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Ou – One

Ou - One

Ou – sprich: O – aus Bejing (über)fordern auf ihrem Debüt One mit einer progressiven Jazz-Pop-Metal-Clusterfuck-Fusion zum surrealen Synapsentanz, dessen funkensprühender Eklektizismus tatsächlich in der Einzigartigkeit strahlt.

Die integrale Triebfeder des Debüts scheint dabei die bedingungslos herbeigeführte Desorientierung sein. Das beginnt beim schwindlig machenden Stil-Feuerwerk, das sich nur notdürftig auf die eingangs erwähnten Parameter reduzieren lässt, setzt sich in der seltsamen Balance des Mix fort (der die stets frontale In-Your Face-Position des Gesangs von Lynn Wu auf den ersten Blick fast autark vom restlichen Spektakel laufen zu lassen scheint, das Bandkopf und Drummer Anthony Vanacore als heimlicher Dirigent mit Gitarrist Jing Zhang sowie Bassist Chris Cui als Backdrop zelebriert, indem jedes Element ständig wechselnde Präsenz zeigt, mal physisch greifbar ist und kurz danach gleich wieder nur fiebrige Fantasie – wiewohl letztendlich alles auf wundersame Weise ineinander greift und Synergien erzeugt), und findet seinen Höhepunkt im unbedingt exzentrischen; letztendlich aber erstaunlich schlüssigen Songwriting von One.
Oder anders: Ou haben eine höchst eigenwillige Vision – setzen diese aber mit einer Zielstrebigkeit um, die keinen Meter in verlorenem Weg oder Zeit mündet.

In Travel explodieren vertrackte Rhythmen mit Sci-Fi-Synthies (?) in bester The Locust-Manier, tackern Blastbeats und riffen futuristische Motive zu einem autarken, überschwänglich in den poppigen Wahn driftenden, hyperaktive Gesang, was eben eine seltsam irritierende Harmonie ergibt: catchy und eigenwillig, anstrengend und infektiös, bittersüß und niedlich, überkandidelt flippig und doch irgendwie herzig, wenn alles fiepend und blinkend psychotisch schattiert so unorganisch verfremdet einen ganzheitlichem Organismus mit Ohrwurm-Irritation ergibt.
Das delirant neben der Spur werkende Farewell operiert weiter in der zerfahrenen Math-Exaltiertheit mit retrofuturistuschen Texturen und einer Djent-Dramatik mit jazzigen Tendenzen – quasi als würden Dillinger Escape Plan in Zuckerwatte gepackt Over-the-Top-Pirouetten im Metal mit Kate Bush drehen, bevor Mountain als das Highlight in Sachen eingängiger Elemente frickelnd-zuckend ein spastisch schwelgenden Quasi-Hit auf dem trippigen Speed-Regenbogenkurs mit nervöser Ästhetik ist, die grell flimmernden Keyboards für kompliziertes Riffing und raffinierte Drums zur Seite schiebt, sich im Einklang zerhackt.

Ou sind bei all diesem Schaulaufen aber auch schlau genug die Balance zu halten und nicht in der permanenten Reizüberflutung zu ersticken – weswegen gerade der Mittelteil der Platte introspektiver und zurückhaltender in sich geht, Luft zum Atmen und verdauen macht, ohne den Charakter von One dafür zu verwässern oder gar zu brechen.
Als am Piano verschwommener Ambient ist Ghost schließlich ein wundersamer Dreampop-Score, der die Schnittmenge aus Secret of Mana-Esoterik und Blade Runner-Choral im reduzierten Instrumentarium an den Tasten pflegt. Euphoria setzt diesen Weg fort, auch wenn die blastbeatenden Drums nun so smooth produziert wieder Räder schlagen, sich die Schichten eilig türmen, als hätten Lite einen Indie-Fiebertraum-Klangteppich konzipiert, der als Drone-Soundtracklooop im Äther verdunstet, zur Mitte hin als elegisch-dösender Hauch über einem nautisch-somnambulen Schimmern der Radiatoren, endgültig von allen Strukturen und Formen befreit – eine wabernde Stimmungs-Skizze, keineswegs wahllos.

Bevor das abschließende Light als ziellos zwischen Björk und Ichiko Aoba sinnierender Nachhall den Bogen zu Ende spannen wird, feuern Ou allerdings noch einmal aus allen Rohren. Prejudice ballert nach dem relativ ruhigen Herzstück des Albums nämlich umso energischer los, der grummelnde Bass Groove dominiert die wie immer weit in den Vordergrund gebrachten Vocals, und die Gitarren transzendieren bewusst ohne Griffigkeit, texturierten eher. Der manischer Zug der Nummer grenzt an eine von der Tarantel gestochene Meditation des Alternative Metal, die eine kurze Opeth-Einkehr einnimmt und zur Lounge bringt, um den Klimax von One einzuleiten.
Der Bastard Dark kreuzt Artificial Brain mit schwer brütenden Fretless-Akrobatik, flippigen Artpop-Tendenzen und einer komplexen Tightness ungefähr dort mit The Hirsch Effekt, wo Toe den Fokus der Gravitation immer wieder fließend verschieben würden, bis erst körperlos scheinende Elemente plötzlich so zwingend aufplatzen, dass die abschließende Abfahrt packt, bis der Instinkt bei aller Raffinesse fett headbangend siegt. Spätestens da ist klar, dass dieses außergewöhnliche Debüt sicher auch einfach extrem interessant, einzigartig oder faszinierend ist – aber eben notfalls auch einfach schlicht und einfach verdammt mitreißend und unterhaltsam rockt.

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