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Paysage d’Hiver – Im Wald

Paysage d'Hiver - Im Wald

Atmospheric Black Metal, in unergründliche Nature Recordings gebettet: Sieben lange Jahre nach Das Tor ist Im Wald weniger ein Ausweiten der Hohheitszone für Paysage d’Hiver, als ein fesselndes Schaulaufen.

An den Grundzügen des Projektes von Tobias Möckls alias Wintherrs hat sich in dieser (ja ohnedies nicht veröffentlichungsfreien) Zeit wenig geändert. Immer noch definieren einsame, naturalistische Atmosphärelandschaften das Wesen dieser verschlingenden, verloren machenden Geschichte („In the context of his highly detailed narrative, Wintherr locates it after „Steineiche“ and „Schattengang“ (both 1998) which describe the beginning of the travel, and before „Das Tor“ (2013), „Kerker“ (1999) and „Die Festung“ (1998), which are set at the end.„), die eher wie ein Ambientalbum gehört werden will: Die Blastbeats sind treibende Leitfäden durch den nebulösen Äther voller verzweifelter Melodien und manischer, flehender Schreie, Synthies texturieren wo die Gitarren Raum lassen. Das Songwriting ist simpel und aufgeräumt, der Sound von eigenwilliger Reibung – genretypisch und dennoch individuell entrückt, er sorgt für die nötige Handschrift auf dem Amalgam. Die Produktion mag zudem zwar prägnanter artikuliert sein als bisher, keineswegs klarer jedoch, denn sie scheint immer noch hinter einem Schleier stattzufinden, der sich jeder Körperlichkeit entzieht – in den rauschhaft verzerrten Konturen mutet das weit entfernt sogar an, hätte Chino Moreno die Katharsis von When Girls Telephone Boys in den schonungslosen LoFi-Black Metal weiterfantasiert.

Am konsenstauglichsten und wohl beeindruckendsten destilliert sich dieser Ansatz in Über den Bäumen, wenn die hässliche Fratze verzerrter Screams und tackerndes Ballern auf erhebende, wunderschöne Melodiebögen trifft, erhebend und hymnisch, obgleich der White Noise-Mix alles in einen winterlichen Schleier packt – dabei aber nie den Kontrast forciert, sondern eine Symbiose zwischen den Extremen bindet. Das ist keine Selbstkasteiung, keine gegen sich selbst gerichtete Radikalität, sondern eine bewustseinserweiternde Reise bisweilen – manchmal auch knapp an klischeebewusten Stil-Verpflichtungen schrammend.
In dieser Ausrichtung zeigt Im Wald jedoch immer wieder neue Facetten, bleibt interessant. Im Winterwald bindet etwa synthetische Loops aus dem Weltall, das extrem dringliche Alt schwelgt und verzweifelter Sehnsucht. Der klerikal-chorale Einstieg begleitet Stimmen im Wald, wenn auch auf sehr repetitive und wenig originelle Art arrangiert, doch sorgen alleine die rufenden Klargesänge für faszinierend anziehende Nuancen. Le rêve lucide hat eine heroische Opulenz in den verwaschenen Arrangements, einen majestätischen Subtext, später auch eine folkloristisch Ader a la Dawn Ray‘d, bevor Kälteschauer über einen flächigen Drone ballert, was für eine beklemmende Dichte sorgt. Weiter, immer weiter lehnt sich vage an die dissonante französische Schule, will dann aber doch eher postmetallische Melodramatik in seiner Sucht, und endet auch deswegen zu abrupt (während alle anderen Phasen und Szenen dieser Songs so unendlich ganzheitlichen Platte die nötige Uferlosigkeit bekommen), weil So hallt es wider mit knapp 20 Minuten Spielzeit ohnedies noch einmal alle Zeit der winterlichen Welt nimmt, um sein assoziativ tiefe Klangwelt über die schubhafte Beklemmung zu kreieren.

All diese monolithischen Kompositionen fühlen sich dabei niemals zu lang an – selbst über zwei Stunden Gesamtspielzeit zieht Im Wald mit einer geradezu hypnotischen Kurzweiligkeit in seinen Bann, funktioniert über die grandios intensive Stimmung.
Was auch an der Balance im Gesamtgefüge liegt, die Paysage d’Hiver nahezu ausnahmslos im Wechselspiel aus harschen-betörenden Metal-Antrieben und entschleunigten Mood Pieces besorgt (und damit strukturell eine gewisse Vorhersehbarkeit praktiziert, diese aber durch die Effektivität des Prozederes rechtfertigt).
Die zurückgenommene Schneeglitzern wandert wie eine vergängliche Erinnerung durch das Eis über moosigen Bäumen zu Wurzel, Flug zieht als Gitarrenkaskade durch die Nacht, ruhig und einnehmend, eine kontemplative Meditation. Nicht nur im ätherischen Interlude Eulengesang oder dem astralen Windspiel Verweilen klingt das dann so, als würde man Basinskis Loops durch eine schlechte Telefonleitung erahnen oder die Schatten von weit entfernten Zügen am farblosen Horizont halluzinieren. Doch genau hierin, in dieser vagen Assoziationsflut, liegt die bisweilen transzendentale Erfahrung dieses immer weiter in die Tiefe gehenden Werkes: Imaginativer, auf universelle Weise vertrauter, und auch mit deutlicherer Handschrift ausgestattet war Black Metal 2020 selten. Die reine Existenz von Paysage d’Hivers Klasse genügt da also als Machtdemonstrationen.

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