommen Mark Lanegan und ein müde grummelnder Kris Kristofferson für ein potentielle Traum-Duett an Bord, doch wenn der unaufgeregte Beat beginnt, die weiblichen Backingvocals hauchen und die Streicher fabulieren, tendiert das Ergebnis zweier kaputter Intonationen zum aufgeblasenen Blendwerk. Noch auslaugender ist der Weg, den The Great Escape von seinen folkigen Ursprüngen in den schmalzigen Wohlklang von Almost Home unternimmt. 71 Minuten sind in dieser Gangart aber auch einfach zu lang, eine straffer akzentuierte und zwingender selektierte Form hätte die durchaus vorhandenen Vorzüge von Reprise nicht derart verwässert.

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