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Sufjan Stevens – Incantations

Sufjan Stevens - Incantations

The Five Stages of Grieve als instrumentale Ambient-Odyssee: Incantations ist der fünfte und letzte Part der letztendlich 49 Songs umfassend werdenden, fünfteiligen Albenserie Convocations, auf der Sufjan Stevens den Tod seines leiblichen Vaters musikalisch verarbeitet.

Es ist mit nur 23 Minuten Spielzeit zwar auch der klar kürzeste Segment, vielleicht sogar noch skizzenhafter ausgelegt als seine Vorgänger, im nicht zu erwartenden Umkehrschluss aber gleichzeitig auch das emotional ergiebigste und einladendste Teilstück – zudem nicht nur innerhalb seines eigenes Kontextes einen schlüssigen Spannungsbogen mit klaren Ausrichtung folgend, sondern auch Convocations im Gesamten einen erfüllenden Abschluss und gar subversiven Höhepunkt bietend.
War der bisherige Verlauf des Projektes immer auch ein Ringen zwischen dem Positiven und Negativen, dem Optimismus und Pessimismus, ist Incantations nun nämlich quasi das Beschwören des Lichts am Ende des Tunnels, eine finale Hinwendung zum hoffnungsvollen Blick nach vorne. Nur einmal, zur Mitte hin, in der todtraurig abgekämpften Katatonie Incantation VI, scheint Stevens die Balance hin zur depressiven Tendenz zu verlieren, bevor er die so entschleunigte Abseitigkeit mit einer vagen Klavier-Melancholie bedächtig kurskorrigiert.

Ein dramaturgischer Klimax ist damit ebenso gewährleistet wie der Einklang mit dem atmosphärischen Rahmen am Stimmungsbarometer. Das in Zeitlupe wiegende, halluzinogen oszillierende Incantation I träumt in diesem von einer fast kindlichen, naiven, klaren, esoterischen Illusion und das warme Incantation II wirkt wie eine nachdenkliche, digital verfremdete Marimba-Oase und Incantation III bekommt eine dissonant-ausstoßende, von willkürlich geöffneten Druckventilen erzeugte Schieflage, bleibt dabei aber stets sanft und balsamierend. Incantation IV ist eine diffuse Fantasie, eine Erinnerung an angenehme Momente, verzogen durch das Gewicht der Gegenwart. Incantation V moduliert dagegen schimmernde Loops zu einem flimmernden Regenbogen.

Incantation VII hat eine einladende Tendenz zur minimalistischen Melodie, zur verführerischen Harmonie, etwas unwirklich weiches und gleichzeitig unergründlich trauriges, bevor Incantation VIII als somnambul pulsierende Sequenz das weitläufige Finale Incantation IX vorbereitet: ein düsterer Nebel, ätherisch und unheimlich, eine Einsamkeit im universalen Raum, astral vollkommen körperlos treibend.
Diese letzten Meter sind es auch, die Incantations ein Gewicht geben, während ansonsten eine gewisse Flüchtigkeit in der fragmentarischen Collage herrscht: Wo der abschließende Track mit viereinhalb Minuten der mit Abstand längste der Platte ist, wünscht man sich, auch die restlichen Stücke derart ausführlich erforscht zu bekommen. Das Gefühl, dass einem die Wohltat förmlich zwischen den Fingern zu zerinnen scheint, trägt allerdings dazu bei, dass Incantations als bester Teil der Serie die größe Suchtwirkung erzeugt und, wo seine Vorgänger durchaus auch mit Fanbrille zwischen den Punkten aufgewertet wurden, am deutlichsten am nächsten Level kratzt. Das Teilstück also, das Convocations endgültig zum bisher überzeugendsten Ambientwerk von Stevens macht.

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