The National – I Am Easy to Find

von am 17. Mai 2019 in Album

The National – I Am Easy to Find

I Am Easy to Find vermisst bis zu einem gewissen Grad eine neue Wohlfühlzone für The National: Matt Berninger ist nicht mehr das alleinige Gravitationszentrum von Songs, die ihre (zu) weitschweifende Ausgeglichenheit auch in der harmonischen Balance mit der weiblichen Perspektive finden.

Und das offenkundig schneller, als geplant. Eigentlich wollte die Band auf das enttäuschende Sleep Well Beast folgend ja erst einmal eine Pause einlegen. Doch das Angebot von Mike Mills (dem Regisseur, nicht dem R.E.M.-Bassist) wollte man dann doch nicht ausschlagen: (Separat) entstanden ist nicht nur ein Kurzfilm mit Covergirl Alicia Vikander in der Hauptrolle (für den die nun versammelten 63 Minuten als bisher längstes The National-Werk übrigens dezidiert nicht den dazugehörigen Soundtrack darstellen), sondern eben auch das achte Studioalbum der Konsensband aus Ohio.
Und da sich die Zukunftsabsichten von The National anders entwickelt haben, als ursprünglich geplant, kann man wohl auch die Hörerschaft erst einmal verladen. Der Opener und erste Vorbote You Had Your Soul With You ist jedenfalls nur zum Teil repräsentativ für die folgenden 15 Songs, wenn die nervös fiepende Programmierungen und zerhackend-gedrehten Computerknöpfe die konsequentere Fortsetzung der unausgegorenen Elektronik-Tendenzen von Sleep Well in Aussicht stellten. Diese bleiben nämlich nur eine sporadisch auftauchende, diesmal jedoch erfreulich subtil eingearbeitete Nuance der Platte.
Etwa, wenn Hey Rosey einen düster-wummernden Industrial-Produktions-Anstrich im schmusenden Gewand wattiert bekommt, der Titelsong als Gänsehaut-Intimität über einer digitalen Installation brütet oder Hairpin Turns seine Nachdenklichkeit auch aus analogen Synthies samt Drum-Maschine perlen lässt. Abseits davon frönt das durch und durch besonnene I Am Easy to Find in seiner weitestgehend sehr ruhigen Ausrichtung jedoch nur selten dem flauschigen Indie-Rock (Where Is Her Head packt schmissig rumpelnd ausnahmsweise trotzdem den Trademark-Rhythmus aus und die jahrelange Live-Bank Rylan shuffelt zum zuverlässigen Klassiker), sondern sinniert näher an der unaufgeregt-balladesken Getragenheit des namensverwandten Trouble Will Find Me von 2013.

Was You Had Your Soul With You allerdings doch absolut adäquat vorweggenommen hat: Nie zuvor haben die Berufsmelancholiker The National der femininen Sicht soviel Präsenz und Gewicht in ihren Songs gegeben wie bisher, die weibliche Stimme ist nun elementar. Dass Berningers Samtbariton wunderbar geschaffen für gemischtgeschlechtliche Duette ist, weiß man ja nicht erst seit Sleep All Summer, Representing Memphis oder dem letztjährigen Chvrches-Besuch. Doch was bisher oft Nebenschauplatz war, rückt nun maßgeblich weiter in das Zentrum der Dominanz.
David Bowie-Spezi Gail Ann Dorsey, Eve Owen, Diane Sorel, Mina Tindle, Kate Stables oder die ehemalige Damien Rice-Muse Lisa Hannigan prägen weite Strecken der Trackliste als heimelige Gäste, sind stets harmonisch ebenbürtige Bausteine im Songwriting und nicht nur ausschmückendes Gimmick. Wodurch I Am Easy to Find auch keine elementare Neuerfindung des Bandsounds an sich erzwingen muss, um dennoch seinen ganz eigenen, unverkennbaren Raum im The National-Kosmos für sich zu reklamieren.
Dabei ist es schon erstaunlich, dass ein Album, dass so sehr auf externe Einflüsse baut, dennoch vor allem das Gefühl hinterlässt, am Kern der Band zu schwelgen – gewissermaßen eine Beziehung vertieft, ohne dabei trotz neuer Facetten unbedingt überraschende Geheimnisse zu offenbaren, indem vielmehr die befriedigende Basis mit konstanter Charakterentwicklung erneuert wird. I Am Easy to Find gleicht deswegen auch ein bisschen einer ein langjährigen Freundschaft, die keine überwältigend lodernde Leidenschaft mehr entfacht, aber durch besonders herzliche Gesten anmutig aufgefrischt wird.

Das homogen fließende Album wirkt dabei auch eher durch die schiere Masse aus hochwertigen, ebenbürtigen Songs nach, als durch präzise herausstechende Einzelsongs und sich aufdrängende Vorzeige-Hits. Unsterbliche Ausnahme-Evergreens auf Augenhöhe mit dem bisherigen Diskografie-Firmament geben sich sowieso erst langsam zu erkennen: The Pull of You zirkelt sein stacksendes Signature-Schlagzeug um verspulten Ambient, in dem Sharon Van Etten herausragende Akzente in rezitierender Hypnose setzt. Das behutsam ausgebreitete Not In Kansas kippt seine Kontemplation dagegen immer wieder in ein ätherisches Noble Experiment-Zitat und wirkt damit als progressiv-nostalgischer Kaleidoskop-Blick auf ein traditionelles Folk-Puzzle, während die abschließende Klaviernummer Light Years als versöhnliche Schönheit das Herz aufgehen lässt und die Seele streichelt.
Überhaupt kommen mit jedem wachsenden Durchgang so viele weitere wunderbare Details und zu entdeckende Lieblingsmomente an die Oberfläche, die vor dezenten A Moon Shaped Pool-Streichern und unscheinbaren Chören flächig texturiert strahlt. Wie Quiet Light beispielsweise seine Pianomelodie in Verbindung mit der tickenden Dynamik setzt, oder Roman Holiday das submaritim-entschleunigte Flair in den Himmel schickt. Wie sich Berninger im romantisch-filigran stampfenden Oblivions so weit zurücknimmt, dass er förmlich zu verschwinden scheint, oder man The National in der avantgardistisch verwunschenen Chor-Collage Dust Swirls in Strange Light ohnedies kaum noch als Urheber zu erkennen glaubt – sie arbeiten im Hintergrund, um die Perspektive auf das große Ganze nicht zu verstellen.

I Am Easy to Find will deswegen auch als Gesamt(kunst)werk verstanden wissen und scheitert an diesem Anspruch auch nur minimal. Würden der Platte Nummern fehlen (oder wie unlängst auf For the Throne anderweitig geparkt werden), würde das den Spannungsbogen tatsächlich kaum negativ beeinflussen – nicht jeder Augenblick ist essentiell. Doch dass I Am Easy to Find rund um das elegisch schimmernde, mit zuviel Zeit mäandernde So Far So Fast oder den Interludes Her Father in the Pool und Underwater gerade im Mittelteil eine Spur zu lang ausgefallen ist, stört durch die kohärente Stimmung und Atmosphäre im Umkehrschluss wiederum ebenfalls kaum.
Womit das Album bis zu einem gewissen Grad ähnlich konzipiert ist wie etwa The Suburbs von Arcade Fire, am thematisch und narrativ zusammenhängenden Stück konsumiert und im schlüssigen Kontext verstanden doch am besten funktioniert. Wenn man nicht das Spektakel sucht, sondern eine zeitlos angenehme, wunderschön tröstend-traurige Wohlfühlplatte, in die man ohne Hast eintauchen kann. Dann nehmen The National auch nach all den Jahren mit einer vorsichtig erweiterten Klangfarbenpalette immer noch über eine vertraute Wärme und Geborgenheit in die Arme, die seinesgleichen sucht.

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