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Sufjan Stevens – Celebrations

Sufjan Stevens - Celebrations

The Five Stages of Grieve als instrumentale Ambient-Odyssee: Celebrations ist der vierte Part der letztendlich 49 Songs umfassend werdenden, fünfteiligen Albenserie Convocations, auf der Sufjan Stevens den Tod seines leiblichen Vaters musikalisch verarbeitet.

Für Sufjan Stevens gehört es mutmaßlich dazu, beim Tod eines Menschen auch dessen Leben zu feiern. Ohne deswegen einer ausgelassenen Party gleichzukommen, hebt Celebrations jedenfalls eine gewisse Schönheit und positive Grundausstrahlung auf das Podest, artikuliert sein Wesen im ästhetisch und stilistisch kohärenten Schulterschluss mit den bisherigen drei großen Segmenten von Convocations, allerdings mit einigen Modifikationen und über eine gewisse Unberechenbarkeit, der ähnlich wie Lamentations jedoch auch eine latente Willkür und zerfaserte Verstreuung vorgeworfen werden kann. Was insofern schade ist, weil Celebrations stimmungstechnisch am bisher nähesten an konventionellen Stevens-Alben angelehnt immer wieder andeutet, mit einer fast kindlichen Naivität neue Hochphasen des Projekts erzielen zu können – nur um dann seine Aufmerksamkeit kurzerhand auf andere Schwerpunkte zu lenken.

Celebration I überrascht insofern gleich mit Orchester-Streichern im Score-Gewand, ambient strukturoffen, aber den bisherigen MO des Projektes eben theoretisch eine vollkommen andere, von der progressiven Elektronik weg zu angestammten Hoheitsgebieten gehende Richtung anbietend: Wie wunderbar diese Fusion mit kammermusikalischen Elementen doch verführt!
Celebration II übernimmt dort an der verträumten Kid A-Klaviatur, nähert sich entschleunigten Lullabye-Ahnungen von Melodien, die sich weit entfernt der zauberhaften Melancholie der Stevens-Magie bewusst sind – doch bald erweist sich der Einstieg in die Platte als falsche (oder zumindest: nur noch sporadisch weiterbeobachtete) Fährte, wenn die Schaltkreise der Indietronic zu blinken begonnen, leise schraffierte Texturen über geloopte Sequenzen laufen, alte Skripten aus den 80ern von Utopien fantasieren.
Celebration III oszilliert mit einer sakralen, hoffnungsvollen Schwere in Zeitlupe wiegend, hat etwas beruhigend friedliches in seinem auf-und-abblenden, Celebration IV ist abstrakte Schaltkreismusik als ambienter Drone mit variabel schimmerndem Farbsprektrum, entrückt einladend und freundlich.

Celebration V zeigt ein Kaleidoskop einer Versuchsanordnung aus verspielt aufblühenden, minimalistischen Synthharmonien, schimmernd pulsierend und rhythmisch rasselnd – nicht revolutionär oder innovativ, aber interessant, und deswegen in seinem fragmentarischen Flickwerk-Charakter auch unbefriedigend. Celebration VI, mit seinen Vocals-Loops, verspielt diffus rückwärts laufenden orchestralen Schnipseln, schnauft gar einem pochenden Beat als ätherischer Fiebertraum hinterher. Doch keine Konsequenz zu erzeugen gehört leider offenbar zum System.
Um wievieles großartiger hätten etwa ein Celebration VI (als unterschwellig bedrohlicher Alien-Teppich mit Science Fiction-Neugier und dicht gewebtem, sympathischen Suspence) oder Celebration VIII (ein extraterrestrisches Aquarium mit bezaubernd-unwirklichen Licht-Effekten in einem atonal einladenden Rahmen), die retrofuturistische Elegie Celebration IX oder das sich eine kristalline Wendeltreppe hinaufzwirbelnde Celebration X mit seinem sanft verklingenden, deliranten Crescendo, noch sein können, wenn nicht jeder Track den Eindruck vermitteln würde, erst die Skizze einer tatsächlichen Großtat zu sein, über The Ascension hinausschwebend.

So ganz weiß Celebrations also nicht was es will, auch nicht, wozu es potentiell in der Lage wäre, wo der Fokus seiner Absichten liegt. Es ist ein Teilstück, das vieles (sehr) gut, aber nichts so überwältigend macht, wie wohl möglich. Vielleicht fägt es damit das Gefühl, auch Freude und Dankbarkeit in einer so schmerzvollen Phase des Verlust-Verarbeitung empfinden zu können, adäquat ambivalent ein. Mehr noch als bei den bisherigen Veröffentlichungs-Paketen von Convocations erzeugt Celebrations aber bereits jetzt den Eindruck, dass die aufgefahrenem 41 Minuten im Kontext des Gesamtwerkes deutlich besser funktionieren werden, als auf sich gestellt.

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