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Protomartyr – Ultimate Success Today

Protomartyr - Ultimate Success Today

Protomartyr haben mit Ultimate Success Today ein Konzeptalbum über die Abgründe des maroden US-Gesundheitssystems geschrieben, das gegebenenfalls auch gleich als eigene Abschiedsplatte herhalten kann. Spaßig ist das nicht, aber eventuell mal wieder besser denn je.

Joe Casey hatte beim Schreiben des fünften Langspielers seiner Band den Tod des eigenen Vaters im Hinterkopf, der wenig zuvor bei einer Leisten-Operation verstarb, zu der ihn der Protomartyr-Frontmann ihn überhaupt erst überredet hatte; und deswegen Zeilen wie „A doctor killed my father/ So excuse me if I writhe this out alone/ Everybody knows only the end can claim Ultimate success“ oder „When the ending comes, is it gonna run/ At us like a wild-eyed animal/ A foreign disease washed upon the beach“ im Anschlag.
Es auch diese schonungslose, gar verzweifelt angetriebene Radikalität, die Protomartyr hiernach auch gut und gernevollends die Reißleine ziehen lassen könnte, am Ende mit Worm in Heaven  einen Closer parat hält, über den Casey sagt: „Das ist der letzte Atemzug des Albums, das ultimative Adieu. Wenn man ein potentielles Abschiedsalbum schreibt, dann darf es nicht mit einem Bis-Bald-Song enden, es muss ein Lebeweohl sein“.
Es ist als geradezu friedvoll mit sich selbst und all den Widrigkeiten einer sterbenden Welt im Reinen scheinende Ballade, „Grass has grown over me/ Long before now/ I hope you walk through life with a smile“ – ebenso betörend, anmutig und zeitlos wie traurig, optimistisch und tröstend zugleich – übrigens auch der wohl beste Song einer Platte, die stilistisch über weite Strecken die Konfrontation gegen eine mittiger ruhende Kontemplation und Nachdenklichkeit getauscht hat, keine direkten Hit-Aussichten oder schmissigen Refrains bedient, um doch noch den endgültigen Durchbruch abseits des von Kritikern und Feuilleton gelobten Rahmens zu schaffen.

Ultimate Success Today zieht seinen Erfolg auch daraus, dass Protomartyr niemandem mehr etwas beweisen müssen, vor allem nicht nach Relatives in Descent. Gerade dieses Bewusstsein fächert am Kern der Band aber auch neue Facetten auf, erweitert das Spektrum der mit einer beinahe abgeklärten Selbstsicherheit zwischen den Zeilen, die bisweilen auch melodischer denn je agiert.
Womit im ganz allgemeinen Charakter durchaus an das Wesen der jüngsten Algiers-Platte There is No Year erinnert (etwa, wenn Tranquilizer mit dem Noir-Jazz flirtet, in der Fieberphantasie rezitiert und der heulende Extase des Noiserock a la Grinderman auf der Spur ist), die speziell aber noch mehr in der Eingangsphase der Platte wie ein direkter Geistesverwandter anmutet. Mit Day Without End gönnen sich Protomartyr quasi ein eigenes Shaft-Theme mit smart lauerndem Groovem, Gitarren, die an abseitigen Kanten interessiert sind, auch nervöse Saxofontexturen. Das köchelt die Spannungen apokalyptisch auf, brodelt gegen den Strich stichelnd aber praktisch in keine Katharsis, pflegt eben eine immanente Verweigerungshaltung. Processed by the Boys übernimmt dort lieber als stacksend und eckig rollender, hypnotisch wuchtender Schub voller dissonanten Energie, der in kontrollierter Mangel den Verstärker grillt –  bis irgendwann eine liebenswerte Oboe durch die Manege torkelt. Die Arrangements sind aus dem Noise kommend detailliert und klug, die Intensität aber bereits hier (und stellvertretend für alle Songs der Platte) merklich nach innen gerichtet, es werden keine konventionellen Detonationen erzwingen, kein unbedingt verdaulichen Klimaxe bemüht.

So gelingen Protomartyr aber zahlreiche packende Szenen, auch wenn diese sich oftmals eben nicht unmittelbar festsetzen, eher hinterrücks zünden, wo allzu griffige Strukturen vermieden werden und der Weg zum Grower nachhaltig anzieht.
Das angriffslustig polternde I Am You Now grummelt mit seinem bedrohlichen Industrial-Intention, agiert dann doch wieder so verspielt und nonchalant solierend in seinem giftig skandierendem Anpeitschen, seiner sedierten Tollwut. The Aphorist folgt dagegen über das hibbelig in Watte gestimmte Schlagzeug einer fast melancholisch verträumten Verletzlichkeit zu einem kurzen Aufbegehren und June 21 überrascht mit einer aus dem Nichts kommenden weiblichen Unterstützung am Mikro. Die zappelige Aufgedrehtheit in der Musik wird von der entrückten Lethargie der Vocals kontrastiert und durch den in Schieflache zu kentern drohenden Chorus geadelt. Das vollends in diffuser Wohligkeit schwelgende Finale muß man deswegen dennoch nicht kommen sehen. Modern Business Hymns zeigt viel Gefühl im Umgang mit seinen weichen Harmonien und der nihilistischen Spielweise und Bridge & Crown bereitet den überragenden Abgang der Platte mit beklemmender Abgründigkeit geduldig vor, lässt alle Angepisstheit mit überlegt akzentuierter Kraft hinaus, könnte eine Hymne sein, will aber lieber im Dreck stehen.

Nur Michigan Hammers kommt da in diesem Schaulaufen ansatzweise einem Schwachpunkt gleich, obwohl der Post-Punk hier trotz einer schwelgenden Bridge mit schrammelnden Gitarren attackierender angetrieben wird und gerade die nachdenklichen Momente absolut einnehmend geraten – der Song als solcher aber weniger intensiv aufrüttelt, auch wegen der nicht vom Fleck kommenden Attitüde.
Dass diese Szenen vom Kontext des Albums problemlos getragen wird, spricht dann ebenso für Ultimate Success Today,  wie die Tatsache, dass die versammelten 41 Minuten einerseits tatsächlich ein triumphaler Schlusspunkt einer makellosen Karriere darstellen würden; die Frage nach dem Bandzenit im ständigen Evolutionsprozess andererseits auch hiernach offen bleibt. Fest steht nämlich, dass der Albumtitel das aktuelle Momentum von Protomartyr gerade auch deswegen so perfekt artikuliert, weil keine der vorherigen Platten eine solch breite Basis meinte, wenn es darum ging, erfolgreich auf den (finalen) Punkt zu kommen.

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