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Placebo – Never Let Me Go

Placebo - Never Let Me Go

Never Let Me Go ist nach knapp neun Jahren Auszeit wahrer Balsam für das Fanherz, über allen zweckoptimistischen Erwartungen: Das stärkste Album seit Meds fühlt sich vor allem endlich wieder wie ein richtiges Placebo-Album an.

Trotz aller Euphorie, die der sich gerade am Stück prächtig erschließende Grower Never Let Me Go entwickelt, ist die achte Langspieler-Ergänzung der Pacebo’schen Diskografie kein makelloses Werk geworden.
Brian Molko und Stefan Olsdal gelingen – wie es die (nun im Kontext allesamt besser als auf sich alleine gestellt wirkenden) Vorabsingles bereits ankündigten – keine unsterblichen Hymnen und Instant-Hits mehr, wie sie auf den ersten fünf Alben praktisch ständig passierten; auch keine überlebensgroß die Emotionen packenden Refrains, zwischen vielen exzellenten Strophen: Die sehnsüchtige Aufbruchstimmung im Chorus des hymnischer strahlenden Synthwave-Alternative Rock von Beautiful James ist etwa streng genommen auffallend simpel (und aus dem Baukasten kommend gar leidlich inspiriert) geraten, während das schmissige (vielleicht im Zynismus einer klatschenden Zuhörerschaft aufgelöste) Try Better Next Time als Umwelt-Statement im Form-Inhalt-Kontrast aus bedrückenden Texten („There’s a place in the forest where the animals dance/ Carefree and joyous like nobody’s watching/ …/ So they laugh and they dance around mahogany trees/ Completely unawares they’re gonna end up as meat„) und beschwingt tänzelnd-gelöster Musik seinen banalen Singalong fast schon zu einfach gestaltet: „Wake up, wake up/ Try better next time/ Wake up, wake up/ Cry better next time.“ Enorme Ohrwürmer von erbarmungsloser Hartnäckigkeit sind beide Stücke freilich trotzdem längst.

Dazu wiederholt Molko diesmal auch viele Text-Passagen einfach unheimlich oft, ermüdet oder laugt aus, so dass selbst aus smarten Sätzen manchmal penetrante Vorschlaghämmer werden können – siehe etwa alleine „A hug is just another way of hiding your face“ im grummelnd-stampfenden, energisch-drückenden Zug Hugz (der übrigens als eines von vielen Paradebeispielen auch vorführt, dass die beiden engagierten Session-Drummer Matthew Lunn und Pietro Garrone die Platte in der transparenten, fetten Produktion von Adam Noble mit ordentlicher Kraft speisen und einen grandiosen Job erledigen).
Dass Never Let Me Go deswegen mit 58 Minuten um ein kleines Quäntchen zu lange ausgefallen ist, fällt jedoch kaum ins Gewicht: Ohne Ausfall oder auch nur annähernd schwachen Song im Verlauf hätte man sich höchsten den mit The Cure-Gitarren pluckernd-antauchenden Schlußpunkt Fix Yourself sparen können. Jedoch auch nur deswegen, weil nach dem davor positionierten Went Missing alles gesagt zu sein scheint, und das ruhige Finale der Platte dort mit einer friedlich-behände so viel Raum zum Ausatmen bekommenden Wave-Anmut bereits ein homogenes Ende erreicht hätte, nach dem sich (das also nur deplazierte) Fix Yourself wie ein neu in Bewegung versetzter, nirgendwohin versandender Epilog anfühlen kann.

Das alles ist aber Jammern auf einem Niveau, das man Placebo nach Battle for the Sun und selbst dem sehr okayen Loud Like Love (gerade auch nach einer solch langen Auszeit) zugegebenermaßen einfach nicht mehr zugetraut hätte. Doch es liegt nicht an der niedrigen Erwartungshaltung, dass dieses wahrhaftige Comeback begeistern kann – sondern an dem wirklich starken, sehr unterhaltsam und kurzweilig die Eingängigkeiten im tollen Sound aneinanderstapelnden Material, das mit jedem Durchgang mehr Freude bereitet und einige Kandidaten als zukünftige Fanlieblinge anmeldet.
Happy Birthday in the Sky nimmt nach der flotten Eingangsphase (die vom heavier-getragen rockenden, synthetisch funkelnden Opener Forever Chemicals eher ästhetisch adäquat installiert wrd) das Tempo und die Power melancholischer heraus, fordert aber beim Refrain den Breitwand-Verstärker, bevor das digital modifizierte, dunkel brütende Surrounded by Spies als wummernde Erinnerung an den Charakter von Black Marked Music erscheint, mit den Cut-Up-Lyrics erstaunt („Ex-drummer’s nose stuck in the past/ Found dead behind the wheel of a car„) und so dynamisch wie ätherisch erhebend die Repetition angesichts des Titels zum Stilmittel macht, die Schlaufe immer enger zieht. Das Dreierpack aus Sad White Reggae, Twin Demons und Chemtrails setzt dagegen vor allem physische Energien frei, groovt elektronisch angehaucht und mit Bratgitarren in der Waagschale straight und simpel mit retrofuturistischer Effizienz. Selbst solche Standards machen diesmal Spaß.

Ein heimliches Highlights der (die Amplituden nicht in die Extreme wandern lassenden, gewisse Formelhaftigkeiten als triumphales Schaulaufen anlegenden) Platte ist dagegen das die bedächtige Schlußphase einleitende This Is What You Wanted, das mit besorgtem Klavierspiel sowie unterschwelliger Spannung an Fahrt aufnimmt, und den Song irgendwann kurz mit umsichtig zurückhaltenden Rhythmus unterspült, dabei die meditative Stimmung jedoch nicht implodieren lässt und sich dem vorhersehbaren Klimax als auch frustrieren könnender Coitus interruptus verweiger.
Und dann ist da natürlich noch The Prodigal, als der irritiernd aus dem Rahmen fallende Red Herring-Moment des Albums: eine luftig-locker beschwingte Streicher-Nummer, die opulent, aber nicht kitschig als Where Is My Mind-Kopie begonnen hat, auf Never Let Me Go jedoch als Under Pressure-Reminiszenz auf den Spure von Eleanor Rigby wandelt. Und damit doch auch wieder Neuland für eine Band erschließt, die man insgeheim eigentlich schon abgeschrieben hatte – die sich mit Never Let Me Go nun aber aber im bestmöglichen Sinne als motivierte, ausgewogene Zuverlässigkeit zurückmeldet und die Liebe für die Briten neu entfacht. Ganz ohne Placebo-Effekt.

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