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Moral Collapse – Moral Collapse

Moral Collapse - Moral Collapse

Als kompakt und effektiv zulangender Oldschool Tech Death Metal mit avantgardistischen Tendenzen ist Moral Collapse ein Spagat zwischen der unverbrauchten Ambition eines Debütalbums und dem präzisen Expertenkönnen langjähriger Erfahrung kompakt zulangender Effektivität.

Abandoned Rooms of Misspelled Agony türmt der Dissonanz enteilend die fetten Riffkaskaden, eine zwingender und stürmischer als die vorherige, zur bösen Hochgeschwindigkeitsbahn mit abartig abhebenden Soli; der Groove betoniert mit finsterer Miene, ein immer wieder prominent emporgehobener Bass pluckert proggig auf, als wäre er im Jazzkeller mit zentnerschweren Stacheldraht bespannt worden, und die Drums tackern die manischen Saiteninstrumente scheuchend; plötzlich schleichen sich über die Hintertür ambiente Alptraumpassagen mit deliranten Saxofonschüben in psychedelischere Szenarien, die ihre Zügel so unvermittelt vom engsten Raum zur atmosphärisch weitschweifenden Extase mit fiebrigen fernöstliche Texturen kicken, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.
Kurzum: Schon im – nach dem die Stimmung einrichtenden Intro Anechoic (Initiation) – Opener von Moral Collapse passiert so verdammt viel; so technisch virtuos, so zwingend entlang eines relativ straighten Songwritings gespielt, dass einem schon ein bisschen die Kinnlade runterklappen und zu einem feinsten Grinsen wieder hochfahren kann. Ein bisschen so, als wäre das die übersetzende Fusion von Hirnfick-Synapsentänzen wie Ad Nauseam durch das Ventil deutlich griffiger Instant-Unterhalter des Genres wie Vengeful Spectre gejagt, referentiell von Oldschool-Fetischisten wie Tomb Mold abgenickt.

Dass Moral Collapse jedenfalls keine zwei Minuten Spielzeit brauchen, um auf Betriebstemperatur zu begeistern, ist auch deswegen imposant, weil die Erwartungshaltungen, so paradox das für ein Debütalbum auch sein mag, schon vorab groß sein konnten, nein irgendwo zwangsläufig sein mussten – dafür genügt ein Blick auf die Liste der Beteiligten an dem Erstlingswerk der Band aus Bengaluru, Indien.
Subcontinental Records-Boss respektive Mastermind Arun Natarajan (Guitar, Bass, Vocals, Concept birth & Lyrics) und Gitarrist Sudarshan Mankad vervollständigen die Trio-Besetzung mit Session Drummer Hannes Grossmann (Necrophagist), während sich auf der Gästeliste im Verlauf Tony Das (Bhoomi), Kevin Hufnagel (Gorguts), Michael Woess (Agathodaimon) und Bobby Koelble (Death) die Klinke für bisweilen atemberaubend geile Leadgitarren-Exkursionen in die Hand geben. Dazu kommen noch Sandesh Nagaraj (Extinct Reflections) für Samples & Ambiance und Experimental Saxofonist Julius Gabriel. Die Fallhöhe ist aufgrund der Reputation der Beteiligten also groß, doch holen Moral Collapse aus dieser Konstellation an Kollaborateuren  verdammt viel heraus, phasenweise gar nahe am Maximum abreitend.

Das sein Tempo immer wieder neu justierende Your Stillborn be Praised besticht mit einer herausragend brillanten OSDM-Saitenarbeit, der Song wirkt wie ein in sich ruhendes, beschwörendes Testimonial um eine supercatchy Hook und scheint sich doch auch immer wieder aufs neue in den roten Bereich zu pushen. In Suspension of Belief setzt die fast funky befeuerte insektenartige Rhythmussektion ihre irre federnden Manie auf dramatische Schüben, die Tabla’esk dumpf in den rootsy Folklore schielenden Percussion wurzelt die unorthodoxen Ausbrüche mit fast orchestralen anmutenden Auswüchsen: Ein instrumentaler Höllenritt, der sich vielleicht im Zweifelsfall für das Schaulaufen einer gefühlten Tech-Demo anstelle tiefgründiger Emotionen entscheidet, dabei aber eben so verdammt kurzweilig seine infektiösen Widerhaken auswirft, dass keine Diskussion aufkommt: Wieviel Bock kann so ein Husarenritt eigentlich bitte machen?
Sculpting the Womb of Misery schleudert seine Riffs mit galoppierender Thrash-Vorliebe, schiebt eine beschwörende Melodie in die Auslage, zeigt slappende Bassattacken und lässt überhaupt jedes Instruments mal auf das Podes, bevor auch der so dicht stehende, extrem druckvolle Aggressor To the Blind, all Things Sudden niemals seine nach vorne drängende Attitüde aufgibt – die schrullig-adrenalinpumpende Performance reißt selbst einen relativen Standard mühelos mit.

Dass das Erstlingswerk des kollektiv arbeitenden Trios Optimierungspotential zulässt, wird vor allem in der zweiten, etwas unausgegorener verwobenen Hälfte der Platte deutlich, wenn mit Vermicularis und dem enervierend längeren Closer (und in dieser Funktion etwas enttäuschend unspektakulär veraschiedenden) Trapped without recourse (Rumination) diffuse Ambient-Noir-Alpträume aus dem Suspence-Score-Sektor den Raum (nicht) füllen, quietschende Bläsern und kaputte Elektronik knapp außerhalb der beklemmenden Intensität die Schnittmenge aus Mother!-Trailer und Mike Patton-Exzessskizzieren, aber abseits der Stimmungsrabeit genau genommen wenig handfestes liefern. Zumal ein Denier of Light dazwischen keine neuen Perspektiven öffnet, sondern aufzeigt, dass die Band bestechend auftrumpft, wenn sie ihre grundlegend kompakte Gangart immer wieder mit abgedrehten Extremen und Avantgarde-Tendenzen liebäugeln lässt, es aber auch eine Achillesferse sein kann, wenn diese Facette komplett außen vorgelassen wird oder der All-In-Move in dieser Ambitionen fehlt. Dann ist das subjektiv der letzte Meter, der zum wirklich genialen Momentum noch fehlt, der mit einem wahnsinnigeren Fokus oder dem Willen, sich gelegentlich vollkommen in die zügellose Kakophonie gehen zu lassen, Moral Collapse mit einer radikaleren Streuung aus dem Stand heraus weiter auf Augenhöhe mit Ikonen und Koryphäen der Szene gebracht hätte.
Dass das personale Konglomerat um Natarajan dorthin unterwegs ist, daran besteht hiernach wiewohl kein Zweifel, zumal etwaige Zukunftsversprechen des Bandkopfes („I think there will be a lotta weird shit going on next time, a more psychedelic noisy provoking blackened death metal experience with some more unusual avantgarde spice thrown in„) keinerlei heiße Luft evozieren dürften.

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