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Plebeian Grandstand – Rien ne suffit

Plebeian Grandstand - Rien ne suffit

Plebeian Grandstand sagen Rien ne suffit, nichts ist genug – und provozieren dabei die Extreme in den Reibungsflächen zwischen nihilistischem Avantgarde Black Metal, selbstkasteienden Noise-Mathcore und harschen Power-Electronics.

Es gibt sie definitiv noch, die Momente, in denen Rien ne suffit die direkte, vielleicht auch erwartete nächste Evolutionsstufe der Vorgänger How Hate is Hard to Define (2010), Lowgazers (2014) und False Highs, True Lows (2016) ist. Doch selbst in der vertrautesten Gebieten ihres Viertwerkes vermessen Plebeian Grandstand ihre Anti-Wohlfühlzone bereits in den Schattierungen, Strukturen oder gar Spannungsbögen ein gutes Stück weit neu: Der manische Hass von Part maudite attackiert seinen rasend tackernder Strom irgendwann mit einer maschinellen Präzision, die vom Wahnsinn zerstört worden ist, das dystopische Rien n’y fait entwickelt eine verstörende Majestät, die von Furien besessen ist, während das untrennbar miteinander verbundene Finale aus Jouis, camarade und Aube erst nur ein schimmerndes Flimmern in die Patina des von Deathspell Omega geschulten Disso-Black Metal schleust, seine Aggression letztlich aber sogar mit einer persönliche Einkehr im jazzig-klimpernden Post-Sinnieren konterkariert, bevor eine Suspiria-Trance im Feedback des Sludge und Doom von Konsorten wie Thou oder Primitive Man erbricht, eine abgekämpfte Tortur im Sinne von Celeste darstellt. Dass der eigentlich bereits zu Tode geschliffene Closer von der Band noch einmal malträtiert wird, man das Martyrium für einen letzten zähflüssigen Epilog weckt, der die Beruhigung für ein abruptes Ende tauscht, ist dann eigentlich nur konsequent.

Das aufwühlende Chaos ist keine Willkür, sondern der exzessive Zustand der sorgsam gespeisten, insgeheim sehr wohl dosierten und keineswegs unausgegorenen experimentellen Unberechenbarkeit: Nichts mag genug sein, aber die Balance der Amplituden gelingt furios, fesselnd, faszinierend. Plebeian Grandstand bedrohen gefährlich misanthropisch und technisch versiert wie immer, dabei aber unangenehmen Form des schizoiden Wahnsinns provozierend, zwischen neuen Extremen pendelnd und die Abgründe jenseits des Metals kakophonisch genießend. Die Band aus Toulouse agiert tatsächlich getriebener als bisher, ohne die schlüssige Homogenität dafür der dämonischen Hirnwut zu opfern, weswegen Rien ne suffit seine Entwicklung dem Titel entsprechend mit einem einer solch unstillbar scheinenden Vehemenz radikalisiert, dass sich die ambitionierten 51 Minuten der Platte dann eben doch auch anfühlen, als hätte der Blick in den Abgrund die Franzosen auf der anderen Seite eines schwarzen Loches, jenseits der vertrauten Komfortzone ausgespuckt.

Gleich Masse critique schreit seine Verzweiflung schließlich in eine Agonie des avantgardistischen Noise Rock und Death Industrial, erinnert in seinem abstrakten Lärm aus kaputten Gitarren und destruktiver Percussion an einen Alptraum von Alexis Marshall und seinen aktuell mutmaßlich wohl wieder einmal getrennten Daughters, der als von Viren zerfressene Elektronik in der Tradition von The Haxan Cloak und Pharmakon bedrängt.
Das überragende À droite du démiurge, à gauche du néant mag zwar als rasender Death-Mahlstrom beginnen, fauchend und keifend und atonal und mit unnatürlich fett knubbelnder Kickdrum tackernd, doch drosseln Plebeian Grandstand das Tempo böse und starren bald in die hässliche Fratze einer verspukten Klangcollage, einer Panorama-Hölle aus Harsh Noise und Power Electronics-Elementen. Tropisme ist zersprengter Industrial, der sein klaustrophobisches Geschrei mit zusammengebissenen Zähnen und Zwangsjacke kotzt, während Angle mort im Andenken an Altar of Plagues poltert und heult und ballert, dabei als so vertraut wie unbequem texturiertes Inferno aber auch den Bogen zum eigene Werk spannt.

Im kalten Herzen des Albums driftet Rien ne suffit ohnedies in seine eigenen Wahn ab. Espoir nuit naufrage verweilt in der Parallelwelt von Silent Hill, der dabei aufbrandende Applaus klingt wie ein blanker Hohn der teuflischen Ketzer, zu dem die Band hypnotisch fräsenden Minimalismus zelebriert, der sich irgendwann als suizidale Karawane in Bewegung versetzt und Nous en sommes là als futuristische Übertragung aus einer frequenzverschobenen Vergangenheit apathisch in die bedrohliche Lethargie sinniert.
Dass der eklektische Hybrid Rien ne suffit in keinem dieser Auswüchse unausgegoren, verloren oder ziellos auftritt, sondern seine eindringliche Attitüde und Atmosphäre auch jenseits der klaren Black Metal-Essenzen (die genau genommen sogar die schwächsten Nahtstellen des Konglomerats bilden) in packendes Songwriting und Worldbuilding übersetzt, und ausgerechnet die typischsten Kernstränge des Metal am wenigsten schocken, ist dabei elementar für den fesselnden Charakter dieser faszinierenden Intensivkur, deren Martyrium tatsächlich einen süchtig machenden Sog entwickelt – eben niemals genug zu sein scheint.

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