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Various Artists – The Others [Lustmord Deconstructed]

Various Artists - The Others [Lustmord Deconstructed]

Da stimmen Qualität und Quantität: Das Berliner Ausnahmelabel Pelagic Records versammelt für The Others [Lustmord Deconstructed] 13 Jahre nach dem heuer ausgiebig gefeierten [ O T H E R ] 16 namhafte Parteien, um Brian Williams aka Lustmord und seinem Werk Tribut zu zollen.

Erst im letzten Viertel der mit 127 Minuten ja alles andere als kurz und kompakt ausgefallenen Compilation verliert The Others [Lustmord Deconstructed] sein kohärentes Momentum doch  ein wenig. Auffälligerweise also genau dann, wenn auch öfter auftauchende Gesangsspuren ein Merkmal in der bis dahin weitestgehend instrumental gehaltenen Sammlung darstellen, die ansonsten formoffenen Ansätze der Cover-Versionen konventioneller strukturiert ausgelegt eine Zerfahrenheit an den Tag legen, und damit exemplarisch nicht so schlüssig funktionieren, wie die expliziten Mood Pieces der Platte.
Und dennoch: Selbst in seiner Schlussphase ist The Others [Lustmord Deconstructed] immer noch mehr als die Summe seiner Teile und ein atmosphärisch ganzheitlicher Score zum darin versinken, der die Trademarks der aufgefahrenen Interpreten weniger an die Originale anpasst, als umgekehrt.

Mono liebkosen in Er Eb Os etwa ihre unverwechselbaren Postrock-Gitarren, die melancholische Klangfarbe und Wärme ist eindeutig und charakteristisch – dass eine lautmalende Stimme als zusätzliches elementares Instrument dient, ist interessant, doch Mono loopen sich vor allem mit aller Zeit der Welt, bevor die Saiten-Fraktion wachsen, die Rhythmussektion mit mehr beschwörender Dramatik unten aufzuheben beginnt, und das Werk plötzlich voluminös schabend aufplatzt: Strukturell keine Überraschung, aber sehr effektiv, erprobt und befriedigend. Schade nur, dass der Klimax nach knapp eineinhalb Minuten zu abrupt endet, da kann der Ausklang noch so atmosphärisch  betören. Jonas Renkse wird Er Eb Os später übrigens nochmal komplett anders, also weniger Postrock-schablonenförmig zuverlässig, interpretieren, gar überraschend mutig – ungefähr, als würde ein kleines schnarchendes Schweinchen in kurzen Tranchen von einem Presslufthammer durchgeschüttelt werden und Suspense-Ventilatoren ein Kammerflimmern im Blade Runner-Universum mit Radioheads The Gloaming kombinierend jenseits der Melodie auflösen, um den Spannungsbogen dabei deutlich weniger konventionell anzulegen. Zumindest eine sehr interessante Melange.
Alles könnte jedenfalls als eine Frage der Perspektive sein: Prime ist in der Interpretation von Jo Quaill etwa eine düstere, traurige Streicherlandschaft, durch deren Anmut die kargen, vom scharfkantigen Noise geschnittenen Gitarren wie strafgefangene Geister ziehen; in den Händen von Zola Jesus pumpt die Nummer als elegisch becircendes Choral-Experiment. Selbst bei theoretischen Überschneidungen in der Songsauswahl ist die Lustmord-Wurzel also eher ein Katalysator für die eigene Komfortzone der jeweiligen Interpreten.

Ausgerechnet Enslaved liefern mit Eon als Einstieg jedoch einen (un)behaglichen ambienten Drone-Wellengang, abgründig und trügerisch. Die Trommelwirbel passieren ganz tief unten, nautische Gitarren funkeln düster, es könnte jederzeit ein trostloser Choral aufsteigen. Dark Awekening von Ihsahn beginnt, als wäre Hereditary ein Film in der Club-Szene geworden, der eine Western-Outlaw-Stimmung als retrofuturistische Dystopie zu einer antiklimatischen Suspiria-Trance übersetzt, und Plateau  von Bohren & der Club of Gore, als hätte man ein Piano gefunden, dass Trent Reznor in Twin Peaks vergessen hat, wenn das Stück alptraumhaft und wunderschön in eine beklemmendere Trademark-Stimmung so unverkennbar als subversiver Kraftakt tröpfelt, zwischen purer, finsterer Hoffnungslosigkeit und dem Optimismus auf ein Licht am Ende des Tunnels.
Trinity Past (Hackedepicciotto) schreitet als Gedicht-Rezitation mit seinen immer dichter werdenden Streichern unbeirrbar inmitten der Welten von Grails und der Soundtrack-Landschaft von Cave und Ellis, findet am Ende aber eine versöhnliche, wenngleich einsam bleibende Einkehr am wärmenden Americana-Lagerfeuer. Der Drone-Moloch Godeater von Ulver agiert an der Grenze zur okkulten Bedrohung, balanciert die Monotonie aber durch fein ziselierte Nuancen im Spektrum. Spotlights zelebrieren Of Eons als Melvin’esken Post Metal mit schabend-grummelnde Bass und wuchtigen Drums in der Avantgarde als stoisch zusammengesetzten Noise Rock, und am Ende als rückwärts laufende Kontemplation.

Primal [State of Being] (The Ocean) tändelt erst in einer orientalisch verträumten Psychedelik ungewohnt larmoyant flanierend und spannt seine urgewaltigen Kräfte dann monströs an, um später in einem Wellengang der Einkehr das Einverleiben einer bedrohlichen, an den Bläser stehenden Nationalhymne zu feiern. Allerdings wirkt das Stück im Gesamten zwischen all den Ansätzen zerrissen – jedes Segment hätte noch ausführlicher erforscht werden können, bevor Element von Crown extrem unkonventionell als Synthpop der 80er komplett aus dem Rahmen fällt. Wirklich nicht schlecht – aber kein Gefallen für den Kontext.
Jaye Jayle überzeugt dagegen in Er Eb Es mit einer Leonard Cohen‘schen Meditations/Brücke zwischen Prisyn und No Trail and Other Unholy Paths, wohingegen Godflesh mit Ashen den Industrial-Flug über Dune mit kaputt-rauchenden Turbinen simuliert. Naturalistisch darauf der Sequencing-Bruch: Steve von Till pflegt in Testament den Schamanen in sich mit mäanderndem Harvestman-Geplänkel und relaxtem 70s-Kraut – eine unbefriedigende, aber vielversprechende Skizze zweier loser aneinander gereihter Ideen. The Last Days (See The Light) von Årabrot liefert dann zum Abschied ein Mantra als Space Rock, das auf dem stoischen Schlagzeugspiel als Grundlage aufbaut und dabei – wie so vieles hier  – eher ästhetisch Eindruck schindet. The Others [Lustmord Deconstructed] gelingt insofern aber auch ein idealer Tribut-Spagat, weil die Compilation Fans der vertretenen Künstler ansatzlos an Bord holt und für die Entdeckung des oft nicht einfachen, aber immer faszinierenden Schaffens von Lustmord anfixt.

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