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Slipknot, Vended [27.07.2022: Stadthalle, Graz]

Slipknot Live Graz

Die Maskenträger aus Iowa gehen immer: Mit knapp einem Jahr Verspätung holen die Konsens-Publikumsmagneten Slipknot ihre Graz-Show in der Stadthalle nach – wie immer mit immensem Entertainment-Faktor rundum überzeugend.

Ursprünglich als Teil ihrer We Are Not Your Kind-Tour in den Verkauf gegangen, firmiert das (nicht restlos ausverkaufte, von der Messe in die Stadthalle umgesiedelte) Graz-Gastspiel mittlerweile unter dem pragmatischen Banner der European Tour 2022. Was alleine deswegen Sinn macht, weil vom seinerzeit titelstiftenden Studioalbum nur noch Unsainted in der Setlist verblieben ist – neben der sich längst als Instant-Klassiker etabliert habenden Standalone Single All Out Life, die auch an diesem Abend alles abreißt.
Songtechnische Überschneidungen mit dem Wien-Gig 2019 gibt es freilich dennoch zuhauf – aber unkaputtbar funktionierende Hits wie Duality oder Wait and Bleed zünden auch ein ums andere mal, warum also auf radikale Umbrüche setzen?

Trotzdem fallen natürlich die (überschaubaren) Unterschiede zwischen den beiden jüngsten Österreich-Konzerten der neun Musiker ins Auge.
Die beginnen bei der Vorband: Anstelle der mancherorts vertretenen Jinjer müssen in Graz Vended als Nepotismus-Lösung genügen: Zu zwei Fünftel besteht das Quintett aus Slipknot-Söhnen, wobei Griffin Taylor (vor Drummer Simon Crahan) nicht nur stimmlich extrem ähnlich klingt wie sein Vater, sondern auch dessen Ansagen und Gebärden schamlos kopiert – und sich Vended ohnedies in jeder Hinsicht das Leben mit unvermeidbaren Vergleichen schwer machen: Optisch fährt man den geschminkten Zug Richtung Mudvayne weiter, stilistisch wirkt es sogar, als würde man Versatzstücke von Slipknot für jene Kunden wiederkauen, denen das Mutterschiff mittlerweile zu wenig Härte zeigt.
Hängen bleibt von dem kompetenten Amalgam abseits des identitätslos ohne eigene Vision transportierten Eindrucks hier aufgewärmtes Erbrochenes vorgesetzt zu bekommen, allerdings wenig konkretes. Unterhaltsam ist die Standard-Stafette aus zweckdienlichen 08/15-Riff-Formeln, banalen Nu Metal-Ingredienzen, effektiv ballerden Tempoausbrüchen und mattenkreisenden Breakdowns aus Methadonprogramm-Sicht aber dennoch. Selbst wenn im Publikum trotz aller bemühter Versuche des Vended-Frontmannes wirklich keinerlei Stimmung aufkommen will. Da waren Behemoth bei aller Hass-Liebe dann doch ein anderes Kaliber.

Und während die Stadthalle in Graz den direkten Vergleich gegen jene in der Bundeshauptstadt zumindest in klanglicher Hinsicht mit einem lauten, vollen und zumindest ausreichend differenzierten Sound locker gewinnt, war dann die Setlist von 2019 doch gelungener ausgewählt: Statt des damaligen Fokus auf dem Debüt ist 2022 nun mit All Hope is Gone das stumpfte Diskografie-Lowlight der Band am häufigsten vertreten, das kaum bessere .5: The Gray Chapter folgt unmittelbar darauf. Dazu kommt diesmal der unausgegorene The End, So Far-Vorbote The Chapeltown Rag, der dann auch einer der wenigen nicht restlos euphorisch abgefeierten Songs des Abends ist: Dead Memories hat daneben auch noch außer seinem Mitgröhl-Refrain nichts zu bieten (kommt aber im besagten Chorus gut an), The Devil and I läuft relativ belanglos nebenher, und die okaye (egal was anderswo neben „Trash“-Irrungen behauptet wird/wurde, nicht zum ersten Mal seit vierzehn Jahren ausgegrabene) Ballade Snuff nimmt Energie etwas aus dem (trotz einiger zwischen den Songblöcken eingebrachter Atempausen) dringlichen Spannungsbogen, wie sonst nur die enervierende Intro-Einleitung mit For Those About to Rock (We Salute You) und Get Behind Me Satan and Push.
Und weil man grad am meckern ist: Die aus dem Formelheft der Stadion-Animation überhöhten Ansagen von Corey Taylor lassen die Show mit all den „We are Family!“-Proklamationen fast wie ein Fast and Furious-Spin-Off anmuten und tragen subjektiv einfach übersättigend dick auf. Und das Merch: teuer und hässlich – wahlweise aber ja ignorierbar.

Der wirklich absolut grandiosen Stimmung samt extrem hohen Unterhaltungswert tun derartig relative Schönheitsfehler allerdings wirklich keinen Abbruch: der Abend ist ein Entertainment-Spektakel sondergleichen, macht Bock ohne Ende.
Man kann sich ohne nostalgische Verklärung alleine über die exquisite Pyro-Show und neue Masken freuen, zahlreiche Klassiker und Lieblingssongs aus voller Kehle mitbrüllen. Oder der Katharsis noch direkter fröhnen: Mittendrinnen tobt ein selten still stehender Pit, der zwar auch mit dauerfilmenden Tik-Tok-Moshern irritiert, ansonsten aber auf einem unpackbar rutschigen Boden herrlich intensiv auf einem verschwitzten Gaspedal steht, das sich bis zum Zenit Spit it Out immer weiter steigert. Tatsächlich geiler, als auf dem We Are Not Your Kind-Tourstopp!
Insofern gilt eben: Slipknot gehen live einfach immer, die Gruppe ist ein konstanter Garant für ein massentaugliches Metal-Feuerwerk, dem man mit selbst gewähltem Workout-Grad im furoisen Momentum beiwohnen kann. Dass Taylor etwaige Schwanengesang-Gerüchte ob der Titelwahl des kommenden siebenten Studioalbums dementiert und darüber hinaus sogar in Aussicht stellt, dass Slipknot nach den bisherigen 23 Jahren Bandhistorie auch mindestens die nächsten 23 solchen in Angriff nehmen werden, lässt sich mit den eigenen potentiell geriatrischen Zuständen im Jahr 2045 eigentlich nicht wirklich in Einklang bringen, ist nach diesen eineinhalb Stunden exzessiver Konzertfreude aber durchaus ein gerne angenommenes Versprechen.

Setlist:
Disasterpiece
Wait and Bleed
All Out Life
Sulfur
Before I Forget
The Chapeltown Rag
Dead Memories
Unsainted
The Heretic Anthem
Psychosocial
The Devil in I
Snuff
Vermillion
Duality
Custer
Spit It Out

Encore:
People = Shit
Surfacing

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