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Sturgill Simpson – The Ballad of Dood & Juanita

Das letzte Soloalbum von Sturgill Simpson ist (exklusive der hervorragenden beiden Charity-Stugrass-Nebenprojekte gerechnet) das fünfte (mindestens) sehr gute am Stück. The Ballad of Dood and Juanita ist aber auch das erste unterwältigende.

Das hat sicher auch mit der Position der Platte in der Diskografie als finaler Schlusspunkt sowie den vorab die Erwartungen schürenden Ankündigungen zu tun. Aber auch damit, dass The Ballad of Dood and Juanita in seiner Erscheinungsform bewusst eine kleine Verweigerungshaltung zeigt: Gerade einmal 28 Minuten nehmen die acht Songs (und zwei Interludes, dazu ist der schwerfälliger schreitende Closer Ol’ Dood (Part II) exemplarisch unspektakulär einen Gutteil seiner Spielzeit nicht nur redundantes Reprise, sondern gleich plätscherndes Outro) eines Konzeptalbums ein, dass sich alleine in seinem Volumen (selbst für ohnedies immer kompakte Dick Daddy-Verhältnisse) eher als EP (oder sogar Schnellschuss/Nebenbaustelle) anfühlt, denn als prolongierter Opus.
Erstmals ruft eine Platte von Simpson jedenfalls keine beeindruckende Überwältigung hervor (wie Metamodern Sounds in Country Music), geht keine genialen Scheuklappenrisiken ein (wie das furiose A Sailor’s Guide To Earth) oder provoziert polarisierende Paradigmenwechsel (wie das aus dem restlichen Release-Kontext fallende Sound & Fury), sondern ist einfach „nur“ ein toller Bestandteil der ausfallfreien Simpson-Diskografie. Ein versiertes und hochklassige Kleinod, aber nicht der geniale Höhepunkt der Veröffentlichungsreihe, das hinsichtlich der gehaltvollen Substanz eben auch gefühlt spürbar lässt, dass The Ballad of Dood and Juanita in nur einer Woche entstanden ist.

Abgesehen davon, dass sich die Platte insofern Vorwürfe dahingehend gefallen lassen muss, was sie nicht geworden ist, macht The Ballad of Dood and Juanita als irgendwo spontan aus der Konsequenz (und übrigens auch mit dem großteils selben Team im selben Studio) von Cuttin’ Grass gewachsen scheinendes Proto-Bluegrass-Werk mit latentem Appalachian-Folk, Mountain Music und Gospel-Ambiente genau genommen aber auch wenig falsch – und schließt den Kreis der Sturgill-Werke an sich auch: War das Debüt High Top Mountain (inklusive des Beinahe-Willie Nelson-Covers I’d Have to Be Crazy) nach dem Friedhof benannt, auf dem Simpsons Großeltern beerdigt sind, zollt The Ballad of Dood and Juanita (samt Willie Nelson-Gastspiel) seinen Vorfahren nun gleich im Titel als Namenspatronen Tribut.
Inhaltlich folgt setzt The Ballad of Dood and Juanita allerdings bereits zu Bürgerkriegszeiten und fiktive Charaktere in die etwas klischeehafte, „simple tale of redemption or revenge“-Handlung „about love among the legends of the Kentucky frontier“ ein: Ein Mann („Any man that crossed him was surely gonna bleed/ And he’d stretch you up and burn you for callin‘ him half-breed„), eine Frau („There’s no senoritas from the mountains where you came/ And if I ever saw one, she wouldn’t be pretty as you/ With black hair so long, soft eyes so blue„), ein Pferd („Never was a finer breed than the steed that was Shamrock„), ein Hund („He was a hound of hounds/ He was the wonder of all walkers/ He loved howlin‘ at the moon/He loved treein‘ that racoon„).

Dass Simpson das Narrativ dabei mit vielen zeitgeschichtlich authentischen Details erzählt, muß man historisch bewanderteren Quellen wohl glauben. Auch ohne Expertise lässt sich jedoch nachhören, dass Sturgill seine Geschichte über eine toll akzentuierte Produktion mit einer musikalischen Virtuosität und stimmlich einnehmenden Bandbreite darbietet. Kurzweilig passiert dies zudem, obwohl die Dynamik des traditionell veranlagten Songwritings genau genommen meist überraschungsarm und kaum Wendungen forcierend ausgelegt ist.
Abseits des unorthodoxen Acapella-Stücks Sam (RIP!) wagt nur das tolle Shamrock (mit seinen tieftimbrigen „Ohohoo“ galoppierend dreht die Nummer salopp zum Jam ab) einen Spagat, wohingegen die sonst gängige Wechselwirkung aus flotteren Nummern (Ol’ Dood (Part I) oder Go in Peace geben sich mit Fidel, Mundharmonika, Maultrommel oder Banjo ausgelassen) und kontemplativeren Stücken (wie die samtene Anziehung von One in the Saddle, One on the Ground oder das gefühlvoll und ruhig schippernde Played Out) die Dynamik auch so frisch hält.

Wo die Ambitionen kompositorisch diesmal also ziemlich pragmatisch ausgelegt sind, überzeugen die Ergebnisse ansatzlos mit einer grundlegenden Klasse, Hingabe und ausfallfreien Qualität, die außerdem im essentiellen Glanzstück Juanita gipfelt: Zu einer romantisch schwofenden Elegie steuert Willie Nelson im Mondlicht hinter der leidenschaftlichsten Szene des Albums („Juanita where your mama get that name?“) eine wahrhaftige, bezaubernde Trigger-Arbeit bei.
Trotz dieses Instant-Highlights wird man zu The Ballad of Dood and Juanita (das vielleicht auch mit mehr Inkubationszeit keinen Klassiker-Anspruch gestellt, aber seinen Nährwert weniger überhastet hinausgeschossen doch steigern hätte können) wohl weniger oft und süchtig zurückkehren, wie zu seinen Vorgängern – aber ähnlich konstant. Alles Jammern über diesen Abschluss der Sturgill-Pentalogie findet schließlich auf hohem Niveau statt. Und bringt dann eben auch immer wieder Dinge in den Fokus, die (noch) nicht sind: Die Mutmaßung, dass der 43 jährige selbst gedanklich schon bei zukünftigen Projekten zu sein scheint, mag der Fingerübung von Juanita und Dood zwar nicht schmeicheln, aber steigert eigentlich nur die Vorfreude darauf , was Simpson als Nächstes plant.

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