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Tanner Merritt – Cyrus I: Weight of Reflection

Tanner Merrit - Cyrus I: Weight of Reflection

Doubt, das Debütalbum von Tanner Merritt, war eine anmutige, aber zerfahren plätscherte Unausgegorenheit. Durch den nachhallenden Charakter von You & I bekommt Cyrus I: Weight of Reflection als Zweitwerk des O’Brother-Sängers nun allerdings die nötigen Leitlinien.

Obwohl auch die Stammband des Mannes mit der androgynen Stimme gewissermaßen eine Nischensensation geblieben ist, irritiert es dennoch, dass die Solokarriere von Merritt selbst gefühlt noch weiter abseits der breiten Wahrnehmung stattzufinden scheint: Obwohl gerade seine Vocals unverwechselbare Anziehungspunkte generieren und elementarer Teil der Identität von O’Brother sind, scheint Merritt – wie schon mit dem Einstand Doubt vor acht Jahren – mit seinem zweiten Album kaum Beachtung zu finden, scheinbar sogar abermals weitestgehend außerhalb der Aufmerksamkeit der Fanschichten des Mutterschiffs stattzufinden.
Vielleicht liegt es diesmal nur an der unerwarteten DIY-Veröffentlichung ohne große Vorankündigungen, denn grundsätzlich holt Merrit all jene, die dem fantastischen 2020er-Album von O’Brother gefolgt sind, mit einem als Appendix empfundenen Nachhall von You & I ab: Cyrus I: Weight of Reflection bewegt sich mit filigranem Pathos schwelgend in der selben ätherischen Ambient-Elektronik, agiert dabei aber noch form- und zwangloser, die freien Strukturen sind mit einem immanenten Weichzeichner ins Nebulöse aufgeweicht.

Nur das beinahe mit abstrakten Hip Hop-Beats seine fragilen Nuancen unterfütternde Easily Shaken kommt am Ende ansatzweise einem kraftvoll bratzenden, sich auflehnenden Ausbruch, einem eruptiv die Katharsis suchenden Klimax und einer höchstens absolut behutsamer Annäherung an den majestätischen Rock von Merritts Band nahe – ohne aber tatsächlich aus der sanften, fast nebulös skizzierten Gangart der Platte auszubrechen.
Ohne O’Brother findet Merritt keine klaren Höhepunkte, und nicht zum zwingenden Punkt – er sucht ihn allerdings wohl auch niemals wirklich. Stattdessen lässt er die Songs mit verwaschenen Konturen frei treiben, konzentriert sich auf die tolle Stimmung und Atmosphäre, nimmt mit elektronischen Rhythmen (die für sich genommen nicht sonderlich interessant oder gefinkelt gebastelt sein mögen, alleine der Unterstützung der Ästhetik dienen), postrockigen Gitarrenflächen, typischen Klavier und Gesangs-Melodien eher eine mäandernde Komfortzone ein, in der Cyrus I: Weight of Reflection geradezu als Klangmalerei zu verstehen ist: homogen an der Grenze zur Gleichförmigkeit, subversiv an der Schwelle zur Gefälligkeit, und unspektakulär mit einem Bein in der Nebensächlichkeit findet Merritt seine Bildsprache. Denn ja, die kontrastierenden Reize und Reibungspunkte seiner O’Brother-Bandmitglieder mögen den kurzweiligen 40 Minuten abgehen, doch erzeugt Merritt über die unscheinbare Ruhe der Subtilität eine meditativ begleitende, auch einnehmende Wirkung.

Im düsteren Release flimmern die Synthies mit cinematographischer Wave-Dystopie, auch Weight of Reflection (verspulte Soundschleifen hypnotisieren mit rückwärts laufenden Loops und sphärischen Gesängen), Too Easy (der Vocoder passt zur gezupften Gitarren und den perlenden Tasten im Ambient) oder das mystisch schippernde Gleam in the Grey sind für das runde Gesamtwerk konstruierte Interludes und Bindemittel, bevor das naturalistische Stuck mit esoterischen Field Recordings wie das Erwachen aus einem unwirklichen Traum anmutet.
Dazwischen ist Corridors Piano-R&B mit balladesken Downbeat-Motiven und einer Tendenz zu Black Holes and Revelations in bescheiden, Merritt begleitet sich selbst in verfremdeten Stimmen in den Texturen, das dunkel funkelnde Settle Down taucht ähnlich an und ab. Das maritime Blame setzt auf ein klares Klavier, unaufgeregte James Blake‘sche Beats und lässt sich mit geschlossenen Augen gehen. Exit Sign pluckert ein wenig abseitiger, psychedelischer. Eine Lavalampe in Zeitlupe, die ihr Korsett für einen hellen Refrain lichtet, auch wenn die Industrial-Gefährlichkeit niemals die Klauen von der Nummer lässt. Merritt badet jedoch in orchestraler Grandezza, die Orgel breitet sich in die Tiefe aus und die Streicher schimmern nach oben. Dass sich ein Never Far (mit auseinandergebauten und verspielt wieder zusammengebastelen Piano-Muster als Grundlage, zu dem der Song nachdenklich schnipst und rasselt und rumpelt) in seinen Welten zu verlieren droht, ist dann symptomatisch für eine Platte, die etwas seltsam unerfüllendes transportiert, gleichzeitig aber mit schwereloser Gravitation einen Effekt der unstillbaren Faszination entwickelt.

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