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Thrice – Deeper Wells

Thrice – Deeper Wells

Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass Thrice hier nur vermeintliche Ausschussware zum Record Store Day 2019 verschwenden: Deeper Wells ist zu weiten Teilen die bisher stärkste Veröffentlichung der Band seit ihrem Comeback.

Die auf 4000 Stück limitierte, einseitig bespielte Vinylauflage kommt in weiß, aber ohne Downloadcode daher. Darf man Dustin Kenrue glauben, wird die Deeper Wells EP in den kommenden Monaten allerdings auch digital verfügbar sein.
Spätestens dann kommt man als Fan um die 17 Minuten neuer Musik also nicht mehr umher, die nominell auch gar nicht als Resteverwertung der Palms-Session laufen sollen, sondern als ergänzendes Projekt firmieren – und das variable Wesen des zehnten Thrice-Albums auch wirklich weiter pflegen. Vor allem aber hebt Deeper Wells die zuletzt ohnedies nach oben zeigende Formkurve der Band qualitativ noch einmal über vier mehr als überdurchschnittlich abliefernde Songs weiter an, indem die Kanten von Eric Palmquist produktionstechnisch (abermals die Gitarrenspuren zu unkonkret akzentuierend) mit härteren Konturen in Szene gesetzt werden.

Gerade der Einstieg erwischt einen unvorbereitet. Der Titelsong zieht die Spannungen energisch an und entlädt sie dann als erstaunlich roher, fast punkig nach vorne getriebener Rocker. Kensrue klingt rau und hungrig, die Backingvocals brüllen sogar latent, die Gitarren schalten sich simpel zu dem hetzenden Rhythmusgerüst, das hinten raus ordentlich kurbeln darf. Vielleicht kein herausragendes Juwel der Discografie, aber ästhetisch als harsch austeilende Heavyness zu diesem Zeitpunkt der Karriere ein sehr willkommenes, weil so erfrischend von der Formel abweichendes Statement mit angriffslustiger Muskelanspannung: Thrice können sich noch die Hände schmutzig machen – obwohl danach mehr Radiofreundlichkeit in den Verlauf einkehrt.

A Better Bridge übersetzt die relative Bissigkeit zumindest in einen klassischen Song (schroffer als zuletzt, aber rund und schmissig im zurückgenommenen Tempo), der auf einen großen Refrain lauert und sich tatsächlich für eine hymnisch drehende Schönheit mit der richtigen Balance zum Pathos öffnet. Der ansatzweise soulige Zwischenpart wird live wohl enthusiastisch klatschend angenommen werden, wo man über das vielleicht einmal zu oft repetierte Schema hinwegsehen darf und sich lieber in ein wiegendes Finale verliert, das nahtlos zu In This Storm überleitet. Drummer Riley Breckenridge sorgt für Kontrast in einem gefühlt schon oft von Thrice gehörten Melodieaufbau, das sich letztlich angenehm entspannt löst. Sehnsüchtig leidend schwelgen die vier atmosphärischer über etwas zu klischeehafte Lyrics, ziehen die Zügel enger und packen erst den kantigen Groove und dann die Schmusedecke aus: Thrice interpretieren den Stadionmodus hier als zurückgenommene Intimität, einem ausgewogener zurückgekehrten Gefühl für Dynamik und umgangene Übersättigung – das passt!

Trotzdem bleibt die messianische Ader von Kensrue ein ambivalenter Input, seine Texte oft zu nahe am bedeutungsschweren Kitsch orientiert – was im schmalen Kontext einer EP noch deutlicher auffällt und Deeper Weels zwischen den Wertungen liegend (bei aller über den Erwartungen liegenden Performance) knapp doch noch zur schwächeren der beiden abstuft.
In Stumbling West scheint Kensrue jedenfalls mit langgezogenen „I was born to love you“-Vokalen die beschwörende Mumford & Sons-Sülze nicht gänzlich umgehen zu können, doch seine Band konterkariert dies geschickt mit schleppend lauerndem Schlagzeug, grandios oszillierenden Basslauf (ein Nachkomme von Blackmails Foe?) und atmosphärischen Lavalampen-Gitarren – weswegen sich der Sänger in diesem verdammt gelungenen Umfeld letztendlich zur stimmungsvollen Zurückhaltung über leisen Ambient-Synthieschwaden überreden lässt.
Zwar bleibt nach Deeper Wells so der Eindruck, dass Thrice ohne die melodramatischen Bedeutungsschwere, die Kensrue mittlerweile standardmäßig auspackt, noch spannender, überraschender und auch interessanter auftreten würden. Das verhindert diesmal aber nur, dass die eine Spur zu bekömmlich gewordenen Thrice wirklich endgültig wieder auf Augenhöhe mit ihrer Phase vor dem Hiatus 2012 agieren würden. Das nachhaltigste Material seit Major/Minor (2011) ist dennoch drinnen- jeder einzelne Song hier wäre ein Highlight auf dem enttäuschenden To Be Everywhere Is To Be Nowhere und Palms gewesen.

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