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The Flaming Lips – King’s Mouth

Als eine weitere Record Store Day-Absurdität wäre King’s Mouth: Music and Songs aber auch wirklich eine Verschwendung gewesen. Nun erscheint das ursprünglich auf 4000 Vinylexemplare limitierte Werk zumindest in digitaler Form doch noch auch auf breitem Vertriebsweg als offiziell es 15. Studioalbum der Flaming Lips – und ist die eventuell beste Veröffentlichung der Band seit mindestens einem Jahrzehnt.

Diesmal aber wirklich! Das liegt fokussierend an griffigen Szenen wie jenen, wenn etwa The Sparrow seine Trance auflöst, Chöre irgendwann eine träumende Gitarre begleiten, der Rhythmus zum Hip Hop schielt und Wayne Coyne die Nummer zurück in den Märchenwald streichelt, um dort eine kammermusikalische Friedfertigkeit zu finden. Oder All for the Life of the City mit einer liebenswürdig- stacksenden Schrulligkeit zu schlurfen beginnt, das lauernd-schreitende Funeral Parade mit cartooneskem Ohrwurm-Groove marschiert, über dem sich die Chöre einen Tanz anbieten oder der Titelsong sich so wundervoll-simpel auf seine Akustikgitarre konzentriert, dass man sich irgendwann fragen muss, ob die Flaming Lips ihren Wahnsinn womöglich seit Yoshimi Battles the Pink Robot und At War With The Mystics nicht mehr derart songdiendlich dem Pop geweiht haben. Das kunterbunte Tollhaus macht jedenfalls wieder Spaß, anstatt einem die Sicherungen auszuleiern.

Auch abseits dieser herausragender Momente und inmitten des Narrativs der Klangkosmos-Interludes platzierten Songs  gilt nämlich, dass die Flaming Lips auf King’s Mouth nicht mehr nur die ausgeflippte Freakshow oder das mit entrückter Ästhetik abholende (und um ehrlich zu sein: kaum langfristig fesselnde) Skurrilitätenkabinett anbieten, für das man die schräge Bande im vergangenen Jahrzehnt schätzen konnte – nein, sie packen auch endlich wieder auf emotionaler Ebene.
Wayne Coyne singt (neben allerhand abstrusem Mumpitz) ergreifende Zeilen wie „The universe brought you here, yeah it’s true/ The universe can take you away, too/ Though you’re gone, if I can listen I can hear you/ The door to my heart, always stay open“ und „Life is fun and life is big/ And life is full of joy/ …/ I could see my mother as she died/ In my head and in my hands/ In the dirt and in the land/ And it made me understand/ That life sometimes is sad“ und verankert den zwischen Progressivität und Ambient wandelnden neopsychedelischen Pop seiner Band über gefühlvollere Texte und weichere, nahbarere Intonation näher an der Gefühlsebene. Wärmer und unschuldiger, einnehmender und schüchterner als auf der von Mick Jones erzählten, natürlich absurden Geschichte eines Königs, der sich selbst für sein Volk opfert (oder so), klangen die trippigen Space-Odysseen der Band zuletzt jedenfalls selten bis nie.
Die ätherische Keyboarde, schwerelosen Effekte und pluckernde Elektronik finden über eine zerfließende Rahmenhandlung und unaufgeregte Melodien ohne überkandidelte Gesten mit geradezu kindlicher Naivität eine kaum anstrengende Sensibilität wieder – auch wenn nicht nur der Nursery Rhyme How Many Times?? sein catchy Potential deswegen zu bescheiden unter den Tisch kehrt, zu vage den möglichen Hit skizziert, eben niemals ganz greifbar wird und kein zwingendes Momentum möchte, sondern lieber traumwandelnd döst. So ganz wollen sie auch diesmal nicht.

Weswegen King’s Mouth in der Grauzone als Andeutung alter Größe und unablegbarer Verschrobenheit genau genommen auch stärker frustrieren könnte, als seine direkten Vorgängeralben – die man ja selbst als Fan weitestgehend als polarisierende Spinnereien abtun durfte, als Ausdruck einer Phase. Und ja, King’s Mouth hätte mit ein bisschen mehr Euphorie im Kontrast zur Melancholie und Schönheit, klareren Konturen und weniger wattiert wiegender Harmlosigkeit tatsächlich ein überwältigendes Album werden können – was irgendwie zu jedem Zeitpunkt spürbar ist.
Stattdessen lassen sich die Flaming Lips treiben und liefern auch so ein entlohnenderes und befriedigender nachwirkendes Werk als (die absolut ihre Qualitäten habenden!) The Terror oder Oczy Mlody. Obwohl es um die aus dem plätschernden Wesen aufzeigenden Szenen natürlich weiterhin (zu) viel Schmafu und einigen halluzinogenen Leerlauf gibt, Katzen kurzerhand hysterisch aufheulen, wenn man ihnen auf den Schwanz tritt, und sich die Flaming Lips anderswo halberfolgreich in den Schlaf säuseln wollen, ist King’s Mouth nämlich doch ein homogenes, pointiertes, kurzweiliges und unterhaltsames Ganzes geworden, das sich geradezu angenehm in einem Stück durchhören lässt, phasenweise eben gar herzerwärmend.
Vor allem streuen die versammelten 42 Minuten deswegen aber auch die Hoffnung, dass sich die Flaming Lips nach der über Embryonic vor einem Jahrzehnt begonnenen Reise in das hirnwütig ungebremste Delirium langsam aber sicher wieder in die (auch ohne bewustseinserweiternden Stimulanzien abholende) nachvollziebar-greifbare Erdnähe zurückbeamen könnten.


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