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Swans – Is There Really A Mind?

Swans - Is There Really A Mind?

Man kennt das Konzept: Michael Gira bereitet mit dem traditionellen (limitiert aufgelegten und natürlich lange ausverkauften) Fundraiser-Werk Is there Really a Mind? in Form von zehn roh-spröden Solo-Acoustic-Avantgarde-Folk-Singer-Songwriter-Skizzen das nächste – sechzehnte und womöglich letzte? – Swans-Album vor. 

Zwar konnte das tolle Leaving Meaning ohnedies nicht die genialen Momente seiner drei überragenden Vorgängerwerke The Seer (2012), To Be Kind (2014) und The Glowing Man (2016)  erreichen. Doch hat der mittlerweile 68 jährige Gira dem Album auch sicher absolut keinen Gefallen damit getan, als er nach The Glowing Man mit viel medialem Wirbel das Ende „dieser Swans-Inkarnation“ ankündigte – nur um dann drei Jahre später im weitesten Sinne (und nur kleinen Korrekturen im Programm) doch weiterzumachen, wie schon zuvor nach der Reunion 2010.
Allerdings war da zugegebenermaßen schon auch ein Gefühl, dass bestimmte Elemente des Sound einen stilistischen Scheideweg wie My Father Will Guide Me up a Rope to the Sky (2010) provozieren hätten können. Insofern ist es absolut verständlich, dass gerade die coronabedingte Absage der Tour zu Leaving Meaning Gira hart zusetzte, während ihm auch noch ein Sturz vom Hausdach die eigene Sterblichkeit vor Augen führte.
Es ist insofern wohl kein Wunder, wenn der vom Existenzialismus und Todessehnsüchten seit jeher so faszinierte Gira wenig mystisch Sätze wie „At my current stage of life, I’m increasing aware that this (or any) effort may be my last“ sagt und im kommenden Album „a profound sense of finality“ ortet.

Tatsächlich ist auf Is there Really a Mind? eine kreative Metamorphose (im subtilen Ausmaß) ebenso zu spüren wie (textlich keineswegs dezent) die Bereitschaft zur endgültigen und finalen Zäsur – während das versammelte Material mehr als alles eben auch typisch Swans ist.
Paradise Is Mine etwa gleich als stoisch geschrammtes, vierteiliges Wechselspiel aus zwei archaischen Akkordfolgen, monoton und repetitiv, wie Gira es längst patentiert hat – sein Gesang wirkt jedoch weicher und melodischer als gewöhnlich. Wenn der Song aufmacht, hat seine Intonation gar etwa süffisant-saloppes im Americana und Country. Auch das eingangs als falsche Fährte fragil gezupfte The Beggar bietet erst business as usual – bis auf die sonor croonenden Vocals, die in Schieflage flirten und wie die Assimilation großer weiblicher Chanteusen (in die limitierte, aber unverkennbare Bandbreite) von Gira wirken. Eine vielversprechende Ästhetik.
The Parasite flaniert weihevoll in theatralischer Melancholie und wird im Verlauf feierlicher, das flott-beschwingte Los Angeles: City of Death ist kurz und gelöst, locker und bittersüß, verführerisch und manisch – und könnte im Endeffekt auf der Rohbau einer Punknummer werden. Ein angenehmer Kontrast zum schwergängigen Modus Drumherum jedenfalls schon jetzt.

Ebbing ist (auch wenn die Liner Notes dies nicht deklarieren) ein Duett am kalten Lagerfeuer mit hellen Nuancen und Why Can’t I Have What I Want Any Time That I Want? lässt Eruptionen in der lethargischen Tristesse einer abgekämpften Kasteiung erkennen. In The Memorious werden die Credits doch noch erweitert: „Little Mikey“ setzt als kindlicher Baby-Fiebertraum die Stimmung für eine flüsternde Trance, in der die Stimmen kultisch nachhallen.
In Michael Is Done klafft die Schere aus Form und Inhalt, wenn eine hoffnungvoll-spannende Aufbruchstimmung Texte wie „When Michael is gone/ Some other will come/ When the other has come/ Then Michael is done“ trägt, Swans gleichzeitig auf die Ebene einer rein persönlichen Projektionsfläche geholt werden und sich gewissermaßen einen Kreis schließt, daher die kryptisch-universellen Tragweite der Band (ohne all ihre prägenden Musiker unter Wert zu verkaufen!) ohnedies immer schon synonym für die alleinige Vision Giras stand.
Unforming zeigt als depressive Niedergeschlagenheit nur noch wenig Lebensgeister, hat damit jedoch auch seinen Frieden geschlossen („I will soon disappear/ Who cares and who knows/ Where I’ve been or will go?/ My true namе was written/ In the water and snow/ And that was thе time/ To let it all go“) und bietet einen versöhnlich erlösenden Klimax („Freedom from fear!“), bevor No More of This in sich kehrt und geradezu frontal keinen Hehl aus seiner Agenda macht: „Now is the time to pay/ There will be no bright shining new day/ No tomorrow, no open way/ Now is the time to finally walk away/ …/ No more of this“.
Ja, das aus Is there Really a Mind? wachsende Werk kann kaum etwas anderes als der Schwanengesang der Swans werden – und die Aussichten darauf, was die personell grunderneuerte Band aus diesen Möglichkeiten machen könnte, sind dann schon spannender, als man sich die Zukunft nach Leaving Meaning bei aller Liebe ausgemalt hätte.

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