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Springtime – Springtime

Springtime - Springtime

Unter dem Namen Springtime firmierte in den späten 70ern bereits eine österreichische Band, nun beansprucht jedoch auch Gareth Liddiard (The Drones/ Tropical Fuck Storm) das Banner für seine neue Allstar-Plattform mit Jim White (Dirty Three/Xylouris White) und  Chris Abrahams (The Necks).

Während das gute Deep States trotz aller Qualitäten wenig Euphorie hinterlassen hat, serviert das arrivierte australische Trio mit Will to Power, das straight zu seinem Piano und den scharfkantig flanierenden Noise/Post Punk-Gitarren nach vorne stapfend immer dringlicher wird, gleich als Opener einen starker Song und absoluter Ohrwurm – der sich in seiner auf die stromlinienförmige Schmissigkeit ausgelegten, gar aufgelehnten und energisch aufbrausenden Direktheit und Aufbruchstimmung jedoch dennoch wie eine deplatzierter Einstieg in die Platte anfühlen wird.
Weil springtime ein Debüt aufgenommen haben, dem seine sich zuspitzenden Szenen ansonsten nicht geplant, sondern stets instinktiv und auch spontan aus der melancholischen, bedächtig am Abgrund brodelnden Kontemplation erwachsen, und sich  weitaus homogener und natürlicher passierend in den Kontext einfügen als Will to Power, das in seiner nicht repräsentativen Drones-Nähe wohl als separate Single in seiner kohärenten Stringenz am meisten Sinn ergeben hätte.

Spätestens eigentlich schon, wenn das folgende The Viaduct Love Suicide das Tempo und die Bewegung geradezu abrupt hinausnimmt und als todtraurig am Klavier darbende Ballade in Zeitlupe ergreift, wie eine trostlose Reminiszenz an No More Shall We Part. Liddiard, Pianist White und Drummer Abrahams benötigen ansonsten nur noch wenig Besenschlagzeug, um die jazzige Noir-Atmosphäre der rotweinspritzigen Platte zu etablieren. Die erste von zwei Nummern aus der Feder von Liddiards irischen Onkel Ian Duhig erzählt die wahre,  zum Verzweifeln unter die Haut gehende Geschichte eines tragischen Schicksales in poetischem Realismus und verklingt als stilles Farewell to the world, während das nahtlos anschließende Jeanie In A Bottle, die zweite Adaption aus der familiären Quelle als sinister-unterschwelliger, beklemmender Wellengang an den Tasten mit dem Drama der menschlichen Existenz am Flaschenhals beklemmt, ausgemergelt und abgekämpft sich avantgardistisch von den Strukturen lösend hochzwirbelnd die katatonische Katharsis mit Fiona Kitschin zu einer ausgemergelten Psychose aufschichtend.

Überhaupt besteht ein Gutteil des Albums theoretische aus Fremdmaterial – She Moved Through The Fair ist eine wunderbar ätherische verträumte Interpretation des Traditionals, das wie eine vage Erinnerung friedlich schwelgt, und das Will Oldham-Stück West Palm Beach überrascht als Liveversion (Es ist dabei schon nachvollziehbar, warum die Band diesen Mitschnitt verwenden wollte – er gelingt extrem stimmungsvoll, der Sound fügt sich in den Kontext und das Ambiente passt auch zum spontanen, instinktiven und auch intim-persönlichen Charakter der Platte. Mit den Gesprächen vor der Performance und dem  zu abrupt ausgefadeten Applaus hinten herauseditiert wäre er hinsichtlich des Sequencings aber noch besser gewesen).

Tatsächlich aber klingt jeder einzelne dieser Songs hier wie ein Original, denn Springtime haben ihre Referenzen assimiliert und sich zu Eigen gemacht. In der Spannweite des ambienten Blues/Soul-Artrock-Hybriden The Island, der abgeklärt unruhig-zappelnd in einer dunklen Ecke der eigenen Vergangenheit lehnt, während die Drums von jeher jammende Unruhe stiften wollen und die gereizte Orgel sowie den in psychedelische Hall-Sphären abdriften Liddiard auch wirklich irgendwann als freie Radikale improvisierend kurz zur geduldigen Majestät mit Temperament aufwiegeln, oder der sich gehässig aufreibenden Intensivkur The Killing Of The Village Idiot, haben Springtime eine anachronistische Platte mit erschöpfendem Finale beschworen, deren eigenwilliger Charakter eine fesselnde Sogwirkung erzeugt und gleichzeitig eine paradox einladende, kurzweilige und doch auch erschütternde Verweildauer evoziert.
Mag Liddiard auf seiner besten Platte seit mindestens A Laughing Death in Meatspace dabei auch stets merklich im Epizentrum der Ereignisse stehen, ist das den Bandname unteilbar für sich reklamierende Gefüge und sein verarbeitetes Material entgegen geltender Supergroup-Traditionen eben auch wirklich zu jedem Zeitpunkt mehr als die Summe seiner Teile.

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