Old Wounds – Glow

von am 8. Dezember 2018 in Album

Old Wounds – Glow

Das Besetzungskarusell von Old Wounds hat sich mit der einen oder anderen Veränderung seit The Suffering Spirit von 2015 bisweilen sogar wieder in die Ausgangslage zurück gedreht, gibt für Glow aber vor allem eine ungenierte Sicht auf die Welt von AFI und Glassjaw frei.

Mit Sänger (und ex-Friseur) Kevin Iavaroni, Gitarrist Ben Waugh, Bassist Michael Weintraub und Drummer Matt Guyre hat die aktuelle Besetzung von Old Wounds ja Wiederkehrer wie Neulinge zu bieten. Gewissermaßen ist das Quartett aus New Jersey in dieser Konstellation also eine neue Band, die sich dabei jedoch auf eine gewisse abgeklärte Routine und bestehende Erwartungshaltung verlassen kann.
Kein Wunder also, dass Old Wounds zwar immer noch die vertraute Essenz ihres Sounds erkennen lassen und charakteristische Kernelemente bedienen, sich aber darüber hinaus durchaus neu zu positionieren versuchen, nach der Quasi-Wiederbelebung durch die Rückkehr von Iavaroni ins Musikbusiness eine Identitätsveränderung merklich anstreben – und dies eben auch ganz unkaschiert in fremden Revieren tut.

Wo der Opener Your God v. Their God sich zwar durchaus noch bei traditionellen Hardcore-Schemen bedient und muskulös-massive Riffs auf nackenbrechend droppendeBreakdowns branden lässt, intoniert Iavaroni  im vertraut keifenden Gebrüll aber bereits im ständigen Auslagenwechsel zwischen rezitierender Hast und Emo-lastigen Screamo-Refrain samt gedehnten Vokalen praktisch ansatzlos in die Fußstapfen von Daryl Palumbo – und wird dieser Prägung auch im weiteren Verlauf von Glow mal stärker, mal schwächer explizit bedingungslos folgen, nebenher auch Elemente von Chino Moreno oder Greg Puciato inhalieren, um nicht als reines Imitat durchzugehen.
Seine Band arbeitet dahinter trotzdem direkter in ein Verlangen nach den ersten beiden Glassjaw-Alben, das Material Control im Jahr 2017 nicht stillen wollte: Stripes skandiert kompakte Power Chords zu beißenden Rhythmen, die theatralisch gestikulierende Melodieführungen duelliert sich manisch angriffslustig mit einer spuckenden Tollwut, durch zusammengebissene Zähne. Auch Give a Name to Your Pain oder Failed Design adaptiert praktisch die Quintessenz von Everything You Ever Wanted to Know About Silence im Metalcore-Modus, rührt ordentlich an, keift, bremst ab und treibt an.

Es ist ein merkliches Anliegen von Old Wounds Limitierungen auszuschalten, sich stilistisch zu Vorbildern strecken (aber leider nicht darüber hinaus) , die natürlich über die Perspektive auf die Band von Jeff Beck und Palumbo hinausgehen. Der andere große externe Einfluss von Glow ist insofern AFI. Nachzuhören etwa im solide nach Hause gespielten Closer No One Listens When You Fall Apart oder mehr noch in der knackigen, straighten Single To Kill For, die praktisch dort die Härte ansetzt, wo Burials und das Blood Album zuletzt zu wenig aggressiv waren – schade nur, dass der Gesang von Iavaroni dabei seltsam komprimiert bearbeitet wirkt, zu unnatürlich gar für die schimmernde Ästhetik.
Das überragende Beauty Mark baut dagegen auf einen simplizistischen No Wave-Drumbeat und Goth-affinen Postpunkgitarren samt glimmernder Synth-Stimmung, die Davey Havok und Jade Puget besser bei Blacq Audio als bei Dreamcar unterbringen könnten, um ein derart düsteres Stück Pop so unterkühlt romantisch, auch wenig subtil zum Ohrwurm zu verführen: Old Wounds können nicht nur formidabel Dampf ablassen – eine Cold Cave-eske Verdaulichkeit steht ihnen ebenso exzellent.
…Vanilla Filth… ballert sein Stakkatoriff in ähnlich anachronistisch in die 80er schielender Ausrichtung dagegen in heftigster Distortion vollends Richtung Nine Inch Nails, bleibt aber kompositionell leider nur eine bessere Skizze – die durchaus symptomatisch für Glow im Allgemeinen und seine kleinen, sich summierenden Mankos im Speziellen zu verstehen ist.

Old Wounds bewegen sich mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit in den anvisierten Grenzgebieten und verschweißen Glow stimmungstechnisch auch zu einem überraschend homogen funktionierenden Gesamtwerk, finden dabei allerdings nicht zum Kern der Platte. Das Songwriting ist im Detail oft unausgegoren geraten, leistet sich abseits einiger wirklich starker Momente zu viele Szenen ohne konsequenten Fokus. Das düstere Surgical Dream ist so zwar etwa atmosphärisch dicht, mäandert aber unentschlossen zwischen Metaldirektive und Ambientbrüten, während I’m Only Smiling on the Outside als sportlicher Hardcore beginnt, zu dem Code Orange unter anderen Evolutionsvorzeichen tendieren hätten können, bevor die Band die Szenarie für einen melodischen Melancholiereigen in versöhnlicher Schönheit lüftet und so auch ratlos entlässt.
Das ist gelungen, lässt jedoch gerade im Kontext doch auch den Eindruck einer gewissen Orientierungslosigkeit entstehen – als würde Glow sich zwischen all den okkupierten Stühlen zwar absolut wohl fühlen, dabei aber kein restlos befriedigendes Ziel vor Augen haben. Vielleicht ist das Drittwerk ja insofern ein Übergangsalbum einer Band, die sich erst selbst finden muss.

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