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My Dying Bride – Macabre Cabaret

Die britischen Doom-Melancholiker My Dying Bride legen dem gelungenen The Ghost of Orion in Form der EP Macabre Cabaret mit nur wenigen Monaten Abstand einen das Niveau weitestgehend halten könnenden Appendix nach, bleiben aber hinter ihren Möglichkeiten.

Macabre Cabaret taucht tief in den Schatten der dunklen Liebe und der Folgen unkontrollierter Sexualität. Die tiefe Leidenschaft des physischen Begehren und der alles-erobernde Rausch aus purer Liebe ist hier auf trostlose Art und Weise niedergeschrieben. Ein destruktiver Kern der Seele, welcher sich nicht zu helfen weiß, außer seinen hässlichen Kopf zu heben.“ gibt Aaron Stainthorpe zum eröffnenden Titelsong bedeutungsschwer zu Protokoll, erdet den Status Quo aber mit einem wertkonservativen Einstieg.
Ein pastoraler Orgel-Teppich und mulmiger Bass zitieren einen meditativen Zeitlupen-Groove mit in Trance rezitierender Gestik schleppend herbei, der pastorale Klargesang bekommt zähnefletschende Schattierungen eingestreut. Das läuft so überraschungsarm wie klassisch dahin – doch plötzlich dreht die Band den Saft ab und revidiert in eine willkürlich eingestreute Ambient Passage. Diese taucht zwar wunderbar elegisch in den Sound eines industriellen Traumes ab, und erwacht als der eingangs installierte, solide und goth-indizierten Standards neu – bis der neuerliche Umbruch in eine Klavier-Passage mit ätherischen Synth-Chor schwillt und letztendlich wieder sakrale Riffs auftauchen.
So versiert und gekonnt hier jedes Segment für sich auch abliefern mag, bleibt doch die Frage, wie verdammt faul, sporadisch, unausgegoren und inhomogen man einzelne Passagen zu einem solch holprigen Stückwerk aneinander kleistern kann. Absolut frustrierend und verschenkte Qualitätsarbeit, die tolle Substanz hätte die bewährte Trademark-Größe eigentlich erreichen müssen.

Insofern setzt A Secret Kiss sein Potential deutlich befriedigender um, wenn My Dying Bride epischer heulend in die Heaviness schunkeln, brutaler fauchend gar sanft zum Death schielen, die Drums auch vor das wenig originelle, nichtsdestotrotz sehr effektive Riff tackern lassen. Routiniert, aber kaum aufregend ist das ein starkes Schaulaufen ohne Spektakel – oder „die letzte und bleibende Berührung der Seele, die jeder Mensch spüren wird, ehe die Lichter um ihn herum ausgehen und nichts mehr von Bedeutung bleibt. Jede Religion spricht in diesem Bezug von einem Schattenwesen, welches zum Zeitpunkt des Dahinscheidens erscheint und die menschliche Seele erlöst, entweder führt sie sie ins ewige Reich oder erlaubt es ihr, auf alle Ewigkeit in den Äther zu fallen.
A Purse of Gold and Stars braucht derweil keinen blumigen Beipackzettel, um den Reigen als Epilog weiter außerhalb der angestammten Komfortzone mit viel Pathos zu beschließen. My Dying Bride kreieren eine atmosphärische, leise Piano-Traurigkeit über einem ambienten Drone, addieren dazu verhalten dramatische, heroischer flimmernde orchestrale Arrangements sowie eine am Sprechgesang langezogene Intonation von Stainthorpe, später auch chorale Texturen auf pathetischen Schwingen. Der Score verläuft sich in eine Steigerung ohne Auflösung und zieht sich stattdessen in die Intimität des Geplänkels zurück: Durchaus stimmungsvoll, aber freilich auch durch die Reputation einer einst wegweisenden Band geadelt, addiert Macabre Cabaret nicht gänzlich auf Augenhöhe mit The Ghost of Orion einen nur teilweise versöhnlichen Nachsatz zu einem ambivalenten Doom-Jahrgang.

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