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SeeYouSpaceCowboy – The Correlation Between Entrance and Exit Wounds

SeeYouSpaceCowboy - The Correlation Between Entrance and Exit Wounds

Hat etwa ausgerechnet Pure Noise Records die Senkrechtstarter von SeeYouSpaceCowboy weichgespült – oder die Band für ihr Debütalbum The Correlation Between Entrance and Exit Wounds nur ihre Perspektiven erweitert?

Auch wenn Langzeitfans eher zu erster These tendieren zu scheinen, trifft über 29 rasante Minuten eher zweitere Schlußfolgerung zu. Immerhin bleiben die Jungspunde aus San Diego als Chronisten des MySpace-Revivals primär im Math- und Metalcore der Jahrtausendwende beheimatet, verlieren nicht ihren Charakter. Sie domestizieren ihren Sound zwar durchaus massentauglicher ausgebügelt mit einem Plus an Post-Hardcore-Essenzen sowie einer Reduktion an wütendem Screamo. Mehr noch dehnen sie ihre Einflüsse aber aus, öffnen sich und verlagern den Schwerpunkt nunmehr neben dem Einmalseins der Debütalben von Converge oder The Dillinger Escape Plan vor allem auch in die Jugendjahre von Thrice.
The Correlation Between Entrance and Exit Wounds wirft also wie bereits die Compilation Songs for the Firing Squad bandintern verinnerlichte Referenzen (wie Heavy Heavy Low Low oder Test Icicles ) um bollernde Blastbeats, heftige Breakdowns, hysterisch gegen den Strich fauchenden Gitarren samt dem manischen Wechselspiel aus giftigen Shouts und kehligen Gebrüll in die sich verausgabende Waagschale – gibt sich aber eben nicht mit einer reinen Wiederholung der Erfolgsformel zufrieden, die wohl mancherorts gerne gehört worden wäre.

With High Hopes and Clipped Wings taucht etwa weit ausholend beinahe thrashig an und legt sich dann in einen leidenschaftlichen Emocore-Part, erinnert an die ersten EPs von Funeral for a Friend. Disdain Coupled With A With Smile bietet sich dagegen als psychotischere Alternative zu Employed to Serve an und Prolonging The Inevitable Forever beginnt mit massivem Bass im Groove Metal und bei Code Orange, lebt sich dann aber doch lieber bei The Artist in the Ambulance und frühen Poison the Well aus, wo Dissertation of an Idle Voice einen gefinkelten The Fall of Troy-Rabatz mit Harmonie-Call-and-Response-Parts ausstattet, die Tell All Your Friends doch zu aggressiv gewesen wären.
Selbst in derart – nun ja – klassischer veranlagten SeeYouSpaceCowboy-Songs ist der externe Einflussbereich auf die Band also noch einmal merklich gestiegen, wo durch die noch drastischeren Ausläufern der Entwicklung und die mit ihnen entstandene ausgewogenere stilistische Bandbreite auch an bisherigen Mankos wie dem übergeordneten Spannungsbogen sowie dem allgemeinen Abwechslungsreichtum geschraubt wurde.
Das ausnahmslos für den Albumfluß geschriebene Instrumental A Space Marked ‚Escape‘ findet so beispielsweise eine ungekannte Ruhe, wenn sich die Band mit ambienten Reverb-Gitarren in die Atmosphäre legt, entschleunigt durch verwaschene Distortion geschleppte Drums im kontemplativ nachdenklichen Tempo sogar Postrock-Flair aufkommen lassen.

Derart hymnische Bögen, die die Gitarren gerade in No Words, No Compensating Lies jetzt über der Heavyness mit weitschweifenden Konturen beschreiten, wären zudem bis vor kurzem noch kaum möglich im SeeYouSpaceCowboy-Kontext gewesen, ist aber durchaus repräsentativ. Generell bekommt der rein instrumentale Teil der Nummern auf The Correlation Between Entrance and Exit Wounds mehr Raum, wodurch die Kompositionen befreiter atmen können, eine epischere Komponente im Spektrum der Band erschaffen und den attackierenden Ausbrüchen mit entsprechenden Konterparts gleichzeitig eine andere Intensität zugestehen.
Late December pflegt etwa wieder einen ätherisch-perlender Beginn mitsamt rezitierenden Stimmungs-Vocals, bevor die Spannungen brechen letztendlich über fette Mosh-Attacken im Hardcore aufbrechen, sich aber nicht an billigen Baukasten-Strukturen bedienen. Stattdessen übernimmt im konkreten Fall das fiese Noise-Interlude Have You Lost The Plot, über das Feedback kommend sein Inferno fiepend hinauszögernd und erst im Agressionszirkel Put On A Show, Don’t Let Them See You Fall (der einzige Songtitel mit traditionellem SeeYouSpaceCowboy-Vibe) explodierend, der sein variables Tempo wüst bis zu Darkest Hour knüppelt, aber dabei dennoch an erhebenden Gesten interessiert bleibst.

Dass die Ecken und Kanten, der Wahnsinn und die Tollwut auf The Correlation Between Entrance and Exit Wounds weniger garstig und unberechenbar geworden sind als auf dem bisherigen Material der Band, ist deswegen einerseits schade – und kann wie auch eine weniger unmissverständlich erkennbare eigene Identität auch (noch) nicht restlos durch neu gewonnene Tugenden aufgewogen werden. Dass The Correlation Between Entrance and Exit Wounds den Melodien und griffigen Ideen allerdings soviel mehr Auftrittsfläche bietet, um sich natürlich und ungezwungen zu entfalten, tut der Band und ihrem Songwriting dennoch auch bereits jetzt, aber vor allem mit dem weiterführenden Blick auf den Horizont, gut.
Der Closer The Phoenix Must Reset bringt die kontrastreicheren Amplituden der Platte schließlich im Wechselspiel aus toxischer Lautstärke und fast anmutiger Schwelgerei zusammen, entlässt vergleichsweise unspektakulär und dennoch als Gradmesser: The Correlation Between Entrance and Exit Wounds schafft die Voraussetzungen für eine noch vielversprechendere Zukunft von SeeYouSpaceCowboy, nimmt dafür zum  jetzigen Zeitpunkt  aber auch in Kauf, die aktuell noch im vollen Gang befindliche Evolution nicht bereits über die gesamte Distanz formvollendet in tatsächlich herausragende Musik übersetzen zu können. Aber das passt schon so – alleine, weil sich das Genörgel etwaiger Puristen als adelnde Wachstumsschmerzen kategorisieren lassen.

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