Pianos Become The Teeth – Keep you

von am 15. November 2014 in Album

Pianos Become The Teeth – Keep you

Pianos Become The Teeth-Frontmann Kyle Durfey geißelte sich bereits über zwei verzweifelt-wütende Hardcore-Alben mit der Trauerarbeit um seinen erst erkrankten, dann verstorbenen Vater. Knappe drei Jahre nach dem Versprechen ‚I’ll Get By‚ lässt es sich nun allerdings schwer feststellen, ob er tatsächlich seinen Frieden mit den Gegebenheiten geschlossen hat, oder an dem Verlust innerlich zerbrochen ist.

Fest steht hingegen: Durfey und seine Band sind nun nicht mehr die selben Pianos Become The Teeth, die auf ‚Old Pride‚ und ‚The Lack Long After‚ ihre Aggressionen noch in aller Schönheit freien Lauf ließen. Durfey brüllt sich nicht mehr die Seele aus dem Leib, sondern singt nun. Mit klarer Stimme, immer zwischen behutsamer Lethargie und vorsichtiger Aufbruchstimmung schwankend. Die Male, die er kurz davor ist in schonungsloses Geschrei zurückzukippen lassen sich praktisch an einer Hand abzählen – etwa im elegisch pendelnden, sich nach und nach zuspitzenden Gänsehautmonument ‚April‚, im dynamisch köchelnden Ruhepol ‚Old Jaw‚, oder im sorgsam ausgebreiteten, langsam und leise ins Herz kriechenden ‚Say Nothing‚.
Statt einer Entladung beherrscht sich Durfey jedoch, stemmt seine Stimme wacker gegen das Gewicht der Texte. „My voice carries more than it should“ fleht er dann, „I still couldn’t get over a God damned soul/and I can’t hold smoke/ so let’s say nothing some more/because the sand stays with me/because the sand keeps you„.  In den verzweifelten Momenten erinnert das an die büßende Niedergeschlagenheit von Manchester OrchesterVorstand Andy Hull, in den kraftvollsten an eine Rückkehr von Brand New, als würden Death Cab for Cutie mit der Ruppigkeit von La Disputes ‚Rooms of the Housestreicheln.

Aufgefangen wird Durfey von seiner Band, die dem Sänger bedingungslos in die neuen Gefilde folgt und ihren an The Saddest Landscape orientierten Screamo entlang neuer Leitbilder treiben lässt, ihr Songwriting um atmosphärische Indie-Gebilde zu weben beginnt. Nicht nur in ‚Enamor Me‚ steht die Melancholie von The Cures ‚Disintegration‚ Pate für die schwirrenden Gitarrenlinien; was früher den Hardcore im Blick hatte folgt nun Spannungsbögen, die Postrock in etwa ähnlich verstehen wie Slint es taten: sorgsam ausgebreitete Klanggebilde, im wellenförmigen Wechselspiel aus in sich gekehrten Ruhephasen und einem zurückgenommen ausbrechenden Post-Hardcore. Vielleicht ist ‚Keep You‚ aber auch gar nicht so weit vom bisherigen Schaffen der Band entfernt, wenn man es nur durch die Sadcore-Brille betrachten würde. Schicht um Schicht fügt die Band hier atmosphärisch sorgsam arrangierte Kompositionen hinter dem minimalistischeren Äußeren zusammen, steuern nicht mehr die offensichtlichen Ausbrüche an, sondern entfalten die Melodien nun harmonischer, subversiver und mit mehr Tiefenwirkung.

Tatsächlich erfinden Pianos Become The Teeth sich und ihren Sound damit nicht nur von Grund auf neu, sondern heben ihre intensiven Gefühlsgrenzgänge durchwegs auf ein komplett neues Level. ‚Keep You‘ mag ruhiger, und damit auch weniger frontal ausgefallen sein als seine Vorgänger, die emotionale Wucht der Songs wirkt ohne die wütende Dringlichkeit der alten Tage aber gar noch aufwühlender und hintergründiger. Das ist im gleichen Moment niederschlagend melancholisch und dennoch von einem immanenten Hoffnungsschimmer durchzogen, breitet sich so erschöpfend und ergreifen wie mit einer inneren Ausgeglichenheit erfüllend aus. Das Quintett aus Baltomore streichelt seine Wunden mit einer abgründigen Schönheit von einer Platte, einem trauernden und tröstenden Wärmekissen. Verletzlicher und intimer klangen Piano Becomes the Teeth dabei noch nie, das Licht am Ende des Tunnels war gleichzeitig noch nie in greifbarerer Nähe. „I’m still always slowly waiting for what follows/ for what I’ve learned about being so defined by someone dying/ and for thinking before I speak/ hoping for something bigger„. Leiser Optimismus lauert hier hinter jeder niederschmetternden Ecke und trotzdem: die  Platte könnte nicht nur Durfey vor dem Untergang retten.

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