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Papangu – Holoceno

Avantgarde Metal, Zeuhl, Prog und atmosphärischer Sludge Rock: Holoceno, das erste Album der 2012 gegründeten brasilianischen Band Papangu, macht kein Geheimnisse daraus, warum sieben Jahre an ihm gearbeitet wurde.

Die vom Quartett aus João Pessoa, Paraíba 2019 veröffentlichten Demos sind leider mittlerweile von Bandcamp verschwunden, können also nur mehr bedingt einen Eindruck über die Entwicklungsstadien des Materials verschaffen. Wie viel Liebe zum Detail, Bauchgefühl und Hirnschmalz Marco Mayer (bass, guitar, vocals, synthesizer), Hector Ruslan (guitar, vocals, percussion), Rai Accioly (guitar, vocals) und Nichollas Jaques (drums, percussion) unter der Mithilfe von Torstein Lofthus (drums, cowbell) Uaná Barreto (minimoog voyager), Benjamin Mekki Widerøe (tenor saxophone) sowie Luís Souto Maior (äh….prophet) gesteckt haben, ist aber auch so zu jeder Sekunde immanent: Holoceno ist ein auf portugiesisch gesungenes Konzeptalbum („the tale of a cangaceiro—a bandit from Brazil’s backlands—who, after being shown a vision of his fate, tries to change it through ritual sacrifice. When his botched attempt backfires and sets off a chain reaction, the protagonist seeks a Faustian pact in order to stop the forthcoming environmental disaster“ – oder: „inspired by ecological eschatology and the modernist literature of Northeastern Brazil—a hardy, arid region historically plagued by inequality and violence“), irgendwo in den Aktionsradien von King Crimson, Kayo Dot, Neptunian Maximalism und Magma verortet – als einige von vielen Assoziationen im absolut eklektischen Schaulaufen.

Der starke, trotz aller Abenteuerlust immer homogene und schlüssige Fluß von Holoceno beginnt für Ave-Bala mit sattem, organischen Schlagzeugsound in den 70ern und schiebt eine postrockige Gitarren-Wand zur Dramatik, pflegt eine vertrackte Dringlichkeit, die durch die Barrikaden aus Grooves und Riffs im Jam stürmt und drängt. Água Branca klingt dagegen wie psychedelischer Metal, als hätten Dungen ihre Kumpels von Motorpsycho zu einer orgelnden Space Rock-Trance überredet. Das okkulte, überragende São Francisco verbindet Oranssi Pazuzu mit Mastodon, konterkariert konterkariert seine Heaviness jedoch mit einer fröhlichen Ausgelassenheit, der zähnefletschend der Teufel im Nacken sitzt, bis alles aus dem Ruder läuft. Bacia das Almas zeigt einen lässigen Drive in der hippiesken Retrofuturistik und Terra Arrasada lauert bedrohlich und beschwörend bis zu einem kultisch skandierten Finale, leitet die brillante Schlußphase der Platte ein. Lobisomem bricht dort dahinter ungestüm los, ist eine Symbiose aus nach oben flehender Verzweiflung und unten einkochender, verdichtender Wut. Harmonien kommen ebenso ins Spiel wie jazzige weitläufige Arrangements, die Stimmung ist verträumt, die präzise Snare zieht die Zügel militärisch eng, doch letztendlich ist da ein vogelfreier Rausch, vielleicht sogar ein Chor.

Mit diffuses Synthies, die auch von Thom Yorkes Suspiria stammen könnten rundet das Titelstück unter den Eindrücken von Vangelis und Kairon; IRSE! den Reigen von Holoceno gelungen ab, als trippig-relaxte Folk-Acoustic-Ballade, die sich in der Saxofon-Lounge zurücklehnt, die Dramatik und Unberechenbarkeit aber nach und nach bis in den Wahnsinn dirigiert.
Açougue das Almas (als Toby Driver-Remix) als Bonustrack hätte es danach nicht unbedingt gebraucht: Kompositorisch wäre das als verspielter Appendix ein schöner, aber auch etwas redundanter Epilog, zumal die Version mit stampfend-fester Bassdrum und flimmernden Sound auch ein bisschen aus dem produktionstechnischen Rahmen fällt. Obwohl das Stück ein Bandcamp-exklusives ist, ist es vorerst dennoch ein untrennbar mit dem Album verbundenes: bisher ist Holoceno nur digital erschienen, eine physische, analoge Veröffentlichung wäre für dieses Schmuckstück aber eigentlich unabdingbar.

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