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Sturgill Simpson – Cuttin‘ Grass Vol. 1: The Butcher Shoppe Sessions

Sturgill Simpson - Cuttin' Grass Vol. 1 The Butcher Shoppe Sessions

Sturgrass! Einer Charity-Challenge mit seinen Fans folgend löst Sturgill Simpson sein Versprechen eines Bluesgrass-Doppelschlags nach einer Liveshow nun auch auf Platte ein und widmet sich mit Cuttin‘ Grass Vol. 1: The Butcher Shoppe Sessions einer entsprechenden Diskografie-Rework-Retrospektive.

Kein Jahr nach Sound & Fury bleibt Simpson (mit dem stylishsten Shirt-Merch der Szene übrigens) ein stilistisch unberechenbares Chamäleon, öffnet eine spontane Nebenbahn für seinen offiziellen Fünf-Alben-Plan, und deutet vom guten Zweck beflügelt kurzerhand zwanzig Songs seines Backkatalogs im Bluegrass-Modus um – einzig seine ambivalente wahrgenommene 2019er Platte fehlt. Wenig überraschend wohl, wenn man jüngere Interviews zu der Platte im Hinterkopf hat: „I’m completely burnt out on the record. I literally can’t listen to it … Maybe if you don’t want to be on a record label anymore, you make a record they can’t market, then you get them to spend a million bucks on an animation film and refuse to promote it, and leave them holding this giant un-recouped debt.

Doch auch Songs von A Sailor’s Guide To Earth sind (nur mit dem gelöst schunkelnden All Around You sowie einem betörend arrangierten Breakers Roar vertreten) Mangelware, der Großteil der insgesamt zwanzig Nummern stammt rund um das coutryesk bleibende Life Ain’t Fair and the World Is Mean sowie dem verdrogten Evergreen Turtles All The Way Down von High Top Mountain und Metamodern Sounds in Country Music. Dazu greift Cuttin‘ Grass Vol. 1: The Butcher Shoppe Sessions auch bis zu Sturgills Sunday Valley-Tagen zurück: Das flotte All The Pretty Colors und ein wunderbar melancholisches I Don’t Mind finden sich auf To The Wind and On To Heaven von 2011, Sometimes Wine in seiner fidelen Ausgelassenheit und das weihevoll entschleunigte Highlight I Wonder datieren gar ursprünglich auf die selbstbetitelte EP von 2004.

Mit einer fantastischen Band aus „bona fide wizards“ im Rücken (also: Stuart Duncan an der Fidel, die anbetungswürdig aufzeigende Sierra Hull an Mandoline und Backing Vocals, Banjo-Mann Scott Vestal, den beiden Gitarrist Tim O’Brien Mark Howard sowie Mike Bub am Bass und dem genretypisch kaum merklich auftauchenden hauseigenen Drummer Miles Miller unter der Produktions-Regie von David “Ferg” Ferguson in Nashville) verwandelt Simpson die Songs aus seinem Katalog so zu absolut erfrischenden – traditionellen, aber nicht konservativen – Bluegrass-Nummern, die entlang der Erwartungshaltung praktisch nichts falsch machen, und gerade in den ruhigeren, tröstend-traurigen Momenten wie Water In A Well besonders intensiv unter die Haut gehen.
Ich hatte schon lange vor, dass ich eines Tages viele dieser Stücke auf diese Weise aufnehmen wollte, einfach organisch und auf das Wesentliche der Komposition heruntergebrochen. Wenn es nicht möglich ist, sich hinzusetzen und ein Song auf diese Weise zu spielen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es ein ziemlich beschissenes Lied ist. Im Umkehrschluß hat Sturgill also (wenig überrschend) zwanzig verdammt großartige Songs zu bieten, die er mit einer absolute beseelten Performance adelt.

Und doch gibt es minimale Kritikpunkte an diesem „Mixtape für die Fans„: Ohne von Hektik zu sprechen wirken manche Songs durch die allgemein beschwingtere Spielweise ein klein wenig eilig abgehandelt, es gibt wenig Raum für Improvisation oder zurückgelehnten Müßiggang, man bleibt dicht an den Originalen. Dass Sturgill (die auf seinen regulären Platten gerne  anzutreffenden) Coversongs und gerade seinen weiter draußen mit Puristengift jonglierenden jüngsten beiden Alben außen vorgelassen hat, wirkt zudem wie eine verpasste Chance für eine mutigere Ausrichtung. Und die alphabetische Anordnung der Nummern lässt außerdem keinen schlüssigen Spannungsbogen aufkommen, Cuttin‘ Grass Vol. 1: The Butcher Shoppe Sessions will gar nicht versuchen, mehr als eine Songsammlung im homogen inszenierten Soundgewand zu sein.
Dennoch gestalten sich die theoretisch auslaugen müssenden, praktisch aber mit zeitloser Klasse niemals übersättigenden 56 Minuten Spielzeit verdammt kurzweilig – Diskussionen, ob hier die ursprünglichen Studioversionen überflügelt werden, sind deswegen absolut nachvollziehbar, auch wenn man diese nur bedingt teilen muß. Letztendlich egal: Ein Vol. 2 dieses Sturgrass-Triumphzuges kann gar nicht schnell genug nachgelegt werden.

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