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Radiohead – KID A MNESIA

Radiohead - KID A MNESIA

Kid A und Amnesiac waren schon immer bei der Geburt getrennte zweieiige Zwillinge. Nun erleben die beiden Radiohead-Alben als KID A MNESIA zum (mehr oder minder) zwanzigjährigen Jubiläum die Reunion.

Leider eine ziemlich enttäuschende, um es gleich vorwegzunehmen. Denn mögen die zwei Alben an sich auch zum besten gehören, was die Musikgeschichte zu bieten hat (mit Kid A als prägenden Instant-Klassiker, mindestens am Maximum jeder Bewertbarkeit, Amnesiac vielleicht weniger visionär, einzelsongorientierter, aber durch die Qualität des Materials – sowie subjektiv mit Erinnerungen aufgewogen – ebenso den einen halben Zähler zur Höchstpunktezahl mitnehmend). KID A MNESIA legt die beiden Werke nun zwei Dekaden nach der Veröffentlichung unangetastet zusammen, spendiert keinen Remaster auf aktuellem Stand der Technik. Weil das verhinderte Doppelalbum auch so weiterhin zeitlos klingen, kann man über diesen Punkt freilich hinwegsehen.
Anderswo fällt es jedoch schwerer ins Gewicht, dass der Fokus der Ambition diesmal gefühlt eher auf der Ausbreitung der ikonischen Artworks von Stanley Donwood, denn auf der musikalischen Sichtung lag – gerade mit dem überragenden Jubiläumswerk OK Computer OKNOTOK 1997 2017 im Rückspiegel: Keine einzige der B-Seiten von Amnesiac ist auf dem regulären KID A MNESIA zu finden, „Some B Sides“ finden sich zumindest auf der zweiten Seite der optional erhältlichen, schockierend günstigen KID AMNISIETTE-Kassette. Diese Entscheidung lässt sich höchstens mit spekulativen rechtlichen Gründen erklären, macht die Sache (gerade auch in Anbetracht der Preise für die Veröffentlichungen, die auf Vinyl großteils auch noch mit technischen Defekten zu kämpfen haben sollen) aber weder quantitativ, und schon gar nicht substantiell besser. Die regulären Beigaben zu den Singles von 2001 hätten schließlich auch gut zu einem weiteren Meisterwerk beitragen können, und selbst wenn man die dritte Platte der Compilation – KID AMNESIAE – daran misst, was geboten wird, und nicht daran, was fehlt, bieten diese 34 Minuten weitestgehend nur eine ernüchternde Sammlung von Fragmenten, Skizzen und selten essentiellen Outtake-Songs, die eben auch kaum kaschieren, warum sie bisher weder zweite, geschweige denn erste Wahl waren.

Was man KID AMNESIAE dabei zugute halten muß, ist also weniger die ambivalente Exklusivität des Materials, als dass Radiohead das Stückwerk (gerade in der zweiten Hälfte der Platte) in einen grandiosen, nahtlos ineinander übergehenden Fluss gebracht haben: Über die Sequenzierung gewinnt der Appendix von KID A MNESIA wirklich ungemein, wird zu einem runden Ganzen mit nur leicht unbefriedigendem Sättigunsgefühl – das man sich eben nicht zu genau im Detail ansehen sollte.
Like Spinning Plates (‚Why Us?‘ Version) ist etwa nur eine Mischkulanz aus der rückwärts geloopten Elektronik der Studioversion und der pianogestützten Klarheit der Live-Interpretation, jedoch dabei keine Symbiose eingehend, sondern eher ein uninspiriertes Nebeneinander. Untitled V1 bittet 108 Sekunden lang eine experimentelle Spielerei, aus der eventuell später Kid A (der Song) entstanden sein könnte. Fog ist ein unsterblich schöner Song in allen seinen Erscheinungsformen – die (Again Again)-Version hier ist dennoch die schwächste, wenngleich immer noch ein feine Skizze, die die Studioversion mit einem seltsam müde polternden Schlagzeug-Rhythmus umdenkt. Das, tolle, fingerpickende If You Say The Word lässt an Balthazar denken, wie sich Radiohead da mit hängendem Bass und stoischem Schlagzeug durch die somnambule Atmosphäre schleppen: grazil, einnehmend, beinahe auf ausformulierten B-Seiten-Niveau, was ja einem halben Ritterschlag gleichkommt. Der Oldschool-Ohwurm Follow Me Around fußt dann auf auf einer starken Idee – ein effektbeladener Solo-Thom Yorke sitzt an der schrammelnden Americana-Akustikgitarre in nonchalanter Beschwingtheit – aber nicht über knapp fünfeinhalb monotone Minuten, ohne Band. Hat man Jahre auf eine offizielle, „vollwertige“ Version der Nummer hingefiebert, kommen einem nun unweigerlich die ersten Zeilen von Packt Like Sardines In a Crushd Tin Box in den Kopf.

Pulk/Pull (True Love Waits Version) verschmilzt dann Pulk/Pull Revolving Doors mit dem lange bekannten, aber erst vor wenigen Jahren fertiggestellten True Love Waits zu einem grandiosen Hybriden, der die beiden Songs an ihrem Ursprung gar fabelhaft über die bisher bekannten, finalen Versionen stellt: Alleine dafür lohnt sich KID A MNESIA, wenn sich die anbetungswürdige Gesangs-Melodie von True Love Waits in die knisternde Beats von Pulk/Pull Revolving Doors legt. Das separierte Outro der Amnesiac-Nummer direkt nachfolgend als 46 sekündiges Untitled V2 zu verkaufen, grenzt zwar an sich an Etikettenschwindel, funktioniert aber zumindest als Bindemittel zu The Morning Bell (In The Dark Version), das latent redundant wie die vage (freilich wieder nur  wenige Sekunden lange) Ahnung einer in Zeitlupe geschrammelten Acoustic-Demo wirkt. Pyramid Strings (wie uninspiriert kann man eigentlich das Archiv plündern?) übernimmt dort ohne Nahtstelle als eine verschwommene, diffuse Illusion als Textur-Element, bevor Alt. Fast Track im Reverb entschleunigter seinem krautigen Psychedelik-Groove folgt. Untitled V3 (praktisch das Life in a Glasshouse-Inro mit Helium-Vocals an der Schmerzgrenze) wird man mehr als alles andere hier außerhalb des Kontextes niemals hören wollen, doch How To Disappear Into Strings gerät als wunderbar atmosphärischer Streicher-Score, der die Solo-Film-Kompositionen von Jonny Greenwood mit düster-bedrohlicher Intensität vorweggenommen hat und zur anmutigen Schönheit wächst, absolut bestechend.
Es ist also nicht alles schlecht am neuen Bonusmaterial, das absolut nicht! An den hauseigen gesetzten Standards (nochmal: wie liebevoll und reichhaltig war bitte nochmal die zweite Seite von OK Computer OKNOTOK 1997 2017 zusammengestellt?!) scheiternd fühlt sich KID A MNESIA trotz aller Qualitäten jedoch wie eine vertane Chance an. Als frustrierender Zankapfel für Komplettisten hinterlässt dieses potentielle 10/10-Kompendium entlang seiner die Geldbeutel der Fans melkenden Editionen stets einen fahlen Beigeschmack und enttäuscht insofern, dass nicht nur zwei der besten Alben der Band sich mehr verdient hätten, als dieses einfach unvollständig wirkende Konglomerat.

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