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The Rolling Stones – Living In A Ghost Town

The Rolling Stones - Living In A Ghost Town

So wenige Gedanken und Energien die Rolling Stones längst an das Artwork ihrer sporadisch gewordenen Veröffentlichungen verschwenden, so sehr ist die Single Living in a Ghost Town dann musikalisch ein erstaunlich schmissiger Bluesrocker mit kurzweiliger Substanz geworden.

Die aktuelle Pandemie-Zeit scheint zahlreiche ältere, zuletzt ja nicht gerade für ihre Studio-Umtriebigkeit bekannte Semester ordentlich auf Betriebstemperatur zu bringe – man denke derzeit nur an den hochgefahrenen Arbeitsethos von Bob Dylan.
Im Gegensatz zu diesem (und natürlich auch dem eigenen Backkatalog gegenübergestellt) hat das erste Stones-Original seit immerhin knapp 8 Jahren – und doch schon wieder dreieinhalb nach der tollen Cover-Sammlung Blue & Lonesome – keinesfalls die Qualität oder Absicht in irgendeiner Weise ikonisch aufzutreten, sich als neuer Klassiker innerhalb der hauseigenen Diskografie zu positionieren.
Doch hat die schon lange, nämlich vor knapp eineinhalb Jahren in L.A. aufgenommene, von Jagger nun aber inhaltlich kurzerhand zur Corona-Standortbestimmubg umfunktionierte Nummer dafür durchaus das Momentum auf ihrer Seite.

Weswegen an dem catchy Stück die meisten Vorwürfe auch irgendwo abprallen. Ob die Stimme des 76 jährigen Sir Mick nur mit Vocoder-Hilfe derart jung und frisch klingt, ist spätestens dann ohnedies relativ egal, wenn er beherzt zur Mundharmonika greift und auch das merklich unpräzise Spiel von Charlie Watts ausgleicht. Dass die Gang-getragene, schunkelnde „Ohohoo“-Hook in ihrer süffisanten Shanty-Optik eigentlich ziemlich billig ist, funktioniert als gelungenes Mittel zum Zweck trotzdem nahtlos, wenn man Living In A Ghost Town als veritablen Ohrwurm einfach nicht und nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Was anderswo wohl nur ein solider Standard wäre, transportiert in den Händen der Stones Charakter und Charme, einen unerwartet frischen Esprit und durchaus entwaffnende Spielfreude, von der sich zahlreiche jüngere Generationen mehr als eine Scheibe abschneiden könnten.

Dabei sind die knapp vier Minuten an sich keine restlos typische Stones-Single, wenn sich die Band mit dubiggen, nonchalant verschleppten Groove bisweilen eher in ska-lastigen Gefilde herumtreibt. Also ungefähr dort, wo Joe Strummer etwa Get Down Moses empfahl oder die (passenderweise referenzierten) Specials so auf Encore nur selten derart klar mit einem Händchen für intuitiv hängen bleibenden Melodien ausstattet waren.
Weswegen Living In A Ghost Town vor diesem Hintergrund dann auch nicht nur eine unaufdringlich schmissige Bluesrock-Nummer in zurückgelehnter, unspektakulärer Klasse ist, sondern zum Aufzeigen im Grunde genau das nicht unbedingt benötigen würde, worauf die Stones hier zumindet lyrisch verweisen – die zeitaktuelle Gunst der Stunde, die man freilich nicht mit tatsächlicher Relevanz verwechseln sollte.

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