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Swans – What Is This?

Swans - What Is This?

Michael Gira installiert die nächste Inkarnation seiner Swans. Dafür behält er die Tradition bei, seine regulären Studioalben mit spartanischen Demo-Ausblicken zu finanzieren: Das ist What Is This?

Das auf 2500 Stück limitierte What is This? folgt damit den Crowdfunding-Vorgängern We Rose from Your Bed with the Sun in Our Head, Not Here / Not Now, The Gate oder vor allem dem geistesverwandt veranlagten I Am Not Insane, läutet aber eine neue Ära der Swans ein: Für den noch unbemittelten, wohl 2019 servierten Nachfolger zum Quartett My Father Will Guide Me up a Rope to the Sky (2010), The Seer (2012), To Be Kind (2014) und The Glowing Man (2016) hat Michael Gira unter anderem The Necks, Ben Frost, Maria und Anna von Hausswolff, Baby Dee, King Krimson-Mann Bill Rieflin sowie die alten Bekannten Kristof Hahn, Larry Mullins Cassis Staudt und Dana Schechter, sowie die unverzichtbaren Thor Harris und Norman Westberg einberufen.
Auf What Is This? ist davon allerdings noch wenig zu erahnen: Im Gegensatz zu (beinahe allen) vorangegangenen Demo/Livealbum-Hybriden seiner Finanzierungskampagnen stemmt Gira diesmal jede einzelne der versammelten zehn Nummern als reine Demo-Aufnahme alleine mit einer archaischen (Akustik)Gitarre, nur in The Nub schaut Gattin Jennifer als Gastsängerin vorbei.

Somit ist es nicht nur irritierend, dass What Is This? nominell außerhalb von Giras Solokanon und innerhalb des offiziellen Swans-Kontext gelistet wird, es lässt sich auch nur schwer erahnen, zu welchen Ungetümen die Nummern letztendlich im vollen Bandgewand wachsen könnten – obwohl der Schnitt zur Vergangenheit keineswegs sauber vollzogen wird.
Den Melancholiker Amnesia etwa kennt man mit anderen Arrangement bereits vom 1992er Album Love of Live, das mittlerweile zum Trostpflaster gestreichelte Annaline hingegen von I Am Not This. Cathedrals Of Heaven (in Setlisten bisher als „Prayer Thing“ gelistet) wiederum hat seinen Ursprung im Ende von The Knot, welches am limitierten 2017er Livealbum Deliquescene seine Premiere feierte, aber genau genommen ohnedies „nur“ eine Überarbeitung des 2010er Songs No Words / No Thoughts darstellt. Das vorsichtige (und in dieser Aufbereitung über mäandernde 12 Minuten doch viel zu lange geratene) My Phantom Limb kann man von vorangegangenen Touren dagegen noch unter dem Arbeitstitel The Secret Sharer kennen, das meditative It’s Coming and It’s Real als zweckdienlich benannten The Last Song – ein sehr versöhnlicher Ausklang, live wie auf Platte.

Überhaupt suggerieren die versammelten Songs, dass der subversive Ton der kommenden Platte ungewohnt optimistisch für Swans-Verhältnisse ausgefallen sein könnte, eine relative Leichtigkeit und Lockerheit über den Dingen in Aussicht stellt. Leaving Meaning etwa gibt sich melancholisch lauernd und sinniert einnehmend, doch spätestens wenn Gira die Akkorde ins zuversichtliche verschiebt, bekommt der Song Oberwasser. Das energische Sunfucker sowie der einnehmende Titelsong überzeugen unmittelbar, wogegen The Hanging Man seine Ausgangslage als hibbelig-manisch Interpretation von Nick Drake auf der Apokalypse-Kanzel nirgendwo hinführen kann: Ohne die stoische Motorik einer Band im Rücken wirkt der Zehnminüter wie ein prätentiös mäandernder Swans-Song in skelettiert. What Is This? kann in seiner asketischen Form nur bis zu einem gewissen Grad funktionieren, der instrumentale Minimalismus ist der angestrebten Größe der Kompositionen nicht immer zuträglich.

Für Evolutionstheoretiker hat das deswegen gleichermaßen vielversprechende wie latent monotone Ausgangsmaterial zwar bereits jetzt seinen Reiz, bleibt jedoch nichtsdestotrotz vor allem ein noch unfertiges Schaulaufen von Rohdiamenten, dass das vorhandene Potential mal besser, mal weniger überzeugend übersetzt.
What Is This? liefert damit pflichttreu (mit gefühltem Etikettenschwindel) an seine Käufer ab, entwickelt auch trotz der sparsamen Ausstattung und Inszenierung auch eine erstaunlich hypnotisch in den Bann ziehende Atmosphäre, ist aufgrund einer gewissen Gleichförmigkeit gerade über 68 Minuten jedoch primär wohl nur für Hardcorefans und Komplettisten interessant.
Die dürfen sich aber aufgrund der die Stimmungsfarbe der Band in eine neue Ausgangslage bringen könnenden Demosammlung, etwaigen Instagram-Teasern sowie den Stücken, die Gira nachweislich noch in der Hinterhand hat (ein neu arrangiertes You Will Pay sowie noch unbetitelte, als „organ thing“ und „long song“ firmierende Skizzen) in Wallung versetzt fühlen: Die gute Diskografie-Fußnote What Is This? steigert die Spannung auf die (neuerliche) Wiedergeburt der Swans dann doch drastisch.

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